Man kennt ihn vom Fernsehen als Kommissar in der ZDF-Serie „LAIM“. Auf der Kinoleinwand war er zuletzt als Staatsanwalt Rehberg in der „Stiller“-Verfilmung von Stefan Haupt zu erleben. Aber sein eigentliches Metier ist das Schauspiel. Max Simonischek gehört zu den derzeit wichtigsten Darstellern am Wiener Burgtheater, der „Burg“. Zum festen Ensemble gehört er erst seit der letzten Saison, doch als finsterer Maulwurfsmensch gräbt er sich schon seit 2015 durch den locker aufgeschütteten Bühnenboden des Akademietheaters, der zweiten Spielstätte der Burg. Seine Bühnenfassung von Kafkas absurd-surrealem Erzählfragment „Der Bau“ erntet bei jeder Aufführung Standing Ovations: echt kafkaesk, wie Simonischek in furchterregender Abendmaske und im Dress eines Grunge-Modedesigners vor sich hin buddelt und zugleich im Originaltext der Vorlage wortreich fantasiert und halluziniert. Dabei schwankt das Publikum ständig zwischen mitleidsvoller Ergriffenheit und einem Ansatz von Amüsiertheit, bei der das Lachen immer im Halse stecken bleibt. So wie Erdkrümel dem Darsteller scheinbar die Luftröhre verschließen, was irgendwann zu einer lang anhaltenden, glänzend gespielten Hustenattacke führt, die es mit den berühmtesten Hustenanfällen der Theatergeschichte mühelos aufnehmen könnte.
Eine dieser Attacken endete gar tödlich. Molière brach vor gut 350 Jahren während der vierten Aufführung seines „Eingebildeten Kranken“ zusammen – ausgerechnet in der Rolle des Hypochonders Argan. Er erlitt tatsächlich im Spiel einen echten Blutsturz, spielte die Vorstellung zu Ende und starb wenige Stunden später. Die Ironie, dass der vermeintlich Gesunde, der Krankheit nur mimt, am echten Hustenanfall stirbt, hat Theatergeschichte geschrieben. Gott sei Dank treffen wir Max Simonischek Tage später kerngesund, schick im Fußballtrikot und bester Laune zum Garderoben-Talk: Erleichterung.
Was könnt ihr euch leisten?
Während „Der Bau“ von Kafka, vieldeutig und geheimnisvoll, als Parabel einer Welt gefährlicher Vereinzelung gelesen werden könnte oder als Gleichnis unreflektierten Tätigkeitswahns in der modernen Industriegesellschaft, so könnte man auch Simonischeks Hustenanfall symbolisch lesen: als Menetekel für die Zukunft der Burg als eines großen Theaters, das in diesem Jahr vor allem seinen 250. Geburtstag feiern will. Gerade hat es sich wieder mit einer ordentlichen Auslastung in der Publikumsgunst zurückgekämpft, nach Corona und den schwierigen Folgejahren. Die nahezu perfekte Auslastung von Staatsoper und Volksoper erreicht das Haus zwar nicht, aber 80 Prozent verkaufte Plätze sind in Reichweite, vielleicht knackt man die 400.000-Besucher-Marke. Besorgniserregender ist die finanzielle Schwindsucht, die als Kultur-Epidemie vielerorts am Horizont aufzieht und bereits hier und da für chronischen Reizhusten sorgt, der gar nicht verschwinden will. Am Burgtheater wird dringend frisches Geld gebraucht, sonst sind Kürzungen im Spielbetrieb wohl unvermeidlich. Die Rücklagen sind bald aufgebraucht, Effizienzspielräume gibt es keine mehr, wie Direktion und kaufmännische Leitung ausführten, als im April die Saison 2026/2027 vorgestellt wurde, mit immerhin je acht Premieren am Burgtheater und dem angeschlossenen Akademietheater.
Präsentiert wird „ein großer, bunter Querschnitt durch die Theaterliteratur und das, was Theater im Moment zu leisten imstande ist“, so Burgdirektor Stefan Bachmann. Er wird auch selbst Regie führen, mit einer Kompilation aller drei „König Ubu“-Stücke von Alfred Jarry. Mit Joachim Meyerhoff und Stefanie Reinsperger als Kleinbürgerpaar stehen dann zwei Publikumslieblinge auf der Bühne. Eröffnet wird die Saison von Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ – allerdings nicht mehr ganz taufrisch, da schon bei den Salzburger Festspielen vorgestellt. Wie wichtig auch dem Burgtheater die Ausrichtung an den Möglichkeiten und Präferenzen des Publikums ist, zeigt die laufende Marktforschung „Foresight“ durch die Agentur Jaksch & Partner. Zwar wird nicht gefragt „Was wollt ihr sehen?“ – die inhaltliche Autonomie bleibt also unangetastet. Dafür interessiert man sich für Antworten auf den Fragenkomplex „Was könnt und wollt ihr euch finanziell noch leisten?“ Die Kunst geht nach dem Geld, sie kann nicht anders, wenn sie beim Publikum bleiben will.
Zu Besuch im Norden
Zum Plausch auf Plüsch, ein rotes Oma-Sofa, Künstlerbilder an der Wand, ein beleuchteter Spiegel: In der Garderobe des Hamburger St.-Pauli-Theaters wartet Max Simonischek auf das Signal der Abendregie. „Der Bau“ läuft zweimal auf Einladung beim prestigeträchtigen Theaterfestival. Völlig entspannt hat der Schauspieler Zeit für ein kurzes Gespräch. Gestern hatte er alte Freunde aus seiner Plöner Zeit wiedergetroffen, wo er von 1993 bis 2002 das bekannte Internat besuchte. Darunter auch die Jugendliebe, die er seit 13 Jahren nicht mehr gesehen hat. Max Simonischek lächelt etwas versonnen … Auch seine Mutter war gekommen, die große Charlotte Schwab. Vater Peter starb vor drei Jahren im Alter von 77 Jahren, auch er Burgschauspieler und sieben Jahre lang der Jedermann bei den Salzburger Festspielen. Jenseits der Gene räumt Max Simonischek seinen Eltern wenig Einfluss auf seinen erfolgreichen Lebensweg ein, früh wuchs er vor allem bei den Großeltern auf. Viel prägender sei ein besonders guter Lehrer im Internat gewesen, der in ihm die Empathie für die Kunst und das Leben geweckt habe.
Zu seinem „Burg“-Stück befragt, stellt er die Vielschichtigkeit des Textes und Kafkas Sprachmacht heraus. Inhaltlich sieht er Bezüge zum Verhalten bei der Flüchtlingskrise 2015 und vor allem danach. Für das aufmerksame Publikum in Hamburg findet er nur Lob. In Bezug auf die Burg in Wien sieht auch er, dass die glanzvolle Alleinstellung eines Treffpunkts der Besten der Besten aus finanziellen Gründen gefährdet ist. Genauso kritisch sieht Simonischek die heraufziehende Bedrohung durch KI und fortschreitende Digitalisierung bei den darstellenden Künsten: „Wie kann man die evolutionäre Errungenschaft des eigenständig denkenden und agierenden Individuums so leichtfertig aus der Hand geben!“ Theater müsse wieder zum Trainingslager des Gemeinsinns werden, mit dem Mut, komplexe Zusammenhänge differenziert zu betrachten. Milo Raus „Tribunale“ auf der Theaterbühne sieht er, so scheint es, skeptisch, aber als Experiment wichtig, auch wenn es scheitert: „Theater muss das aushalten.“
Nicht scheitern will Max Simonischek als Regisseur. Der befreundete Andreas Kriegenburg übernimmt nächstes Jahr das Theater in Meiningen; dort und auch in Stuttgart wird Simonischek selbst inszenieren. Man darf gespannt sein, wie sein Spiel, das von einer präsenten Körperlichkeit wie von einem präzisen Spracheinsatz geprägt ist, sich in eigenen Inszenierungen konzeptionell behauptet.
Letzter Akt im Café Landtmann
Am Burgtheater geht die laufende Saison zu Ende. In „Sankt Falstaff“ zeigt sich das Theater auf der Höhe der Zeit und setzt virtuos technische Hilfsmittel ein, ohne dadurch die Faszination großer Schauspielkunst zu relativieren: Birgit Minichmayr, Maria Happel, Bibiana Beglau – mehr geht nicht, meint auch das jubelnde Publikum. Karin Henkel, Intendantin am Hamburger Schauspielhaus, inszenierte dieses Komödiendrama von Ewald Palmetshofer um Shakespeares „Falstaff“-Figur, ein mahnendes Lehrstück über die Korrumpierung durch politische Macht.
Im „Bau“ von Simonischek antwortet Kafkas Erzählfigur mit ihrem bizarren Verhalten noch auf eine bedrohlich-unbezwingbare Ohnmacht, bei Henkel/Palmetshofer treibt dagegen Machtmissbrauch die bizarre Bühnenhandlung voran. Gutes Theater kann die Welt erklären, Lösungen bietet selbst das Burgtheater nicht. Das nahe Café Landtmann hat zum Glück bis Mitternacht geöffnet. Wir müssen reden: „Herr Ober, einen Letzten …“
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