Weihnachtsliteratur

Literarische Klassiker zum Fest neu serviert

„Das Weihnachtsbuch“ bietet die großen Erzählungen, scheitert aber an der Auslegung des Weihnachtsgeschehens.
Friesische "Kenkenbuum"
Foto: CC-BY-SA/3.0. | Der friesische „Kenkenbuum“, ist nicht, wie im Buch behauptet, „heidnisch geprägt“. Im Gegenteil: Gerade der nordfriesische Weihnachtsbaum mit den nie fehlenden Stammeltern Adam und Eva ...

Weihnachtsanthologien gehören zum adventlichen Buchangebot. Diese Zusammenstellungen aus Liedern, Gedichten und Kurzgeschichten werden gerne noch mit Plätzchenrezepten angereichert. Zunehmend müssen die Anthologien allerdings mit kleinen monographischen Bändchen wie Weihnachten mit Goethe, mit Storm, mit Rilke oder mit Fallada konkurrieren.

Eine auffallend festliche Gestalt hat die Andere Bibliothek ihrer neuen Anthologie gegeben. Ihr Titel: „Das Weihnachtsbuch“ ist selbstbewusst. Kann der Inhalt dieses Versprechen einlösen oder ist es bloßes Marketing?

„Es ist unzutreffend, wenn der Verfasser behauptet, dass ‚
der heidnische Brauch der Sol-Feier fast unbemerkt
in einem christlichen Fest auf- und unterging‘“

Immerhin hat die Auswahl der Germanist, Volkskundler und bekannte Märchen- und Brüder-Grimm-Experte Heinz Rölleke getroffen. Er hat auch in einem Eingangskapitel „Inhalt und Geschichte des Weihnachtsfestes“ zusammengefasst. Daran schließen sich in einem zweiten Teil „Vorstufen der Weihnacht“ an.

Sodann werden ausgewählte Heiligenfeste und die großen Festtage bis Mariae Lichtmess unter der Überschrift „Der Weihnachtsfestkreis” vorgestellt. Am umfangreichsten ist der abschließende Hauptteil: „Geschichten zum Weihnachtsfest“. Die Texte stammen aus den letzten zweihundert Jahren und wurden chronologisch angeordnet.

Inhaltlich ist vieles sehr bekannt und auch im Handel leicht erhältlich: E.T.A. Hoffmanns langes Märchen „Nussknacker und Mäusekönig“, von Hans Christian Andersen „Der Tannenbaum“ und „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“, Adalbert Stifters „Bergkristall“ sowie das komplette „Weihnachtslied“ von Charles Dickens. Dies gilt auch für Oscar Wildes „Der eigensüchtige Riese“ und Thomas Manns Beschreibung des Heiligen Abends im Hause Buddenbrook.

Autoren klassischer Geschichten aber auch moderne Schriftsteller vertreten

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Erfreulich ist, dass Storms überstrapaziertes „Von drauß? vom Walde komm ich her“ innerhalb des ursprünglichen Zusammenhangs der Erzählung „Unter dem Tannenbaum“ dargeboten wird. O. Henrys anrührende Liebesgeschichte „Das Weihnachtsgeschenk“ hier zu finden, verwundert auch nicht. Es veranschaulicht die Wahrheit, dass sich im Geschenk der Geber immer selber gibt. Auch die Klassiker von Lagerlöf, Hamsun, Pirandello und Timmermans sind vertreten. Rölleke hat mit dem Blick des Erzählforschers auf Qualität gesetzt: Erich Kästners „Felix holt Senf“, die Geschichte eines verlorenen Sohnes, ist ein kleines Meisterwerk. Gemessen an den vertretenen Klassikern der Moderne wie Wolf Dietrich Schnurre und Wolfgang Borchert fallen allerdings die jüngsten Kurzgeschichten deutlich ab. Schade ist, dass Rölleke die Geschichten nicht eingeleitet und kommentiert hat. Die winzigen Ansätze, wie die Anmerkungen zum Weihnachtsbrief Goethes oder die Hervorhebung des Gryphius-Sonetts, hätte man gerne ausgeführt gewünscht. Hier läge Röllekes Stärke. Sie liegt weniger auf dem Gebiet der Geschichte des Weihnachtsfestkreises.

Aus der Tatsache, dass die Kirchenväter nirgends gegen den römischen Sonnenkult polemisiert haben – ganz im Gegensatz zu zahlreichen heftigen Attacken auf andere heidnische Feste – hat die neuere Forschung geschlossen, dass es in Rom gar keinen ausgeprägten Sonnenkult gegeben haben kann. Daher musste das Fest der Geburt Jesu Christi auch keinen Sonnenkult verdrängen. Der Termin für das Geburtsfest des Herrn ist rein innerchristlich motiviert und antwortet keineswegs situationsmilitant auf den Sonnenkult. Es ist unzutreffend, wenn der Verfasser behauptet, dass „der heidnische Brauch der Sol-Feier fast unbemerkt in einem christlichen Fest auf- und unterging“. Den heiligen Franziskus zum Urheber der Krippentradition zu erheben, ist zumindest undifferenziert: In Greccio 1223 war die Krippe leer. Die leibhaftige Gegenwärtigkeit des Gottessohnes ereignete sich für Franziskus während der Christmette in der Gestalt des Brotes und des Wortes Gottes.

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Dass die Romantik für den Wandel des Festes zum häuslichen Kinderfest der Kleinfamilie verantwortlich zeichnet, bringt der Verfasser mit Gedichtbeispielen gut zum Ausdruck. An die Stelle der Vergegenwärtigung des Menschwerdungsgeheimnisses trat bei vielen Erwachsenen seitdem die Weihnachtsstimmung als Rückerinnerung ans Paradies der Kindheit und das bloße „So-tun-als-ob“.

Wo der Verfasser selbst sich vor dem Anspruch des Kindes in der Krippe positioniert, spricht er wohl mit dem Begriff „Menschwerdungsmythos“ aus. Aufbau und Inhalt des Bandes werden von Grundthesen der mythologischen Schule der Volkskunde bestimmt. Im 19. Jahrhundert entstanden und in der NS-Zeit popularisiert sind sie heute wissenschaftlich eigentlich widerlegt. Typisch für diese Sicht ist etwa: „Sagen und Erzählungen von den Rauhnächten und den sie bestimmenden Figuren … kann man in gewisser Weise als Vorläufer christlich geprägter weihnachtlicher Literatur ansehen, wie ja auch das heidnische Julfest selbst erst relativ spät seinen Platz für Weihnachten endgültig geräumt hat.“

Missverständnisse über den Christbaum

Darauf ist zu antworten: Im Schwedischen, Dänischen, Norwegischen, Finnischen, Isländischen, Estnischen, Englischen und Niederländischen ist Jul die Bezeichnung für das Weihnachtsfest (von Urgermanisch: jehwla = Feier, Fest). Es gibt keinen einzigen überzeugenden Nachweis für das angeblich durch das Christentum (spät) verdrängte Wintersonnwendfest der Nordländer.

Zentrale These des Buches ist: „Wie in Rom das Weihnachtsfest den Sol-Kult ablöste, so traten im deutschsprachigen Bereich die zwölf ,wihen nahte‘ an die Stelle der heidnischen Rauhnächte.“ Weder ist, wie behauptet, das skandinavische Lucia-Brauchtum „synkretistisch“, noch ist der friesische „Kenkenbuum“, wie behauptet, „heidnisch geprägt“. Im Gegenteil: Gerade der nordfriesische Weihnachtsbaum, mit den niemals fehlenden Stammeltern Adam und Eva, hat den ursprünglichen Sinngehalt des Christbaums als Paradiesbaum sogar besonders deutlich bewahrt. Entchristlicht wird der Weihnachtsbaum zum bloßen „Symbol der Hoffnung auf das Wiederaufblühen der Natur und das nach Weihnachten wieder längere Tageslicht”. Der Autor behauptet, dass diese Mythologien nebeneinander existierten. Das würden „viele abergläubische Vorstellungen vom und neben dem Weihnachtsfest bis heute“ beweisen. Dies wird im Kapitel „Vorstufen zur Weihnacht/ Vorchristliche Zeit/ ,Rauhnacht-Abenteuer‘“ mit Textbeispielen untermauert.

Weihnachtsliteratur darf nicht verloren gehen

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Bräuche aus den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig werden nicht richtig interpretiert, wenn man sie als Relikte urgermanischer religiöser Praktiken betrachtet. Die Phänomene lassen sich schlüssig als rein christlichen Ursprungs erweisen. Die vermeintlichen Dämonen sind Schreckgestalten, die feiertägliche Arbeitsverbote oder das adventliche Fastengebot überwacht haben. Zugleich traten sie in Umzügen als Lasterallegoresen auf.

Seit der Romantik wurde konsequent christliches Brauchtum fehlinterpretiert und zum wertvollen, aber unverstandenen Rest des unterdrückten alten Volksglaubens erklärt. Fatal ist, dass auch innerchristlich dieser Rauhnachtsglaube unkritisch übernommen wird – wie etwa vom Lutheraner Karl-Heinrich Bieritz in: „Das Kirchenjahr“ 7. aktualisierte Auflage 2005 S. 232f.

Ohne christlichen Glauben bleibt nur Naturmystik

Esoterische Rauhnachtsliteratur hat heute Konjunktur. Darin wird zu magischen Praktiken, Orakel und Kontakt mit den Verstorbenen angeleitet. „Vorchristliche Weihnacht“ führt letztlich zur Auflösung des Christusglaubens im „Christusmythos“ und endet im Pantheismus. Ist der christliche Glaube aufgelöst, wird das verbliebene Religöse zur Naturmystik, und es bleibt nur die Selbsterneuerung im Kreislauf der Jahreszeiten. Diese Konsequenz folgt auch aus den Grundthesen dieses Buches. Hat man sich dies bewusst gemacht, bleiben viele wertvolle Advents- und Weihnachtslieder, schöne Abschnitte aus den Heiligenviten der Legenda Aurea und ein kenntnisreicher Durchgang durch die vorwiegend deutsche Weihnachtsdichtung.

Dieser Kernbestand an grundlegender klassischer Weihnachtsliteratur darf nicht verloren gehen. In der Zusammenstellung dieses Kanons besteht das Verdienst dieser Weihnachtsanthologie.


Heinz Rölleke: Das Weihnachtsbuch. Die Andere Bibliothek (Bd. 444), gebunden mit 566 Seiten, Berlin 2021, ISBN-13: 978-384770-444-7, EUR 44,–

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