Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

Die Berufung als Zumutung

Alauda Ruiz de Azúas preisgekrönter Film „Glaube“ begleitet eine 17-Jährige bei der Prüfung ihrer Berufung – und begegnet einem jungen Priester und Ordensfrauen, die in ihrer Berufung ein erfülltes Leben führen.
Ainara und Pater Txema
Foto: David Herranz | Die 17-jährige Ainara (Blanca Soroa) denkt über eine Ordensberufung nach. Der junge Pater Txema (Víctor Sainz) hilft ihr als geistlicher Begleiter bei der Entscheidungsfindung.

Die 17-jährige Ainara sucht keine fertigen Antworten bei Pater Txema, wenn sie seine geistliche Begleitung wahrnimmt. Die junge Frau soll nicht zu einer Entscheidung gebracht werden. Sie muss vielmehr selbst herausfinden, ob das, was sie spürt, tatsächlich eine Berufung zum Ordensstand ist.
Um dieses Erkennen der Berufung kreist „Glaube“ („Los domingos“) von Alauda Ruiz de Azúa.

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Die baskische Regisseurin erzählt von einer religiösen Erfahrung in einer Gesellschaft, der die Sprache dafür weitgehend abhandengekommen ist. Ihr Film, der auf dem Filmfestival San Sebastián mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde und zudem fünf spanische Filmpreise – darunter den für den besten Film – erhielt, nimmt diesen Ruf erstaunlich ernst.

Berufungen sind auch in Spanien rückgängig

Auch in Spanien ist eine solche Entscheidung selten geworden, aber nicht gänzlich verschwunden: Zurzeit bereiten sich 1 066 Männer auf das Priestertum vor, 201 von ihnen haben die Ausbildung gerade begonnen. Nach Jahren des Rückgangs ist die Gesamtzahl allerdings wieder gestiegen. Bei den Ordensgemeinschaften gehen jedoch die Mitgliederzahlen seit Jahren deutlich zurück. 

Vor diesem Hintergrund wirkt Ainaras Geschichte paradox, aber vom „Paradoxon“, dass in einer stark säkularisierten Gesellschaft junge Menschen Gott finden, sprach schon Papst Leo XIV. bei seiner Frankreichreise im September. Hier geht es aber nicht nur um die Frage, den Glauben zu finden, sondern auch um die Frage, was im 21. Jahrhundert eine Jugendliche dazu bringt, auf Familie und Karriere zu verzichten, um Gott ihr Leben zu weihen.

Das Spüren der Berufung

Ainara besucht eine katholische Schule im nordspanischen Bilbao. Sie trifft Freundinnen, hört Musik und flirtet mit einem Jungen aus dem Chor. Wie ihre Mitschüler fragt sie sich, was nach dem Abitur kommen soll. Doch während die anderen über Studium oder Beruf nachdenken, möchte Ainara in einer Klostergemeinschaft eine „Zeit der Entscheidungsfindung“ verbringen. Sie spürt eine Ordensberufung.

Ruiz de Azúa interessiert weniger die spektakuläre Entscheidung als das Geheimnis, das ihr vorausgeht. Sie selbst bezeichnet sich als „nicht gläubig“. Als junge Frau erlebte sie jedoch, wie eine Gleichaltrige in einen Orden eintrat. Die Gewissheit, mit der diese den radikalen Schritt vollzogen habe, habe ihr imponiert. Bei den Vorbereitungen auf den Film sprach Ruiz de Azúa mit Ordensfrauen über ihre Berufung. Sie hätten ihr von ihrer Liebesbeziehung zu Christus erzählt, sagt sie, aber auch von der Suche nach etwas, das ein Leben lang tragen könne.

Hilfe und Widerstand

Ainara steht bei ihrer Entscheidungsfindung nicht allein. „Glaube“ zeigt Menschen, die den Schritt längst getan haben, etwa den sympathischen, Jugendlichen zugewandten jungen Priester Pater Txema oder auch die Ordensschwestern: Die Oberin (Nagore Aranburu) besitzt Wärme und Autorität, wirkt zugleich zutiefst menschlich und übernatürlich.

Sie wirken so selbstverständlich, als seien sie tatsächlich Ordensfrauen und keine Schauspielerinnen – ähnlich den Mönchen in Xavier Beauvois’ „Von Menschen und Göttern“.

Auf dieser Folie gewinnt der Konflikt mit Ainaras Familie an Schärfe. Ihr verwitweter Vater Iñaki (Miguel Garcés) reagiert hilflos. Tante Maite (Patricia López Arnaiz), die für Ainara zur Ersatzmutter geworden ist, hält die vermeintliche Berufung für das Ergebnis von Verletzlichkeit: Die Jugendliche habe ihre Mutter verloren und suche nun Halt. Vielleicht werde eine seelische Not religiös überhöht, vielleicht nutze die Kirche sie sogar aus.

Dem Ruf folgen

„Glaube“ nimmt auch diesen Verdacht ernst. Die Regisseurin stellt die Frage, wie viel an Ainaras Berufung „genuin, übernatürlich und authentisch“ und wie viel durch Erwachsene oder durch ihre eigenen Lebensumstände beeinflusst ist – ohne dem Zuschauer die Antwort darauf vorwegzunehmen.

Der spanische Originaltitel „Los domingos“ („Sonntage“) ist vielsagend: Sonntags kommt die Familie zusammen, doch ihre Mitglieder verstehen einander immer weniger. Ausgerechnet Ainaras religiöse Berufung legt offen, dass es dieser Familie an einer gemeinsamen Sprache für tiefgreifende Fragen mangelt.

Der Film spiegelt eine nordspanische Gesellschaft wider, in der religiöse Traditionen fortleben, religiöse Sprache vielen aber fremd geworden ist, während die Sehnsucht nach Sinn und Liebe bleibt.

Ruiz de Azúa löst den Widerspruch nicht auf. Aber darin liegt die Stärke des Films. „Glaube“ handelt nicht einfach davon, ob eine 17-Jährige in einen Orden eintreten darf. Er handelt von dem viel schwerer darstellbaren Augenblick, in dem ein Mensch spürt, dass er zu etwas Bestimmtem gerufen ist, und von der Frage, ob die Menschen, die ihn lieben, ihm auch zutrauen, diesen Ruf selbst zu prüfen und ihm zu folgen.


„Glaube“, Spanien 2025, 115 Minuten, Regie: Alauda Ruiz de Azúa, seit dem 29. Oktober im Kino.

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