Wo ist der Tee?“, fragt Gleb (Dmitriy Mazurov) seine Frau Galina (Iris Lebedeva). Als sie ihm den Tee bringt, sagt er aber unvermittelt: „Ich trinke lieber Kaffee.“ Eine kleine, eher beiläufige Szene, die aber mehr über den Zustand ihrer Ehe verrät als ein langer Streit. Die beiden leben mit ihrem Sohn (Boris Kudrin) in einem luxuriösen Haus am See. Hinter der eleganten Fassade herrscht emotionale Kälte.
Mit „Minotaurus“, der beim diesjährigen Filmfestival von Cannes den Großen Preis der Jury gewann, kehrt der im französischen Exil lebende russische Regisseur Andrey Zvyagintsev nach neun Jahren auf die Leinwand zurück. In seinem letzten Film „Loveless“ (2017) hatte er auf ungemein realistische Weise komplexe Persönlichkeiten gezeigt, die sich von den oberflächlichen Versprechungen eines neuen Wohlstands verführen lassen.
Für „Minotaurus“ lässt er sich von Claude Chabrols Film „Die untreue Frau“ (1969) inspirieren und verlegt die Geschichte aus dem französischen Großbürgertum in das Russland des Jahres 2022. Aus einem psychologischen Ehedrama entwickelt er einen düsteren Thriller, der zugleich vom moralischen Verfall der Gesellschaft erzählt.
Die Kälte hinter den Glasfassaden
Gleb arbeitet als Geschäftsführer eines erfolgreichen Transportunternehmens. Seine Frau Galina begegnet ihm mit Gleichgültigkeit. Als sie vorgibt, in ein Café zu gehen, folgt er ihr heimlich. Grund zum Misstrauen scheint er zu haben, denn bald darauf steigt sie in ein Taxi. Schließlich beauftragt Gleb einen Mitarbeiter aus dem Sicherheitsdienst der Firma, der seinen Verdacht bestätigt: Galina hat einen Liebhaber.
Zvyagintsev nimmt sich viel Zeit – manchmal etwas zu viel Zeit –, um die Spannungen zwischen den Eheleuten sichtbar zu machen. Nicht Dialoge, sondern eher Schweigen und Blicke bestimmen die Handlung. Die Distanz zwischen den Eheleuten wird durch Michail Kritschmans Kamera unterstrichen. Die Glasfassaden und die kühlen Farben vermitteln Wohlstand, aber auch Isolation.
Die anschwellende, dann wieder verebbende Musik zu Beginn verstärkt die unterschwellige Bedrohung. Nach etwa einem Drittel nimmt „Minotaurus“ eine Wendung. Aus dem psychologischen Ehedrama wird ein Kriminalthriller.
Gesellschaft der persönlichen Willkür
Doch diese private Geschichte spielt sich vor einem politischen Hintergrund ab, der sich nach und nach in den Vordergrund drängt. Militärtransporte durchqueren die Stadt, es kommt zur Mobilmachung, Menschen fliehen über die Grenze nach Georgien. Auch Glebs Unternehmen leidet unter dem Verlust von Arbeitskräften. Als der Bürgermeister die örtlichen Unternehmer auffordert, Mitarbeiter für den Kriegsdienst zu benennen, soll Gleb 14 Männer auf die Liste setzen. Seine Lösung offenbart einen erschreckenden Zynismus.
Zvyagintsev erzählt nicht lediglich von einem Mann, der aus Eifersucht zum Verbrecher wird. Er zeigt eine Gesellschaft, in der persönliche Willkür und staatliche Gewalt nach ähnlichen Mechanismen funktionieren. Wer über Macht und Beziehungen verfügt, kann über das Schicksal anderer bestimmen. Selbst ein scheinbar unaufklärbares Verbrechen lässt sich vertuschen, wenn man die richtigen Leute kennt.
Menschenopfer für den Krieg
Der Filmtitel verweist auf den griechischen Mythos vom Minotaurus, dem junge Menschen geopfert werden müssen. Auch Glebs Unternehmen soll 14 Männer ausliefern. Wer ist hier aber das Ungeheuer? Gleb, der andere opfert, um seine Privilegien zu bewahren, oder eher der Staat, der solche Menschenopfer fordert?
Die politische Symbolik bleibt allerdings weniger subtil als die psychologische Zeichnung der Figuren. Unklar bleibt auch, ob Zvyagintsev den Zynismus anprangert oder eher verherrlicht. Dennoch stellt „Minotaurus“ die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen in einem politischen System, das Unrecht für eigene Zwecke nutzt. Das eigentliche Labyrinth besteht aus einem Geflecht aus Abhängigkeiten, Lügen und Komplizenschaft.
Der Autor schreibt als Historiker über Kunst und Gesellschaft.
„Minotaurus“, Frankreich/Deutschland/Lettland 2026, 135 Minuten, Regie: Andrey Zvyagintsev, ab dem 5. November im Kino.
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