Ein 70-jähriger Priester, der in dieser Kriegs- und Krisenlage seine Sachen im beschaulichen Niederösterreich packt, um eine Herkulesaufgabe in Jerusalem zu übernehmen, braucht mehr als ein gesundes Selbstbewusstsein. Franz Xaver Brandmayr, Dompropst von Wiener Neustadt, traut sich den Job offenbar zu.
Und – was entscheidender ist – der neue Erzbischof von Wien, Josef Grünwidl, tut das auch. Der hat als Protektor das letzte Wort bei der Bestellung eines Rektors für das Österreichische Hospiz in Jerusalem. Grünwidl hat nun nach langem Sondieren und Beratungen in der Bischofskonferenz die Entscheidung gefällt.
Sie war dringlich, weil der vormalige Rektor, der burgenländische Priester Markus Stephan Bugnyár, im Oktober 2024 nach schwerwiegenden Vorwürfen eines jungen männlichen Mitarbeiters dienstfrei gestellt worden war; die Causa ist nun in Rom abhängig.
Priesterlicher Sanierer
Gewichtig ist die Entscheidung, weil dieses traditionsreiche Pilgergästehaus in der Altstadt von Jerusalem vielen Krisen ausgesetzt ist, die nach einer starken, klaren Führung verlangen. Weil das Hospiz seit 163 Jahren eine mitteleuropäische Pilgeradresse im Heiligen Land ist und an der Via Dolorosa liegt, braucht es einen Rektor, dem die geschichtliche wie die spirituelle Dimension am Herzen liegt.
Weil es fromme Pilger und junge Zivildienstleistende beherbergt, braucht es einen Rektor, der in Auftreten und Lebensführung ein priesterliches Vorbild ist. Weil die Corona-Krise und Netanjahus Kriege das Pilgerwesen fast zum Erliegen brachten, muss der Rektor ein geschickter Manager und Fundraiser sein. In unmittelbarer Nähe zur Grabeskirche wie zum Tempelberg gelegen, könnte das prachtvolle Hospiz zu einem Ort des Dialogs von Christen, Juden und Muslimen werden.
Brandmayr, der sein Amt in Jerusalem am 1. September antreten wird, kommt da nicht mit leeren Händen: Von 2008 bis 2020 war er Rektor von Santa Maria dell’ Anima, jenes römischen Priesterkollegs und Pilgerzentrums, das eine kaiserliche wie eine päpstliche Dimension hat. Ab 1518 reichsunmittelbar, überstand es alle Wirren der Zeiten unter Habsburgs Patronage – wie das Hospiz in Jerusalem, das selbst Kaiser Franz Joseph besuchte.
Brandmayr erwies sich in seinen römischen Jahren als geschichtsbewusster Entwickler, effizienter Manager und geschickter Finanzverwalter. Der ehemalige Jesuit (1979 bis 1993) und nunmehrige Diözesanpriester bewies in seiner Mitwirkung an den Seligsprechungsverfahren für den Franziskaner Petrus Pavlicek, Hildegard Burjan und Kaiser Karl zudem spirituellen Klarblick. Den wird er bei allen Reformbemühungen in Jerusalem brauchen.
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