Schon in ihrem ersten Film setzte sie sich mit dem Leben ihrer Mutter auseinander. Damals, 1975, drehte die Autorin und Regisseurin Jutta Brückner (Jahrgang 1941) den dokumentarischen Filmessay „Tue recht und scheue niemand“. 1980 folgte „Hungerjahre“ über ihre eigene Jugend in den 1950er-Jahren. „Ich hatte damals das Gefühl“, sagt sie heute, „mit diesen beiden Filmen, die sich zueinander verhalten wie die beiden Seiten einer Medaille, sei dieses Thema für mich auserzählt.“ Im Laufe der Zeit habe sie aber begriffen, dies sei nicht der Fall. Deshalb verarbeitete sie den Stoff später in einem Roman und nun erneut in einem Film: „Im Spiegel meiner Mutter“. Er startet jetzt im Kino.
Die Archäologieprofessorin Ursula Scheuner (Corinna Harfouch) hat gerade ihre Mutter verloren: Die hochbetagte Hildegard (Hildegard Schmal) ist vor wenigen Tagen in einem Pflegeheim gestorben. In Ursula wächst der Verdacht, dass ihre Mutter womöglich keines natürlichen Todes starb. Damit verbinden sich Schuldgefühle, die sie seit ihrer Kindheit begleiten.
Im Haus ihrer Mutter sucht Ursula nach den Spuren eines vergangenen Lebens, von dem sie sich stets lösen wollte. Denn Hildegard war bis zuletzt besitzergreifend und fordernd. Bei der Wohnungsauflösung stößt die Tochter auf Zeugnisse eines Lebens, das sie eigentlich längst überwunden zu haben glaubte. Dazu kommt die Unruhe an ihrer Arbeitsstelle: An der Universität wird gebaut, Vorlesungen gehen im Lärm unter. Sie soll auch noch ihr Büro räumen.
Erinnerung, Traum und Wirklichkeit
Die Professorin zieht sich in den Keller zurück, wo sie eine illegal ausgegrabene Moorleiche verbirgt. Unterstützung erhält Ursula von ihrer neuen Assistentin Melanie Splitter (Carla Juri), einer schlagfertigen und selbstbewussten jungen Frau. Auf rätselhafte Weise scheint Melanie viel über Ursula und deren Familie zu wissen: Gibt es sie tatsächlich? Oder ist sie ein Alter Ego der Professorin, vielleicht sogar die nie geborene Tochter, nach der sie sich sehnt?
Brückners Film erzählt von drei Generationen Frauen, jedoch nicht geradlinig. Wirklichkeit, Erinnerungen und Traum gehen ineinander über. Der Spiegel im Filmtitel zeigt, wie die demente Mutter ihre Tochter noch erkennt, sich selbst jedoch nicht mehr. Zugleich öffnet er einen Zugang zu Ursulas Innenwelt und führt sie zur Mutter, aber auch zum Vater zurück, der einst die Familie verließ.
„Im Spiegel meiner Mutter“ arbeitet mit einer Fülle wiederkehrender Motive. Die Moorleiche enthält Spuren einer zurückliegenden Gewalttat. Während Ursula deren Geschichte freilegt, dringen auch ihre eigenen Erinnerungen und Familiengeheimnisse an die Oberfläche. Ebenso besitzt die Baustelle an der Universität symbolische Bedeutung. Brückner erklärt: „Diese Baustelle ist nicht nur die in Ursulas Leben, es ist für mich die Baustelle unserer Zeit. Wir leben in einem großen Umbruch, nicht nur in einem politischen, sondern auch in einem mentalen und kulturellen.“
Schauspielerische Glanzleistungen
Die Anhäufung solcher Bilder macht den Film ermüdend. Darstellungen urzeitlicher Mutterfiguren, die Moorleiche, die Baustelle, Melanies Familienname „Splitter“ und selbst die „phantastische“ Musik mit Variationen über „La Paloma“ scheinen auf eine verborgene Bedeutung zu verweisen. Da sich nicht alle Gedankensprünge unmittelbar erschließen, wirkt der Film streckenweise wie ein einziges Symbolgeflecht. Vieles bleibt in der Schwebe: die tatsächliche Todesursache der Mutter, die Geschichte der Moorleiche sowie Melanies wahre Identität. Statt das Geheimnis zu vertiefen, verstärkt dies bisweilen den thesenhaften Charakter des Films.
Zu seinen Stärken gehören die schauspielerischen Leistungen. Corinna Harfouch verkörpert Ursula zugleich beherrscht und verletzlich. Hildegard Schmal lässt als zunehmend demente Mutter noch immer ihr forderndes, besitzergreifendes Wesen durchscheinen. Carla Juri verbindet die Unbekümmertheit der Jugend mit jener rätselhaften Ausstrahlung, die ihre Figur in einem Schwebezustand zwischen Realität und Imagination hält.
„Im Spiegel meiner Mutter“ greift interessante Mutter-Tochter-Fragen mit hervorragenden Schauspielerinnen auf. Doch die Überfrachtung mit symbolischen Motiven macht Jutta Brückners Film für den Zuschauer ziemlich anstrengend.
„Im Spiegel meiner Mutter“. Deutschland 2026. 95 Minuten, Regie: Jutta Brückner, im Kino ab dem 20. August.
Der Autor schreibt als Historiker aus Berlin.
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