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Probleme beim Sex?

Sexualität funktioniert nicht „von selbst“: Enttäuschungen und Konflikte gehören dazu. Doch gerade diese Krisen bieten Partnern die Chance, sich gegenseitig besser zu verstehen.
Mann und Frau wünschen und erleben Sexualität oft unterschiedlich. Das kann zu Enttäuschungen und Konflikten führen.
Foto: Copyright: xnd3000x via imago-im (www.imago-images.de) | Mann und Frau wünschen und erleben Sexualität oft unterschiedlich. Das kann zu Enttäuschungen und Konflikten führen.

Sexualität ist in der Ehe eine permanente Entdeckungsreise. Die Verschiedenheit von Mann und Frau zeigt sich auch darin, was sie sich vom ehelichen Einswerden wünschen. Der eine möchte es häufiger, der andere seltener. Ein Mann, Vater mehrerer Kinder, erklärte daher einmal in einem Vortrag, dass bei den allermeisten Paaren einer der Partner wohl mehr oder weniger „zölibatär“ lebe. In den meisten Fällen sei es der Mann, der sich die Vereinigung öfter wünsche. Wo die Bedürfnisse so unterschiedlich sind, können Enttäuschungen und Konflikte entstehen. Für einen Mann bedeutet Sexualität Belohnung, Entlastung, Bestätigung. Bei der Frau hingegen geht es um Harmonie und das Gefühl der Geborgenheit. Der Mann hat einen stressigen Tag, ist ausgepowert und müde – deshalb möchte er Sex. Seine Frau hat einen stressigen Tag, ist ausgepowert und müde – und deshalb möchte sie ihre Ruhe haben.

Frauen brauchen meist mehr Einstimmung

Ein weiterer Aspekt ist, dass Männer in der Sexualität oftmals wesentlich spontaner sind als Frauen, die sich dadurch überfordert sehen. Für Frauen braucht es hingegen mehr Einstimmung, eine entsprechende Atmosphäre, die Situation muss stimmig sein. Wenn diese Bereiche über einen längeren Zeitraum oder gar über Jahre nicht berücksichtigt wurden, dann entsteht schleichend der Eindruck, „benutzt“ zu werden.

Man kann dies in ein Bild fassen, das etwas generalisierend klingen mag: Der Mann denkt tendenziell eher wie ein „Schreibtisch“, die Frau wie eine „Truhe“. Beim Schreibtisch gibt es verschiedene Schubladen, die sich untereinander kaum beeinflussen: Ehefrau, Kinder, Haushalt, Arbeit, Freundeskreis, Streit und natürlich auch Sexualität. Bei der Frau gibt es diese Bereiche auch, sie sind aber allesamt in der Truhe und alles hat seine Ordnung und seinen Platz. Konflikte und Streit bringen Unordnung hinein: Ein Paar hat etwa am Morgen einen Streit, der Mann geht zur Arbeit. Der Streit wird in einer Schublade abgelegt und beeinflusst seinen Arbeitstag kaum. Der Frau hingegen geht der Streit den ganzen Tag nicht aus dem Sinn. Am Abend kommt der Mann bestens gelaunt nach Hause, weil er einen erfolgreichen Tag hatte. Wenn er dann auch noch Andeutungen macht, dass dieser Tag durch schöne Zweisamkeit gekrönt werden könnte, ist die Situation am Eskalieren. Er wirft ihr vor, nachtragend zu sein, sie wirft ihm vor, die Probleme nicht sehen zu wollen.

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Für den Mann ist das Thema Sexualität zeitlich viel begrenzter. Für ihn ist das körperliche Einswerden vielleicht eine Frage von einer halben Stunde, für die Frau hingegen gehört bereits all das dazu, was untertags los ist. Das Nachspiel bedeutet das Ausklingen bis zum nächsten Morgen. Kommt dann ein unkluges Wort des Mannes, bekommt das Schöne des Vortages einen Schatten. Das ist grundsätzlich kein Problem – beide sollten die Unterschiede in der Denkweise jedoch kennen. Problematisch wird es, wenn diese Unterschiede nicht wahrgenommen und die Bedürfnisse des anderen nicht berücksichtigt werden.

Gerade in der Sexualität ist der Mensch besonders verletzlich. Die Ursachen dafür, dass sich jemand mit der eigenen Sexualität schwertut, können unterschiedlicher Art sein. Gerade in „katholischen Kreisen“ herrscht immer noch eine negative Sicht auf die Sexualität. Im Bemühen um die richtig gelebte Sexualität kommt in der Erziehung die Schönheit der Sexualität oftmals zu kurz. Vielmehr wird betont, was alles sündhaft ist. So kann die Sexualität überwiegend als verpönt oder als notwendiges Übel erscheinen. Es verwundert nicht, wenn sich Menschen dann schwertun, die gelebte Sexualität als beglückend und bereichernd zu empfinden.

In der Sexualität bedarf es keiner Perfektion

Viele Menschen kennen zudem Situationen aus Kindheit und Jugend, in denen ihr gesundes Schamgefühl verletzt wurde: wenn man etwa kaum bekleidet im Badezimmer überrascht oder wegen seines Aussehens verspottet wird. Bei vielen hinterlässt das keinen bleibenden Eindruck, bei anderen kann eine unangenehme Situation unbewusst zu Problemen mit der eigenen Leiblichkeit führen – und damit auch Auswirkungen auf die Sexualität haben.

Auch negative sexuelle Erfahrungen können die Fähigkeit beeinträchtigen, sich dem anderen hinzugeben. Eine verheiratete Frau erzählte, dass sie nach der Hochzeit tiefer verstanden habe, warum die voreheliche Enthaltsamkeit sinnvoll sei: Sie brauchte in der Sexualität nicht „perfekt“ zu sein. Sie durften aneinander lernen im Bewusstsein, dass sie gegenseitig „Ja“ zueinander gesagt hatten. Voreheliche Erfahrungen, die mit Enttäuschungen verbunden waren, können hingegen als Belastungen mitgetragen werden, wenn sie nicht gut aufgearbeitet wurden.

Viele Paare gehen wohl davon aus, dass in der gelebten Sexualität alles von allein funktionieren würde. Doch die Realität sieht oft anders aus. Eine Frau formulierte es etwas überspitzt einmal so: „Die ersten 15 Jahre ist man verheiratet, um sich in der Sexualität kennenzulernen, die nächsten 15 Jahre kann man dann genießen.“ Von Paaren, die auch in der Sexualität gut harmonieren, ist daher immer wieder zu hören, dass das Körperliche umso schöner wird, je länger sie verheiratet sind. Das wäre ein anzustrebendes Ziel. Die Sexualität löst jedoch keine Probleme, sondern deckt Probleme auf. Dadurch wird sie entweder zu einer Kraftquelle oder zu einem Konfliktfeld.

Reden über Sex

Sexualität hat besonders mit Geschenkcharakter zu tun: Ich will dir etwas Gutes tun und ich werde der Beschenkte, wenn mir dies gelingt. Im Buch Tobit betet Tobias in der Hochzeitsnacht mit Sarah: „Deshalb, Herr, nehme ich diese meine Schwester auch nicht aus reiner Lust zur Frau, sondern aus wahrer Liebe“ (Tob 8,7). Das Wesen eines Geschenkes ist, dass es ein Angebot bleibt und nicht aufgenötigt werden kann. Gerade die sexuelle Hingabe bedeutet, sich gegenseitig zum Geschenk zu werden. Die wahre Liebe muss im Vordergrund stehen – ich will dir etwas Gutes tun –, die Lust darf und soll ganz selbstverständlich dazukommen. Im Buch Genesis wird für das eheliche Einswerden auch der Begriff „Erkennen“ verwendet: Adam erkannte Eva. Dieses Erkennen lässt sich so verstehen, dass Mann und Frau sich gegenseitig einen Blick in die eigene Seele gewähren. Das ist tiefste Einheit – Einheit von Körper, Seele und Geist. Auch darf man sich gegenseitig sehen und bewundern. Diese Nacktheit ist ein Geschenk und nichts, wofür man sich in der Ehe schämen müsste.

Damit eine solche Hingabe möglich wird, braucht es das Gespräch. Leider fehlt vielen Paaren das nötige Vokabular, um gemeinsam über Sexualität ins Gespräch zu kommen. Auch wenn die Ehe von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Zuneigung geprägt ist, können unausgesprochene Probleme da sein. All diese Dinge können ein Hemmnis für die Frau sein, sich auch körperlich zu öffnen. Umso wichtiger wäre es, sich gegenseitig klar zu sagen, was einem selbst guttun würde. Die Sexualität sollte als beiderseitiges Bedürfnis gesehen werden und es wäre schade, wenn der Mann zu einem Bittsteller und Bettler degradiert würde. Ein rücksichtsvoller Mann will seine Frau zu nichts drängen oder nötigen. Umso wichtiger wäre es aber, dass auch von der Frau immer wieder die Initiative ausgeht. Die leuchtenden Augen des Mannes werden in Erinnerung bleiben, wenn auch er einmal verführt wird. Andererseits sollte sich ein Paar nicht darauf verlassen, dass immer die große Lust vorhanden ist. Die Lust kann auch im Tun wachsen.

Die Lust kann auch im Tun wachsen

Noch ein Tipp von Ehepaaren für Ehepaare aus meiner Beratungstätigkeit: Wenn die Lust bei einem Partner nicht so vorhanden ist, sich das Paar emotional etwas auseinandergelebt hat oder zyklusbedingt längere enthaltsame Phasen waren, kann ein „Ruhen“ angestrebt werden: ein langes, ruhiges, zärtliches Vereinigtsein, ohne unbedingt einen Höhepunkt bei beiden anzustreben. Paare berichten von einer tiefen emotionalen Sättigung und einem neuen Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Geborgenheit steht im Vordergrund.

Ob es in der Sexualität passt oder nicht, kann auch daran erkannt werden, ob man sich offenen Herzens danach in die Augen schauen kann. Die gemeinsam gelebte Sexualität ist zutiefst heiliges Geschehen und zugleich eine Herausforderung. Mann und Frau dürfen einander darin über die Jahre immer tiefer kennenlernen. Gerade in der Sexualität braucht es immer wieder das Bemühen um einen positiven Zugang. Dann kann die Freude an der Sexualität auch bis ins hohe Alter ein verbindendes und stärkendes Band bleiben.


Der Autor ist seit 30 Jahren Multiplikator und Referent für Natürliche Empfängnisregelung, Professor für Moraltheologie und Bioethik an der Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz und Diözesanfamilienseelsorger.

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