Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Theaterkritik zu „GOTT“

Abstimmen über Sterbehilfe

„GOTT“ von Ferdinand von Schirach zersetzt Gemeinschaft zugunsten der Legalisierung von Suizidbeihilfe. 
Ferdinand von Schirach, Schriftsteller
Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

Man könne sich selbst nicht ermorden, so sagt Anwalt Biegler in der ersten Hälfte von „GOTT“, deshalb solle man auch nicht von „Selbstmord“ sprechen, sondern von „Suizid“. Das Stück, das zurzeit im Residenztheater München läuft, hat etwas von einer Podiumsdiskussion und von einem Gerichtsprozess. Verhandelt wird anhand eines konkreten Falles, dem Todeswunsch von Elisabeth Gärtner, gespielt von Charlotte Schwab, ob es ethisch vertretbar sei, Suizidbeihilfe zu leisten.

Lesen Sie auch:

Rhetorik statt Katharsis

Schirach setzt in „GOTT“ dabei nur auf Argumente. Verschiedene gesellschaftliche Kräfte – Medizin, Recht und Kirche – sind durch Figuren vertreten, die als Sprachrohr ihrer Instanzen dienen. Emotional geht es um Pathos: Schuldzuweisungen, Distanzierungen, Betretenheit und Empörung verdecken echte Verletzlichkeit. Gefühle, die besser in eine Talkshow oder ein Twitter-Drama passen als in ein Theater. Die Emotionen und Konsequenzen eines freiwilligen Suizids auf das Umfeld dürfe man nicht stellen: So echauffiert sich Elisabeth Gärtner über jene, die glauben, dass sie es sich mit ihrer Entscheidung leicht mache. Bevormundung, lautet die Anklage. Bei einem Stück, dass Autonomie für das einzig gültige Maß nimmt, sind Abhängigkeiten von anderen Menschen eben hinderlich. Erschreckend einsam – so fühlt sich „GOTT“ von Ferdinand von Schirach an. DT/sdu

Mehr über die Münchner Inszenierung von Schirachs „GOTT“ lesen Sie in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“.

Themen & Autoren
Vorabmeldung Suizidhilfe

Weitere Artikel

Die Hoffnung auf das ewige Leben verleiht dem Diesseits seinen Sinn. Auf ihr lässt sich eine ganze Kultur errichten.
02.04.2026, 19 Uhr
Franziska Harter
Selbsttötung als Ausdruck der Selbstbestimmung? Der bizarre Fall eines ärztlich assistierten Suizids zeigt, wohin eine solche Überzeugung unsere Gesellschaft führt.
30.01.2026, 21 Uhr
Stefan Rehder

Kirche

Ralph Brinkhaus fordert mehr Gottesbezug, Kardinal Marx hält sich lieber an die Vernunft. Doch wie jenseitig dürfen politische Ratschläge der Kirche dann noch sein?
16.05.2026, 13 Uhr
Jakob Ranke
Der DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer verweist auf „Dynamiken“ bei der Prüfung der Satzung in den römischen Dikasterien.
16.05.2026, 12 Uhr
Meldung
Eine vatikanische Ehrung für den iranischen Botschafter am Heiligen Stuhl sorgt für Empörung – und für Missverständnisse. Eine Aufklärung.
15.05.2026, 10 Uhr
Stephan Baier