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Ein Mann fürs zweite Leben: Vernunftehe reloaded

Der Feminismus hat die Frauen befreit: Richtung Selbstvermarktung? Caroline Kox versetzt Elfriede Jelineks „Liebhaberinnen“ in die Gegenwart und macht daraus eine bitterböse Farce über die fragwürdigen Empowerment-Versprechen.
Brigitte (Johanna Wokalek) fürchtet, dass sie für den Flatter-Job als Messe-Hostess zu alt sein könnte. Zeit, sich ein wohlhabendes Muttersöhnchen wie Heinz (Ben Münchow) zu angeln.
Foto: Silviu Guiman | Brigitte (Johanna Wokalek) fürchtet, dass sie für den Flatter-Job als Messe-Hostess zu alt sein könnte. Zeit, sich ein wohlhabendes Muttersöhnchen wie Heinz (Ben Münchow) zu angeln.

Seid nicht ihr selbst. Seid angenehm.“ Brigitte (Johanna Wokalek) weiß genau, was damit gemeint ist. Eine Messe-Hostess hat vor allem zu lächeln. Im knappen Kostüm und auf hohen Absätzen präsentiert sie auf Messen Wohnungen und lässt Männerblicke über sich ergehen. Doch langsam merkt Brigitte, dass sie für den Job vielleicht schon zu alt ist, wenigstens im Vergleich zu ihren Kolleginnen. Vor mehr als 50 Jahren erschien Elfriede Jelineks „Liebhaberinnen“, eine komische, aber auch bitterböse Abrechnung mit der ökonomischen Abhängigkeit von Frauen, die sich nach dem „Marktwert ihrer Weiblichkeit“ bemisst. In ihrem Regiedebüt versetzt die luxemburgische Filmemacherin Caroline Kox den Stoff in die Gegenwart. Die marxistisch-feministische Lesart der Vorlage wird zu einer Farce über Social Media, Selbstoptimierung und weibliches „Empowerment“. Die Protagonistinnen sind zwei Frauen, die einander kaum kennen, deren Lebenswege jedoch zusammengehören.

Mütter, Mails und Millionenerben

Brigitte ist hochverschuldet und wohnungslos. Nachts rollt sie eine Schlafmatte in einer Turnhalle aus, was natürlich in krassem Gegensatz zu ihrem Job auf der Messe steht. Heimlich verfolgt sie die Videos der viel jüngeren Paula (Hannah Schiller), die diese aus Langeweile dreht. Paula hält sich damit für selbstbestimmt und möchte aus ihrem Kaff ausbrechen. In Paula sieht Brigitte das Spiegelbild ihres jüngeren Ichs und vielleicht auch ihre geplatzten Träume. Johanna Wokalek spielt diese Brigitte mit angestrengtem Lächeln und verzweifelter Disziplin. Ob sie tatsächlich alt oder zu alt ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass ihre Umgebung ihr signalisiert, ihr Aussehen genüge nicht mehr. Mit ihrer berechnenden, rücksichtslosen Art nähert sie sich Heinz (Ben Münchow), einem wohlhabenden Muttersöhnchen. Dabei spielt Liebe keine Rolle. Sie angelt sich den Millionenerben und zieht in dessen Villa ein. Nun kann ihre auf gesellschaftlichen Aufstieg fixierte Mutter (Victoria Trauttmansdorff) endlich stolz auf ihre Tochter sein.

Das Mutter-Tochter-Verhältnis zieht sich in verschiedenen Variationen durch den ganzen Film. Während Brigittes Mutter ständig Sprachnachrichten schickt, ohne mit ihrer Tochter eigentlich zu sprechen, lebt Paula bei ihrer kranken und vereinnahmenden Mutter. Sowohl Brigitte als auch Paula wollen ihrem bisherigen Leben entkommen. Die digitalen Kommunikationsmittel, die eine ständige Verbindung versprechen, machen die Sprachlosigkeit noch sichtbarer. Aber auch Brigitte entwickelt eine Art Mutterinstinkt gegenüber Paula.

Kox arbeitet mit Überzeichnungen, grellen Situationen und bewusst künstlichen Figuren. Nicht jede Pointe sitzt. In der zweiten Hälfte macht sich bemerkbar, dass der Film seinen zentralen Gedanken zu früh formuliert hat. Dennoch ist „Liebhaberinnen“ mehr als eine Aneinanderreihung feministischer Thesen. Die Regisseurin blickt mitfühlend auf ihre Figuren, die sie manchmal der Lächerlichkeit preisgibt, ohne sie aber zu verachten.

Kox’ besondere Pointe besteht jedoch darin, Jelineks ökonomische Analyse nicht für erledigt zu erklären, sondern nach ihren heutigen Erscheinungsformen zu fragen. Die Ehe gilt zwar nicht mehr als Versorgungsmodell, dafür sind andere Abhängigkeiten entstanden, beispielsweise der prekäre Job, aber auch Coaching oder Selbstvermarktung, verbunden mit der Aufforderung, aus dem eigenen Körper das Beste herauszuholen.

Der Körper als Geschäftsmodell

Nach Jahrzehnten Feminismus schafft Brigitte den gesellschaftlichen Aufstieg am Ende ausgerechnet auf dieselbe Weise, auf die Marilyn Monroe und Lauren Bacall 1953 in Jean Negulescos „Wie angelt man sich einen Millionär?“ ihr Glück suchten: durch einen reichen Mann. Nur dass Kox von der romantischen Komödie nichts übriglässt. Und während Brigitte in der Villa angekommen ist, landet die vermeintlich so selbstbestimmte Paula dort, wo Brigitte angefangen hat.

Die Formen haben sich verändert, die Abhängigkeit nicht unbedingt. Der weibliche Körper wird nicht mehr nur von anderen bewertet und ökonomisch verwertet. Die Frauen sollen diese Verwertung selbst vornehmen, und sie nennen Selbstbestimmung, was sich eigentlich als neue Abhängigkeit herausstellt.

„Liebhaberinnen“, Luxemburg, Deutschland 2026, 98 Minuten, Regie: Caroline Kox, im Kino ab dem 22. Oktober.


Der Autor lebt in Berlin und rezensiert Filme.

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José García

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