Der Wind entscheidet, ob man auf die Äolischen Inseln gelangt. Manchmal weht er nur als warme Brise über den Hafen von Milazzo, manchmal fegt er so kräftig über das Tyrrhenische Meer, dass keine Fähre ausläuft. Dann stehen Reisende mit ihren Rucksäcken am Kai und warten – so wie wir. In der antiken Mythologie sollen die Inseln Sitz des Windgottes Äolus gewesen sein. Und tatsächlich scheint es, als habe der Wind hier bis heute das letzte Wort. Für uns bedeutet das zunächst eine ungeplante Nacht in Milazzo. Doch der kleine Hafen an der Nordküste Siziliens weiß mit solchen Situationen umzugehen. Am Pier klirren Gläser, in den Bars wird Aperol ausgeschenkt, und wer die Zeit nutzen möchte, steigt hinauf zum Castello di Milazzo. Von den Mauern der alten Festung schweift der Blick über das Meer. Am Horizont zeichnen sich bei klarer Sicht bereits dunkle Silhouetten ab – die Inselgruppe um die Insel Lipari, weshalb man auch von den Liparischen Inseln spricht. Ein erster Vorgeschmack auf eine Inselwelt, die zu den eindrucksvollsten Landschaften des Mittelmeers gehört.
Als wir schließlich übersetzen, empfängt uns unser Trekking-Guide Marco Caruso. Ein Sizilianer mit breitem Lächeln – und einer Stimme, die erstaunlich gut zum Nachnamen passt. Am ersten Abend stimmt er tatsächlich ein Lied an: „O Sole Mio“, ganz im Stil des berühmten italienischen Tenors Enrico Caruso. Die Äolischen Inseln haben schon viele Künstler inspiriert. Anfang der 1950er-Jahre drehte der italienische Regisseur Roberto Rossellini hier zwei Filme: „Stromboli - Terra di Dio“ mit Ingrid Bergman und „Vulcano“ mit Anna Magnani. Die Produktionen wurden zunächst eher kühl aufgenommen, doch ihre Bilder von rauen Vulkanlandschaften, einfachen Fischerdörfern und dramatischen Küsten machten die Inselgruppe weltweit bekannt.
Bis heute kommen Reisende auf die Äolen, um genau das zu erleben: eine Landschaft, in der Naturkräfte und Elemente noch spürbar präsent sind. Trotz wachsender Bekanntheit ist Massentourismus hier selten geblieben. Der Archipel besteht aus sieben Inseln: Lipari, Salina, Vulcano, Stromboli, Panarea, Filicudi und Alicudi. Jede besitzt ihren eigenen Charakter. Für Wanderer ist diese Inselgruppe ein kleines Paradies. Alte Maultierpfade führen über Kraterränder, durch duftende Macchia und entlang steiler Küsten. Manche Wege enden an schwarzen Lavastränden, andere auf Höhenzügen mit Panoramablicken bis zum Ätna.
Eine Landschaft aus Feuer
Als Basis eignet sich besonders Lipari, die größte und lebendigste Insel der Gruppe. Von hier starten täglich Boote zu den Nachbarinseln. Für unsere Touren steht jedoch ein kleines Privatboot bereit, das uns morgens im alten Fischerhafen abholt. Es bringt uns zu abgelegenen Küsten, zu Wanderwegen, die von Land aus schwer erreichbar wären, und zu Buchten, in denen das Wasser in schimmernden Türkistönen leuchtet. Manchmal tauchen neben dem Boot sogar Delfine auf und begleiten uns ein Stück.
Die Äolischen Inseln sind das Ergebnis gewaltiger geologischer Kräfte. Vor rund 1,3 Millionen Jahren begann hier eine Serie von Vulkanausbrüchen, die die Inseln aus dem Meer wachsen ließ. Sie gehören zu einer vulkanischen Zone, die sich vom Vesuv bis zum Ätna erstreckt. Heute lassen sich hier viele vulkanische Prozesse gut beobachten – ein Grund, warum die Inselgruppe zum Weltnaturerbe erklärt wurde.
Die Landschaft trägt diese Herkunft deutlich in sich: schwarze Strände aus erkalteter Lava, steile Felsen, Krater und Fumarolen, aus denen schwefelhaltiger Dampf aufsteigt. Gleichzeitig zeigt sich die Natur erstaunlich üppig. Auf den fruchtbaren Böden wachsen Hibiskus, Bougainvillea und Glyzinien, dazu Zitronen- und Orangenbäume. Im Frühjahr findet man sogar wilden Spargel zwischen den Sträuchern - eine Zutat, die später auf vielen Tellern der Inselküchen landet.
Lava und Asche in den Himmel geschleudert
Der aktivste Vulkan des Archipels ist der Stromboli. Seit Tausenden von Jahren schleudert der rund 40 .000 Jahre alte Berg in regelmäßigen Abständen Lava und Asche in den Himmel. Eine Besteigung gehört zu den eindrucksvollsten und auch anstrengendsten Unternehmungen auf den Äolen.
Unsere Wanderung beginnt am späten Nachmittag. Der Weg führt zunächst durch niedrige Vegetation, dann über dunkle Aschefelder. Schritt für Schritt steigen wir höher, begleitet vom Knirschen des Lavagesteins unter den Stiefeln. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir einen Aussichtspunkt unterhalb des Kraterrandes. Dann beginnt das Schauspiel: Mit dumpfem Grollen steigen glühende Lavafontänen auf und zerplatzen in Funkenregen über dem Gipfel. Unter uns liegt das Meer, das im letzten Licht des Tages dunkelblau schimmert.
Der Abstieg erfolgt im Schein unserer Stirnlampen. Auf Stromboli gibt es kaum Straßenbeleuchtung und keine Autos – nur schmale Wege zwischen weißen Häusern. Die Insel wirkt still, fast entrückt. Salina zeigt eine ganz andere Seite des Archipels. Zwei erloschene Vulkankegel prägen das Profil der Insel, deren Hänge von üppiger Vegetation bedeckt sind. Olivenbäume, Kapernsträucher und Weinreben wachsen auf Terrassen, die sich über die Hügel ziehen. Bei unserer Wanderung entlang der Südwestküste öffnen sich unzählige Blicke über das Meer.
Abseits des Ortes wird es ruhig
Salina ist besonders für ihre Kapern und für den süßen Malvasia-Wein bekannt. Nach der Wanderung kehren wir im Küstenort Santa Marina ein und bestellen Pane Cunzato – ein rustikales Brot mit Tomaten, Oliven und Kapern. Herrlich einfach und typisch für die Küche der Inseln. Panarea ist die kleinste der bewohnten Inseln und wirkt fast wie ein Dorf mitten im Meer. Weiße Häuser mit flachen Dächern schmiegen sich an die Hänge, schmale Gassen führen hinunter zu kleinen Häfen und Badebuchten.
Im Sommer legen hier elegante Yachten an. Doch schon wenige Schritte außerhalb des Ortes wird es ruhig. Wanderwege führen über Hügel mit Kapernsträuchern und Feigenbäumen. Von oben genießen wir die Aussicht über das Archipel – besonders hinüber zum rauchenden Stromboli, dessen dunkle Silhouette am Horizont aufragt. Vor der Küste liegen kleine Felseninseln wie Basiluzzo oder Dattilo. Unter Wasser steigen aus vulkanischen Spalten Gasblasen auf – ein stiller Hinweis darauf, dass die Erde hier noch immer in Bewegung ist.
Lipari – Geschichte über dem Meer
Zurück auf Lipari führt der Weg hinauf zum Burgberg über der Stadt. Auf diesem Felsen befand sich einst die Akropolis der antiken Siedlung. Archäologische Funde zeigen, dass Menschen hier bereits im vierten Jahrtausend vor Christus lebten. Ab dem dritten Jahrtausend vor Christus entwickelte sich Lipari zu einem Zentrum für den Handel mit Obsidian, einem vulkanischen Glas, das in der Steinzeit ein begehrtes Material für Werkzeuge und Waffen war. Im Laufe der Jahrtausende entstanden immer neue Siedlungen übereinander – von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart. Heute erhebt sich auf dem Plateau eine mächtige Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert. Zwischen Mauern, Innenhöfen und Aussichtspunkten steht auch die Kathedrale San Bartolomeo. Ihr normannischer Kreuzgang wurde erst 1978 zufällig wiederentdeckt.
Direkt daneben erzählt das archäologische Museum die bewegte Geschichte der Inseln. Vasen, Schmuck, Theatermasken und Funde aus der Meeresarchäologie zeigen, wie wichtig die Gewässer rund um die Äolen einst als Handelsrouten waren. Viele Schiffe gingen hier im Sturm verloren – und hinterließen ihre Ladung auf dem Meeresgrund.
Die Äolischen Inseln sind kein Ort für schnellen Massentourismus. Wer hierher kommt, reist langsamer – zu Fuß über alte Pfade, mit dem Boot von Insel zu Insel oder am Abend durch die stillen Gassen kleiner Hafenorte. Zwischen Vulkanbergen, Wind und Meer entfaltet sich eine Landschaft, in der Natur und Geschichte eng miteinander verwoben sind. Genau darin liegt ihr besonderer Reiz: Dass man hier das Gefühl hat, eine Inselwelt zu entdecken, die sich ihren eigenen Rhythmus bewahrt hat.
Die Autorin ist Journalistin und Kunsthistorikerin.
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