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Ein bisschen die Welt retten – mit einer Taube im Kölner Zoo 

Der moderne Zoo ist mehr Arche Noah als nur eine unterhaltsame Ansammlung heimischer und exotischer Tiere, sondern übernimmt Verantwortung für die Schöpfung. 
Das Beispiel der Socorrotaube zeigt, wie verletzlich Schöpfung sein kann, wenn der Mensch ein abgegrenztes Ökosystem verändert.
Foto: Kölner Zoo | Das Beispiel der Socorrotaube zeigt, wie verletzlich Schöpfung sein kann, wenn der Mensch ein abgegrenztes Ökosystem verändert.

Wer durch den Kölner Zoo geht, befindet sich zunächst an einem vertrauten Ort bürgerlicher Freizeit. Familien stehen vor dem Elefantenpark, Kinder drängen an die Scheiben, im Hippodom öffnen sich Unterwasserblicke auf eine afrikanische Flusslandschaft. Doch der moderne Zoo will längst mehr sein als ein Ausflugsziel mit exotischen Tieren. Er ist Forschungseinrichtung, Lernort und Schutzraum für Arten, deren Lebensräume schwinden. Gerade in Köln lässt sich zeigen, wie stark sich das Selbstverständnis wissenschaftlich geführter Zoos verändert hat: zu einer Arche Noah.

Ist der Vergleich mit der biblischen Erzählung, die darüber berichtet, wie Noah auf Gottes Geheiß Tiere rettet, während die Flut die Erde bedroht, nicht etwas zu gewagt für eine sehr weltliche Einrichtung wie einen Zoo? Nicht, wenn man Professor Theo B. Pagel, Direktor des Kölner Zoos, folgt. Er sagt: „Im Zeitalter des Anthropozän lebend, also dem Zeitalter, wo die meisten Probleme dieser Welt menschengemacht sind, fühlen wir uns als Naturschützer dem Erhalt der Arten, der Biodiversität selbstverständlich verpflichtet.“. Viele Tier- und Pflanzenarten stünden weltweit unter Druck. Als Ursachen nennt er zerstörte Lebensräume, Bejagung, Wilderei und den Klimawandel.

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Der Weltbiodiversitätsrat IPBES warnte bereits 2019, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Dazu kommt: Jede Art steht in Beziehungen zu anderen Arten, zu Böden, Pflanzen, Nahrungsketten und Lebensräumen. Theo Pagel beschreibt diese Verflechtung mit einem Bild, das ohne Pathos auskommt: „Mit jeder Art, die ausstirbt, wird das Netz der biologischen Vielfalt löchriger.“ Fehle eine Art, entstehe eine Lücke im Ökosystem. Irgendwann könnten Kipppunkte erreicht werden, an denen sich ein Lebensraum nicht mehr erholt. Dann sei auch die Existenzgrundlage des Menschen berührt.

Eine Taube als mahnendes Beispiel

Hier setzt der moderne Artenschutz im Zoo an. Wissenschaftlich geführte zoologische Gärten erforschen Tiere, bauen stabile Zuchtgruppen auf und arbeiten mit Partnern in den Herkunftsregionen zusammen. Im besten Fall können Tiere ausgewildert oder geschwächte Wildbestände gestützt werden. Theo Pagel spricht deshalb nicht nur von einer Metapher. „In diesem Sinne sind wir Zoos tatsächlich nicht nur im metaphorischen Sinne, sondern auch ganz praktisch eine Arche im wahrsten Sinne des Wortes.“ Schon heute gebe es Arten, die nicht mehr in der Wildnis vorkommen, sondern nur noch in menschlicher Obhut. Sein Beispiel ist die Socorrotaube. Ausgerechnet eine Taube zeigt, wie verletzlich Schöpfung sein kann, wenn der Mensch ein abgegrenztes Ökosystem verändert. Die Art lebte ursprünglich nur auf Socorro, einer Pazifikinsel vor der westmexikanischen Küste. Nachdem dort eine Militärbasis eingerichtet worden war, kamen Ratten, Katzen und Ziegen auf die Insel. Die zutraulichen Vögel verschwanden. „Im Freiland wurde sie zuletzt 1972 beobachtet, seitdem gilt sie in freier Wildbahn als ausgestorben“, sagt Pagel. Eine Auswilderungsstation gebe es bereits. Bevor Tiere zurückkehren könnten, müssten aber jene Feinde verschwinden, die der Mensch dorthin gebracht habe. Auch in menschlicher Obhut ist die Art selten. Pagel selbst initiierte in den 90er Jahren im Zoo Frankfurt ein europäisches Erhaltungszuchtprogramm. Die Taube, einst Symbol von Frieden und Erlösung, hier ist sie das traurige Symbol einer bedrohten Schöpfung. Gleichzeitig setzt der Zoo mit ihr ein zartes Signal der Hoffnung.

Solche Beispiele verändern den Blick auf den Zoo. Das Tier vor dem Besucher ist dann nicht nur Vertreter einer Art, die man betrachten kann, sondern wird zum sichtbaren Rest einer Geschichte, in der menschliches Handeln über Fortbestand oder Verschwinden entscheidet. Bei der Socorrotaube ist der Zoo kein Ersatz für Natur. Er hält eine Möglichkeit offen, solange der ursprüngliche Lebensraum wieder vorbereitet wird. Pagel nennt auch weitere Arten, bei denen Zoos ihre Schutzfunktion bereits unter Beweis gestellt hätten: das Przewalski-Pferd, das Philippinenkrokodil und das Goldgelbe Löwenäffchen. In solchen Fällen seien Tiere zur Auswilderung bereitgestellt worden. Ohne die Arbeit von Zoos und Naturschutzeinrichtungen wären diese Arten aller Voraussicht nach bereits verschwunden. Wichtig ist dabei der sogenannte „One Plan Approach“. Er meint, dass Artenschutz nicht zwischen Zoo und Wildnis trennt, sondern Zoos, Behörden, Wissenschaftler, Naturschützer und lokale Partner zusammenbringt. Eine Art lässt sich nicht allein im Gehege retten, sondern braucht entsprechende Räume, politische Unterstützung und Menschen, die vor Ort Verantwortung übernehmen. 

Die Schöpfung steht auf dem Spiel 

Der Kölner Zoo hat nach Angaben Pagels seit 2009 rund 3,5 Millionen Euro in Artenschutzprojekte investiert. Das Geld fließt nicht in eine ferne Symbolpolitik, sondern in konkrete Arbeit. Der Zoo unterstützt Projekte in Herkunftsländern, beteiligt sich an Zuchtprogrammen und bringt fachliches Wissen ein. Professor Pagel beschreibt die Motivation seines Teams mit zwei Worten, die im Alltag des Zoos weniger abstrakt wirken, als sie klingen: Leidenschaft und Ehrfurcht. „Der Leitspruch des Kölner Zoo ist: ‚Begeistert für Tiere‘. Da stecken diese beiden Worte sicher auch mit drin.“ Alle Mitarbeiter verbinde die Liebe zum Tier. Diese Hingabe müsse aber professionell ausgefüllt werden, im Zoo selbst und beim Schutz der Artgenossen in der Wildnis. 

Das Beispiel der Socorrotaube zeigt, wie verletzlich Schöpfung sein kann, wenn der Mensch ein abgegrenztes Ökosystem verändert.
Foto: Kölner Zoo | Das Beispiel der Socorrotaube zeigt, wie verletzlich Schöpfung sein kann, wenn der Mensch ein abgegrenztes Ökosystem verändert.

Aus christlicher Perspektive stellt sich dabei die Frage nach der Schöpfungsverantwortung. Zoos sprechen diese Ebene in ihrer alltäglichen Kommunikation meist nicht ausdrücklich religiös aus,und Theo Pagel weist darauf hin, dass Glaube heute sehr individuell geworden sei. Trotzdem ist ihm die Verbindung nicht fremd. „Für mich persönlich als Christ ist es selbstverständlich, mich für den Erhalt der Schöpfung und damit für Menschen einzusetzen.“ Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als Schöpfung und Mensch nicht gegeneinander auszuspielen: Wer Arten schützt, schützt nicht eine romantische Natur jenseits des Menschen. Er verteidigt Lebensbedingungen, von denen auch der Mensch abhängt.

Das lässt sich als Verantwortung für die Schöpfung verstehen, wie sie seit Papst Franziskus‘ Enzyklika „Laudato si‘“ neu ins kirchliche Bewusstsein gerückt ist. Der Mensch darf die Welt nutzen, aber er besitzt sie nicht als beliebige Verfügungsmasse. Tiere sind keine Sachen ohne eigenen Wert. Ihre Existenz verweist auf eine Ordnung, die dem Menschen anvertraut ist und die er beschädigen kann. Ein Zoo kann diesen Gedanken sinnlich erfahrbar machen. Wer einem seltenen Tier begegnet, sieht kein Diagramm des Artensterbens, sondern ein lebendes Wesen, das nicht ersetzt werden kann. Köln bietet dafür auch kirchliche Berührungspunkte. Pagel verweist auf Kooperationen mit kirchlichen Einrichtungen, etwa mit dem „Domradio“, der Sternsingeraktion und der Aktion „Tiere der Bibel“. Der Hippodom wurde 2010 durch den damaligen Dompropst Norbert Feldhoff gesegnet. Das mag zunächst wie eine lokale Anekdote wirken. Es zeigt aber, dass zwischen Zoo und Kirche ein gemeinsames Thema liegt. Beide sprechen, wenn auch in unterschiedlicher Sprache, von Verantwortung, Bewahrung und Weitergabe. 


Der Autor ist Professor und schreibt zu Glaube und Kultur.  

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