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Bücken oder knien?

Ulf Poschardt legt nach seiner Kritik am „Shitbürgertum“ mit einem neuen Buch nach. Nun liest er dem „Bückbürgertum“ die Leviten. Sogar Selbstkritik hat darin Platz – zumindest ein wenig.
Friedrich Merz (CDU)
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Nach Poschardt zweifellos im Bückbürger-Dasein angekommen: Bundeskanzler Friedrich Merz.

So leicht machen es dem Rezensenten nur wenige Autoren: Ein „Werkstattbericht“ sei sein „Bückbürgertum“, schreibt Ulf Poschardt selbst auf den letzten Seiten seines neuen, zweiten Bandes „zur Kritik bürgerlicher Unvernunft“. Und damit „eine mitunter fahrig assoziative Beschreibung krisenhaften Verfalls“. Stimmt. Struktur und gedankliche Stringenz sind nicht die Stärken des 346-seitigen Ausbruchs des ehemaligen „Welt“-Herausgebers, der längst zu seiner eigenen Medienmarke geworden ist. Was aber nicht heißt, dass „Bückbürgertum“ keine höchst erfreuliche Lektüre wäre.

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Worum geht’s? Nachdem sich Poschardt vor knapp eineinhalb Jahren zunächst das „Shitbürgertum“, die orthodox-linksgrüne Elite, vorknöpfte, deren erfolgreichen Marsch durch die Institutionen er für den Verfall des Landes verantwortlich macht, sind diesmal all jene dran, die wider besseres Wissen den Atomausstieg, die massenhafte Migration oder die bedenkenlose Einschränkung von Grundrechten während Corona zuließen. Denn die „Dominanz des Shitbürgertums“ sei nur die Kehrseite: „Das Bückbürgertum hat dem Shitbürgertum Staat, Gesellschaft und Kultur kampflos überlassen.“ Wie es seiner Meinung nach zu diesem konservativen Hegemonieverlust kam (Spoiler: vor allem aus Feigheit), erläutert Poschardt auf einem mäandernden Wutbürger-Spaziergang durch die Geschichte der Bundesrepublik.

Die Kirche, fest in der Hand des Shitbürgertums?

Interessanterweise wirft Poschardt, der ja selbst als eine der Galionsfiguren eines anti-woken Backlash-Zeitgeistes gelten darf, dabei auch immer wieder einen Blick auf die Kirchen – Irrelevanz war gestern. Während sich die Evangelische Kirche vor allem als Monument vollendeter Gebücktheit den Spott Poschardts zuzieht, verhält es sich beim Katholizismus anders. Auch Letzterer sei „eine Allianz mit dem linken und linksradikalen Shitbürgertum“ eingegangen, was Poschardt nicht zuletzt dem Zweiten Vatikanum ankreidet. Andererseits zitiert er passagenweise zustimmend aus Ratzingers „Geist der Liturgie“ und kommt zu dem Urteil: Wer kniet, der bückt sich nicht.

Im „Vorvorwort“ zu „Shitbürgertum“ hieß es noch: „wer nicht steht, kniet“. Also eine erstaunliche Wendung des Anarcholiberalen? Der neue Poschardt ist vielleicht nur etwas weniger apodiktisch als zuvor. Unterschiedliche Sichtweisen werden erprobt. Einige Seiten zuvor galt immerhin noch Immanuel Kant: „Das Hinknien oder Hinwerfen zur Erde … ist der Menschenwürde zuwider.“ Widersprüchlich ist das alles nur bedingt. Was Poschardt fordert, ist die Abwesenheit von Menschenfurcht. „In der Summa Theologiae betont Thomas, Gott habe den Menschen so geschaffen, dass er mit erhobenem Haupt zum Himmel blickt.“ Deshalb steht auch Nietzsche – Übermensch statt Untertan! – weiterhin hoch im Kurs. Wie es sich mit der Menschenwürde verhält, lässt Poschardt offen. Trotz großer Sympathien für die These, diese sei „nichts, was Menschen einfach immer schon besitzen“, sondern „die ihnen auferlegte Pflicht der Selbstaufrichtung“, also die Pflicht des Nicht-Bückens, hält er auch fest, dass vom „unbedingten Verständnis des Christentums“ von der Menschenwürde als „Wert an sich“ aufgrund der Gottebenbildlichkeit ein Licht ausgehe.

Er will Begriffe prägen, und es gelingt

Eher enttäuschend verläuft die Aufarbeitung des eigenen Zeitgeist-Buckelns unter der Kapitelüberschrift „der gebückte Poschardt“. Gerne hätte man erfahren, ob „Bückbürgertum“ eigentlich nur die ins Gesamtgesellschaftliche erweiterte Erfahrung eines einzelnen Mannes ist – oder ob der Ausgang aus der selbstverschuldeten Gebücktheit bei Poschardt eben kein Abschütteln niederer Instinkte, mithin keine moralische Wende, sondern vielleicht doch nur ein schlichtes politisches Umdenken aufgrund realer Beobachtungen war. Poschardt selbst legt zwar Ersteres – moralisches Versagen – nahe, aber nur in Andeutungen. Schade. Wer Poschardt liest, tut dies vermutlich meist als Fan; die edle Zurückhaltung wäre hier nicht nötig gewesen.

Großartig ist dagegen Poschardts urgewaltiges Ablästern insbesondere über die mangelnde Ästhetik des Bückbürgertums. Dessen jegliche Körperhaltung gestattende Funktionskleidung ist der Künstlernatur Poschardt ein besonderer Dorn im Auge: „Junge Mütter haben beim sonntäglichen Familienausflug ihren gletscherblauen Alpinrucksack für Mehrtagestouren prall gefüllt, in den Haltern für die Getränke zwei gut abgefüllte Trinkflaschen, links mit einer gelben, rechts mit einer farblosen Flüssigkeit. Ihre Active-Trail-Schuhe sind perfekt geschnürt, die wasserdichte, atmungsaktive und superleichte Wetterschutzjacke mit kleinem Packmaß sitzt leger, und die Trekkinghose mit Belüftungs-Reißverschlüssen und Stretch-Einsätzen wirkt wie angegossen. Vor ihnen liegt nicht der Mount Everest, sondern bestenfalls die Ritterburg im Playmobil-Funpark im mittelfränkischen Zirndorf.“ Wer es fühlt, wird (nicht nur hier) dahinschmelzen.

So unverschämt wie erfrischend ist auch, dass Poschardt Begriffe prägen, Bilder schaffen will. In der Tat sind ihm mit „Shitbürger“ und „Bückbürger“ zwar vulgäre, aber doch treffende Archetypen gelungen. Wäre man nicht katholischermaßen zu liebevoller Geschwisterlichkeit verpflichtet, ließe sich fallweise auch trefflich von „Bückbischöfen“ oder dem „Shit-dK“ sprechen. Jedenfalls macht der neue Poschardt durchgehend Spaß, auch wenn man nicht immer das Gefühl hat, die servierten Geistesblitze seien vollständig zu Ende gedacht worden. Fragt sich nur noch, was Springers mittlerweile „freiester Mitarbeiter“ in „Fightbürger“, dem dritten Teil seiner Bürger-Trilogie, noch loswerden will. Unwahrscheinlich, dass ihm die angekündigte erbauliche Richtungsweisung genauso locker von der Hand geht wie der wütende Verriss der alten Eliten.

Ulf Poschardt: Bückbürgertum, Neu-Isenburg: Westend Verlag, 352 Seiten, gebunden, EUR 27,–

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