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Charles de Gaulle: Kleine Worte des größten Franzosen

Dieser gallische Hahn war so ein komischer Vogel nicht: Über eine irritierend verdrehte Charles de Gaulle-Biographie.
Charles de Gaulle
Foto: UPI/dpa | Charles de Gaulle bei einer Rede in Montreal, Kanada, im Juli 1967.

Die Anekdote will, dass Charles de Gaulle 1968 bei seiner Flucht vor den Pariser Studentenunruhen nach Baden-Baden den französischen General Massu dort äußerst jovial begrüßte: „Na, Massu, immer noch so bescheuert?“ Worauf dieser versetzt haben soll: „Jawohl, mon général, immer noch Gaullist.“ Kleine Worte, „petites phrases“ des Gründervaters der Fünften Republik zählen in Frankreich zur politischen Alltagskultur, was wohl besser als jeder Verfassungstext den langen Schatten zeigt, den Charles de Gaulle bis heute auf sein Land wirft. Als gaullistisch wird mitunter Frankreichs Außen- und Europapolitik charakterisiert, wobei dann hierzulande General Massus Begriffsdefinition mitgedacht wird. „Eine gewisse Idee von Frankreich“ zu verfolgen, so hatte de Gaulle selbst sein Lebensprogramm beschrieben. Annäherungen an seine Persönlichkeit müssen daher immer auch diese komplexe Nation mit in den Blick nehmen, die diese ihr von de Gaulle vorgehaltene Idee so bereitwillig als Spiegel akzeptierte. Mit ihrem etwas konventionellen Titel verspricht eine von Johannes Willms vorgelegte Biographie diese breite Perspektive: „Charles de Gaulle und sein Jahrhundert“.

Kindheit und Jugend: War Charles de Gaulle einfach reaktionär „weltentrückt“?

Die Kindheit und Jugend des 1890 geborenen Staatsmanns skizziert Willms recht knapp. Man hätte gerne mehr über den Bildungshintergrund eines Mannes erfahren, der als Staatspräsident seine europapolitische Skepsis einmal mit dem Hinweis erklärte, Goethe, Dante und Chateaubriand hätten kein Volapük geschrieben. Schlagwortartig wird das Milieu, in dem er aufwächst, als nationalistisch-monarchistisch charakterisiert. Zu einem tieferen Verständnis des späteren Politikers wäre eine Ausleuchtung des geistigen Klimas im katholischen Bürgertum Ende des 19. Jahrhunderts hilfreich gewesen: Ein Bürgertum, das aufgrund seines politischen Traditionalismus in einer Republik nicht heimisch werden wollte, sich aber auch durch Sensibilität für soziale Fragen auszeichnete und in der von den liberalen Notabeln getragenen Dritten Republik geradezu antibürgerliche Affekte entwickelte.

Rasch häufen sich aber Merkwürdigkeiten in der Darstellung: Unter Berufung auf einen jeder Objektivität unverdächtigen Zeitzeugen behauptet Willms, de Gaulle habe im Juni 1940 mit dem Plan zur Verwandlung der Bretagne in eine Festung seinen Beitrag zur chaotischen Niederlage Frankreichs geleistet. Diese bereits anhand der Ereignisdaten leicht widerlegbare These hat zudem einen blinden Fleck: Denn Premierminister Reynaud, der sich selbst als Wiedergänger des „Tigers“ Clemenceau sah, berief de Gaulle Anfang Juni 1940 in sein Kriegskabinett, gerade damit er aus dieser Position nach jedem militärischen Strohhalm greift. Auf diesen Gleisen stolperte de Gaulle auch in seinen Widerstand nach London, wo ein anderer Clemenceau-Plagiator den „jusqu'au-boutisme“ ins Englische übersetzte: „We will never surrender!“

„Willms hat eine anti-gaullistische Biographie vorgelegt,
in der die Sachverhalte allzu oft so gedreht und gewendet werden,
dass sie einen Schatten auf den Protagonisten werfen“

In London habe er dann, so Willms, vor allem Rechtsextremisten um sich geschart, aber keinen Linken. Sozialisten wie René Cassin, René Pleven oder Maurice Schumann, um nur den engsten Mitarbeiterkreis zu nennen, waren demnach wohl Krypto-Rechtsextreme. Dann die Episode um die Ermordung des pétainistischen Admirals Darlan im Jahr 1942, die Willms wie folgt resümiert: Erstens sei de Gaulle vermutlich in den Attentatsplan eingeweiht gewesen. Zweitens gäbe es „sogar“ Hinweise, die eine royalistische Verschwörung vermuten lassen. Eine kuriose Darstellung dieser tristen Affäre, denn die Täterschaft einer Gruppe um den Grafen von Paris bei diesem – zunächst unblutig geplanten – Komplott ist wohl der einzig aufgeklärte Aspekt. Bezeichnend für die Leichtfertigkeit mit einem schweren Vorwurf ist, dass Willms ein Telegramm und einziges Indiz für eine Mitwisserschaft de Gaulles so fehlübersetzt, als habe der Absender ein Beweisstück gegen de Gaulle produzieren wollen. Überhaupt lassen einige Übersetzungen des Buchs vermuten, dass sein Unverständnis für de Gaulle seinen Ausgang im Sprachlichen nimmt.

Was sich hier abzeichnet, macht der Rest des Buchs zur Gewissheit: Willms hat eine anti-gaullistische Biographie vorgelegt, in der die Sachverhalte allzu oft so gedreht und gewendet werden, dass sie einen Schatten auf den Protagonisten werfen. Einige Beispiele: In großer Ausführlichkeit wird eine Suade de Gaulles gegen die Antibaby-Pille aus dem Jahr 1965 wiedergegeben und zum Beleg genommen für seine reaktionäre „Weltentrücktheit“. Nur: de Gaulle hat knapp ein Jahr später und zur großen Überraschung seiner Parteigänger die gesetzliche Liberalisierung der Empfängnisverhütung unterstützt und dies achselzuckend mit „die Sitten ändern sich“ kommentiert.

Europa als Instrument französischer Machtpolitik

Auch für Frankreichs aktuelles Haushaltsdefizit soll er Willms zufolge Verantwortung tragen, da es in der französischen Sozialkasse eine unübersehbare Anzahl von Spezialegimen gebe (tatsächlich sind es noch zehn), deren vorteilhafte Sonderrechte die Regierung de Gaulle nach dem Krieg begründet habe (was ebenfalls unrichtig ist). Hat de Gaulle, der selbst seine Präsidentschaft 1958 mit einer Austeritätspolitik begann, seinem Land etwa ein ewiges Reformverbot erteilt? Oft sind es nur die Details, die zeigen, wie sehr der Autor mit seinem Untersuchungsgegenstand fremdelt. Welche Vorstellung hat er von einem päpstlichen Segen, an den seiner Ansicht nach de Gaulles Triumphgeste der in die Höhe gestreckten Arme, dieses stilisierte V, erinnern soll? Und wie kommt er bloß zu seiner abwegigen Behauptung, in seinen Memoiren spreche de Gaulle stets in der dritten Person von sich?

Das Persönlichkeitsbild, das die ausgewählten Zitate zeichnen, ist das eines hochtrabenden, oft schimpfenden Egomanen, der alles und jeden verachtet, bis auf seine nationalistische Idee von Frankreich und seiner Grandeur. Den rhetorischen Verführer mit seinem berühmten „sens de la formule“ gibt es nicht, dafür aber ein „best of“ des Anstößigen. Eine Rede aus dem Jahr 1949, in der de Gaulle die Integration des wiedererstehenden Deutschlands in eine „europäische Union“ fordert, streicht Willms sogar so zusammen, dass sie zur antideutschen Hassrede wird. Ein tatsächlich gegen die Sowjetunion gerichteter Ausruf ging dann angeblich an Deutschlands Adresse: „Die Freiheit, die Zivilisation, die Welt sind in Gefahr! Frankreich ist bedroht!“ Willms ist nicht verlegen, mit diesem Elaborat einer Quelle vor den Leser zu treten und de Gaulle mit einem unverantwortlichen „Büttenredner“ zu vergleichen.

Neben den in der Summe irritierend zahlreichen Verdrehungen leidet die Darstellung an drei grundsätzlichen Schwächen: Zum einen bleibt ihr Blick recht starr auf den Hauptdarsteller gerichtet, hier macht ein großer Mann räsonierend Geschichte. Zu kurz kommt dabei die innenpolitische Kontextualisierung, was auch den „General“ als Akteur nicht verständlich macht, der stets das politische Terrain analysierte, taktierend die Möglichkeiten auslotete und dann recht pragmatisch nutzte (natürlich lief dieser Möglichkeitsmensch dennoch gelegentlich, wie etwa 1967 im kanadischen Québec, mit Schwung in geschlossene Türen). Zum anderen neigt Willms in seinen Urteilen zu Stereotypen: Die Zögerlichkeit Frankreichs bei der Dekolonisation beispielsweise lastet er wiederholt de Gaulle und seinen angeblichen rechten Weltreichsambitionen an. Allerdings war die französische Kolonialpolitik bis zu ihrem Ende ungleich stärker von der politischen Linken und ihrem Glauben an eine zivilisatorische Mission Frankreichs getragen. Wenig überraschend wird auch der Allgemeinplatz der de Gaulle-Kritik erneuert, wonach die Europapolitik für ihn ein bloßes Instrument französischer Machtpolitik gewesen sei. Eine apodiktische Behauptung, die den politischen Romantiker de Gaulle vielleicht zum Zyniker, den Realpolitiker aber sicher zum Träumer degradiert.

Die Grundthese der Biographie und zugleich ihr Webfehler ist eine unzutreffende ideologische Verortung de Gaulles: Willms erklärt ihn zu einem Rechtsaußen im Gefolge von Charles Maurras und seiner monarchistischen Action française. Seinem RPF, Partei auch des grundliberalen Raymond Arons, attestiert er gar eine „penetrant faschistische Anmutung“. De Gaulle, der sich selbst eher als Politiker eines dritten Weges verstand, war in seiner kulturellen Prägung zweifelsohne ein Mann „von rechts“.

Der Präsident folgte dem Geschichtsbild Péguys

Doch statt reaktionärer Utopien folgte der praktizierende Katholik dem synthetischen Geschichtsverständnis des „christlichen Sozialisten“ Charles Péguy, statt eines „integralen Nationalismus“ schätzte er Jacques Maritains „integralen Humanismus“. Der Historiker Réne Rémond hat versucht, die politische Rechte Frankreichs schematisch in drei Grundströmungen einzuteilen und war sich dabei nicht sicher, ob der Gaullismus dem liberalen Orléanismus oder dem autoritär-plebiszitären Bonapartismus zuzurechnen ist. Einen reaktionären „Legistimisten“ aber sah er in de Gaulle aus guten Gründen nicht. Man kann sich auch die praktische Kontrollfrage stellen, ob es dem Gaullismus tatsächlich gelungen sein sollte, mit einer Programmatik des rechten Rands für 40 Jahre zur hegemonialen Kraft im Mitte-Rechts-Spektrum zu werden.

Für viele Deutsche war de Gaulle schon zu seinen Lebzeiten ein nur mühsam erduldetes Ärgernis, und fast fünfzig Jahre nach seinem Tod ist ihr Blick auf ihn kaum milder geworden. Auch der zeitliche Abstand erleichtert offenbar nicht eine nüchterne Würdigung seiner Errungenschaften. Wie etwa die als Wahlmonarchie belächelte Verfassung der Fünften Republik, deren präsidiale „Vertikalität“ zuletzt von Emmanuel Macron als Frankreich gemäß verteidigt wurde. Schließlich hat sie dem Land eine ungekannte politische Stabilität verschafft, die auch Grundlage für seine verlässliche europäische Integration war. Und können nicht einige seiner in den sechziger Jahren anstößigen Positionen heute nuancierter bewertet werden? Etwa seine These, dass Großbritannien sich nicht in das europäische Projekt einordnen will. Oder dass die Europäische Gemeinschaft, wenn sie ein politisches Vorhaben sein will, eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik nicht hintanstellen darf. Und sollte sich Deutschland nicht immer noch von seiner spitzen Bemerkung angesprochen fühlen, dass Europa oft nur als Ausrede für die Flucht in die internationale Verantwortungslosigkeit dient? Frankreich ist bis heute ein Echoraum für solche großen Programmsätze und „kleinen Worte“ de Gaulles, und noch vor wenigen Jahren wählten die Franzosen ihn zum „Größten Franzosen aller Zeiten“. Ein Leser von Willms Biographie kann da nur scheel nach Westen blicken: „Gröfraz“? Diese andauernde Wahrnehmungsdifferenz zwischen den Ufern des Rheins zeigt, dass das Phänomen Charles de Gaulle weniger einen gewissenhaften Historiker vermisst als einen kulturellen Dolmetscher. Leider hat auch Willms mit eleganter Feder nur seine gewisse Idee von Charles de Gaulle gezeichnet, die lediglich ein Spiegel deutscher Befindlichkeiten ist.

Johannes Willms: Der General: Charles de Gaulle und sein Jahrhundert.
C.H. Beck Verlag, München 2019, 640 Seiten, ISBN 978-340674-130-2, EUR 32,–

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