Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Prälat Imkamp im Interview

„Auf diesem Schutt wird eine pseudodemokratische Rätestruktur aufgebaut“

Bilanz zum Goldenen Priesterjubiläum: Wo Prälat Wilhelm Imkamp heute theologischen Forschungsbedarf sieht und warum er in Zeiten von KI dem klassischen Buch vertraut.
Feierte Goldenes Priesterjubiläum: Prälat Wilhelm Imkamp
Foto: Archiv | „Als auf synodalen Wegen ernsthaft die Frage aufkam, ob das Priestertum überhaupt notwendig sei, war der Abfall vom Glauben unserer Kirche so manifest, dass man diese Wege sofort hätte sperren müssen": Prälat Wilhelm ...

Am Sonntag feierte der vormalige Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild, Prälat Wilhelm Imkamp, sein Goldenes Priesterjubiläum in dem mittelschwäbischen Marienheiligtum. Seine Entscheidung für die Nachfolge Jesu hat er nie bereut, auch wenn sein Umfeld ihn damals nicht ermutigte. Sakramentales Priestertum ist für ihn alternativlos.

Herr Prälat, als Sie 1976 zum Priester geweiht wurden, war die Volkskirche noch lebendig und die Kirchenaustritte sanken. Wieviel Nostalgie gestatten Sie sich an Ihrem Weihetag?

Die 1970er-Jahre waren in meiner Wahrnehmung heftige Krisenjahre. Die Fassaden standen zwar noch, aber die Risse wurden größer und die Farben blätterten schon großflächig ab. Synodengrau war die neue Farbe.

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Welche Reformen haben Sie selbst damals erhofft?

Das Ende des irrsinnig beschleunigten Reformkarussells. Die wachsende Veränderungsmüdigkeit großer Volksteile war längst spürbar, aber offenbar nicht für eine in Selbstreferenzialität versunkene kirchliche Elite.

Haben Sie Ihre Entscheidung für den Priesterberuf jemals bereut?

Niemals, aber häufig habe ich meine Schwächen, Unzulänglichkeiten, Fehler und Voreiligkeiten bereut.

Hat sich Ihr priesterliches Selbstverständnis im Lauf der Jahre verändert?

Nein, eher verstärkt. Mir wurde immer klarer, wie schnell aus einer priesterlosen Gesellschaft eine gottlose Gesellschaft wird. Für einen Priester gibt es keine Ersatzlösung. Weder Streetworker noch Sakramentshostessen können konsekrieren und absolvieren. Als auf synodalen Wegen ernsthaft die Frage aufkam, ob das Priestertum überhaupt notwendig sei, war der Abfall vom Glauben unserer Kirche so manifest, dass man diese Wege sofort hätte sperren müssen. Hier wurden Zukunftswege verschüttet und auf diesem Schutt wird nun eine pseudodemokratische Rätestruktur aufgebaut.

Welche kirchliche Neuerung der letzten fünfzig Jahre betrachten Sie als die einschneidendste?

Ohne Zweifel die Liturgiereform, die überstürzt und mit großem Druck durchgesetzt wurde. Sie wurde damit zum Brandbeschleuniger der Glaubenskrise. Aber auch die Zerstörung des tridentinischen Seminarsideals, das durch bizarre, alternative, psychologisierende Erziehungsutopien ersetzt wurde.

Die Seminare sind heute meistens leer und das Prestige des Priesterberufs ist nicht mehr dasselbe wie vor fünfzig Jahren. Wie erklären Sie jungen Menschen den Glücksfaktor Ihres Berufs?

„Meine Verwandtschaft reagierte auf meinen Wunsch,
Priester zu werden, mit den Worten:
,Das ist doch keine Karriere.'“

Das Prestige des Priesterberufes war schon damals im freien Fall. Meine Verwandtschaft reagierte auf meinen Wunsch, Priester zu werden, mit den Worten: „Das ist doch keine Karriere.“ Und das würde ich auch heute Jugendlichen erklären. Priestertum heißt Ausstieg aus allen plausiblen Karriereplänen. Priestertum ist die endgültige Absage an alle weltlichen Plausibilitäten. Der Priester handelt in persona Christi, vor allem bei der Konsekration und Absolution. Ohne ihn gibt es die wirkliche Gegenwart Christi nicht. Er ist alternativlos.

Die traditionelle Marienverehrung spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Leben. Gibt es noch theologisch offene Fragen mit Blick auf die Muttergottes, die Sie beschäftigen? Sehen Sie Forschungsdesiderate?

Maria ist die mediatrix omnium gratiarum, die Mittlerin aller Gnaden. Der Priester ist eine zutiefst marianische Gestalt, ist er doch der Vermittler der sakramentalen Gnaden. In persona Christi ist er Sohn der Mutter. Ein Text der Glaubenskongregation „Mater populi fidelis“ hat 2025 einige Unruhe zu diesem Thema hervorgerufen. Dem eher etwas unterkomplexen Text fehlt eine historische Tiefendimension. Immerhin hat die nachfolgende Diskussion die Mittlerschaft Mariens in ihren Dimensionen und Grenzen erneut ins allgemeine kirchliche Bewusstsein gehoben. In den letzten Jahren hat mich die Frage nach dem Tod Mariens beschäftigt. Ist sie wirklich gestorben oder lebendig mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden? Hier müsste theologisch tiefer und vielleicht auch traditionskritischer reflektiert werden.

Sie widmen Ihren Ruhestand der Arbeit in einer der bedeutendsten Bibliotheken Bayerns. Warum legen Sie im digitalen Zeitalter, in dem sich immer mehr Menschen auf KI-gestützte Lektüre verlassen, so viel Wert auf das klassische Buch in einer Präsenz- und Spezialbibliothek?

KI-gestützte Lektüre ist immer fremdbestimmt: Wie und womit wurde die KI denn gefüttert? KI darf nicht die geistgewirkte Lektüre ersetzen. Wir brauchen in der Theologie das von der Tradition der Kirche betreute Lesen und Forschen. Im Gegensatz zur KI wirkt der heilige Geist auch bei Stromausfall.

Auf dem Erinnerungsbild an Ihr Goldenes Priesterjubiläum sind Sie mit Ihrem Mops Albizzi zu sehen. Was ist dran an der landläufigen Rede „wie das Herrchen, so der Hund“?

Leider nicht so viel, denn mein Mops ist wesentlich schöner und vor allem sportlicher als ich.


Prälat Wilhelm Imkamp wurde am 10. Oktober 1976 in Rom zum Priester für das Bistum Aachen geweiht. 1982 wurde er an der Päpstlichen Universität Gregoriana mit einer Arbeit über das Kirchenbild von Innozenz III. promoviert. Von 1988 bis 2017 leitete er die Wallfahrt Maria Vesperbild in Mittelschwaben im Bistum Augsburg und machte den Ort über die Region hinaus bekannt. Seinen Ruhestand verbringt er in Schloss Thurn und Taxis in Regensburg und arbeitet in der Fürstlichen Hofbibliothek. 

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