Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Liebe braucht Arbeit

Zwei Paartherapeuten wollen Beziehungen krisenfest machen – und stoßen dabei ganz ohne christlichen Anspruch auf erstaunlich klassische Einsichten: Liebe ist eine Entscheidung, Handlungen prägen die Persönlichkeit, Verantwortung verlangt Eigeninitiative.
Liebe braucht Arbeit
Foto: Johanna Lohr (Imago/Westend61) | „Das Buch, das ihr lesen müsst, wenn ihr ein Paar bleiben wollt“ ist praktisch angelegt: Die gute Beziehung der Eltern hat Vorrang vor den Ansprüchen der Kinder.

Das Buch, das ihr lesen müsst, wenn ihr ein Paar bleiben wollt“ – die Autoren, die Paartherapeuten Ina Henning und David Mayer, haben sich mit diesem Titel die Latte nicht gerade niedrig gelegt. Auf knapp 300 Seiten versuchen sie, alles (überlebens-)Wichtige zum Thema Paarbeziehung unterzubringen.

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In erster Linie richtet sich das Buch an Paare in der Krise. Ihnen soll hier das Handwerkszeug gegeben werden, aus der Krise herauszufinden und Routinen und Haltungen einzuüben, die ihre Beziehung langfristig tragfähig und von momentanen Glücksgefühlen unabhängiger machen. Die Autoren lassen uns hier an den Erfahrungen teilhaben, die sie in jahrelanger Praxis als Therapeuten gemacht haben.

Eine Wahrheit nach der anderen

Zu Beginn werden keine Lösungen angeboten. Hier geht es um Wissen und um den Aufbau der richtigen inneren Haltung, und zwar im Gewaltmarschtempo: Zwar bleibt das Buch immer flüssig und angenehm zu lesen, aber auf den Leser prasselt eine Wahrheit nach der anderen ein:

Eine glückliche Beziehung ist eine Entscheidung. Arbeiten kann ich nur an mir. Es ist normal, dass es sich nicht mehr so schwerelos anfühlt. Die Beziehung soll von Schmetterlingen im Bauch zu Nähe und Sicherheit finden. Wenn mein Partner meine Erwartungen enttäuscht, sind vielleicht meine Erwartungen das Problem …

Jede dieser Erkenntnisse kommt auf ein oder zwei knappen Seiten daher. Wenn sie wirklich das Leben des Lesers verändern sollen, wird hier viel Durchkauen erforderlich sein. Die Fallbeispiele, die immer wieder eingestreut werden, helfen, indem sie nicht nur den Lesefluss auflockern, sondern auch Gelegenheit geben, das Gelesene zu reflektieren und anzuwenden.

Nähe vor Konfliktlösung 

Nachdem so die Grundlagen gelegt sind, kommen die ersten Beziehungsratschläge: Die gute Beziehung zwischen den Eltern muss vor den Ansprüchen der Kinder priorisiert werden. Die Eheleute müssen nach außen zusammenhalten, und das heißt auch gegen die Herkunftsfamilie. Ohne bewusste Paarzeit wird die Beziehung eingehen.

Hier wird das Buch auch so richtig anwendbar: Die Autoren geben Tipps, wie Paarzeit gestaltet werden kann, was beim Aufbau von Nähe hilft und was stört, und wie Eltern zu Paarzeit ohne Kinder kommen können. Anwendbar ist auch der Teil über Konflikte. Zunächst stellen die Autoren klar, dass Nähe vor Konfliktlösung kommt – wenn ich nicht im Alltag erlebe, dass mein Partner für mich da ist, dann wird die beste Kommunikation unser Zusammenleben auch nicht schön machen.

Rotweingespräche – Blaumanngespräche

Daher klären sie zuerst, wie Nähe im Alltag eigentlich funktioniert: immer wieder kurze Momente des Kontakts anbieten und immer wieder die Kontaktangebote des Partners wahrnehmen und schätzen. Auch hierzu geben die Autoren zahlreiche Tipps, bevor dann auch Kommunikation und Konfliktlösung drankommen.

Hier bieten sie schöne Blaupausen für nützliche Gespräche: Wie führe ich ein „Rotweingespräch“ – ein Gespräch, bei dem es um Verständnis und Nähe geht? Und wie ein „Blaumanngespräch“, in dem wir konkret nach Lösungen suchen? Und woher weiß ich, welches davon gerade dran ist? Das Thema Konfliktlösung selbst fällt dann vergleichsweise knapp aus – aber vielleicht braucht es ja gar nicht mehr so viel Konfliktlösung, wenn man sich an die bisher gegebenen Ratschläge hält.

Autoren gehen Kulturkampf aus dem Weg

Das Buch ist kein christliches Buch. Die Autoren richten sich an „alle Menschen in Beziehungen, unabhängig von Geschlecht, Orientierung oder Beziehungsform“. Das stört die Lesbarkeit des Buches zwar nicht, da die Autoren nicht darauf herumreiten, aber es macht das Buch natürlich ein Stück weit abstrakter: Es geht fast immer nur um Partner, nicht um Mann und Frau.

Weil die Autoren erfahrene Therapeuten sind, blitzt natürlich trotzdem immer wieder durch, dass es typische Muster gibt. Ohne Polarität oder Komplementarität von Mann und Frau können sie aber nur sagen, dass da wohl die unterschiedliche Sozialisierung zu verschiedenem Verhalten führt; man kann aber nichts aus der Unterschiedlichkeit lernen oder sie sinnvoll nutzen.

Dass die Autoren jeglichem Kulturkampf aus dem Weg gehen, hat aber auch die positive Folge, dass sie sagen können, was ist, ganz egal, was der Zeitgeist dazu sagt: So wird beschrieben, wie wir uns durch unsere Handlungen immer selbst erziehen und durch unser jetziges Tun unsere zukünftigen Handlungen bis zu einem gewissen Grad vorprogrammieren. Das wird schlicht als neurologische Tatsache präsentiert. Dass es zugleich eine Formulierung der klassischen Tugendethik ist, wird gar nicht ausgesprochen – und so bleibt es unkontrovers.

Prickelnde Partnerschaft auf Augenhöhe

Noch spannender ist dies im letzten Kapitel zu sehen, wo es um Mental Load geht: um den Stress, der damit einhergeht, ständig an viele Dinge denken und Entscheidungen treffen zu müssen. Es ist – gerade auch in den sozialen Medien – eine häufige Klage der Frauen, dass selbst bemühte Männer die Letztverantwortung bei der Frau sehen, sodass die zwar nicht mit der physischen Durchführung, aber doch mit der mentalen Belastung übrigbleibt. Der Mann „hilft mit“, aber er übernimmt nicht Verantwortung.

Der Mann sieht sich selbst also quasi als Befehlsempfänger, und von der Frau wird er als zusätzliches Kind wahrgenommen. Die Lösung der Autoren ist, dass der Mann aus Eigeninitiative Verantwortung übernimmt und selbst Entscheidungen trifft (und dass die Frau dies auch zulässt). So gehe dann prickelnde Partnerschaft auf Augenhöhe. Nach Jahrzehnten der reflexartigen Kritik an allem, das nach männlicher Autorität riecht, ist es schön, dass die Autoren so einen Aufruf zu mehr Leadership der Männer in ihrem eigenen Haus einfach so hinschreiben können.

Wird dieses Buch jede Krise lösen können? Natürlich nicht. Aber wer sich die Zeit nimmt, wirklich mit dem Buch an sich zu arbeiten, dem wird hier viel gegeben, um aus der Krise heraus in eine neue, tiefere Form der Liebe zu finden. Und wenn die Ratschläge in der Praxis allen Arten von Paaren helfen konnten, wie viel mehr Frucht können sie dann in einer sakramentalen Ehe bringen.


„Das Buch, das ihr lesen müsst, wenn ihr ein Paar bleiben wollt“, Rowohlt Verlag, 288 Seiten, 18 Euro. 

Der Autor arbeitet im Schulamt der Diözese St. Pölten. Er ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.

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Maximilian Prüller Krisen

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