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Das geheimeEnde Leopold Blooms

Mit seinem 1922 veröffentlichten Roman „Ulysses“ hat James Joyce der Weltliteratur den berühmtesten Juden Irlands geschenkt – Leopold Bloom.
James Joyce Statue
Foto: Imago/imagebroker | Statue von James Joyce Statue in Dublin.

Tausend Seiten für einen einzigen Tag. Alles in James Joyces monumentalem Werk dreht sich um die Ereignisse im Leben des Dubliner Annoncenmaklers Leopold Bloom am 16. Juni des Jahres 1904. Dieser Bloomsday gehört zum wohl bekanntesten Datum der Weltliteratur und wird seit 1954 zu Ehren von Joyces Roman alljährlich in Dublin gefeiert. Zum Festprogramm gehören dann auch literarische Pilgertouren, die den Spuren der Romanfiguren durch Dublin folgend zu den realen Schauplätzen des fiktiven Geschehens führen.

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Zum Beispiel zum James Joyce Tower in Sandycove, auf den Glasnevin-Friedhof, in die Nationalbibliothek oder den Davy Byrnes Pub, wo Joyce-Fans auf ein Gorgonzola-Sandwich und ein Glas Burgunder einkehren, ganz so wie Leopold Bloom es im achten Kapitel von Ulysses tut. Niemand aber wird am Bloomsday eine unscheinbare Wohnsiedlung im Dubliner Vorort Crumlin besuchen, obwohl sich dort das letzte Kapitel im Leben von Leopold Bloom abspielte.

Das wissen allerdings auch nur die, denen Dermot Keoghs Buch „Jews in Twentieth-Century Ireland“ in die Hände kam. Darin schildert der Autor die ungeheuerliche Geschichte von Leopold Blooms Ende, so wie sie ihm von Asher Benson berichtet worden sein soll. Benson, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde von Dublin, war eines Abends in den Bleeding Horse Pub eingekehrt und traf dort einen Mann namens Sniffer Cohen.

Nach einigen Gläsern Guinness erzählte Cohen ihm, dass er im Jahr 1942 an Leopold Blooms Sterbebett gerufen worden war. Bloom, der Sohn eines ungarischen Juden, der zum Katholizismus übergetreten war, hatte nach der Veröffentlichung des Ulysses-Romans ein sehr zurückgezogenes Leben geführt und sich kaum noch getraut, seinen Namen offen zu nennen. Im Sterben trug er „einen verblichenen Gebetsschal (auf dem Eigentum der Synagoge in der Greenville Road stand), hatte eine fettverschmierte, mit dem Wort Jerusalem bestickte Kippa auf dem Kopf und ein zerfleddertes hebräisches Gebetbuch verkehrt herum auf dem Schoß.“

Der Fluch

An seinen Besucher richtete Bloom nun die Bitte: „Versprechen Sie mir, mich auf dem jüdischen Friedhof in Dolphin’s Barn zu begraben.“ Dann trank er einen Krug Bier und starb mit einem Fluch auf James Joyce, dem er schwor, in der Hölle mit ihm abzurechnen.

Weil Bloom konvertiert war, verweigerte die jüdische Gemeinde ihm jedoch ein Begräbnis auf dem Dolphin’s Barn. Zusammen mit einigen Kumpanen brachte Sniffer den Leichnam deshalb in einer Schubkarre zur Aughavannagh Road im Stadtteil Crumlin. Die Straße befand sich damals noch im Bau und grenzt direkt an den jüdischen Totenacker.

Mit vereinten Kräften gruben die Männer ein Loch unter der Friedhofsmauer, das gerade weit genug hinüberreichte, um wenigstens Blooms Kopf in heilige Erde zu bringen, während die Gebeine im Garten eines Reihenhauses in Crumlin blieben. Am Wahrheitsgehalt der Geschichte zweifelnd, ließ sich Asher Benson von Sniffer an die Grabstelle führen. Auf der Friedhofsseite fanden sie dann jenes Stück Holz, das die unorthodoxe Trauergemeinde zur Beerdigung mitgebracht und über die Mauer geworfen hatte. Wurmstichig nach all den Jahrzehnten, doch die Inschrift war noch lesbar: „Leopold Bloom, 16. Juni 1942. Sein Kopf war jüdisch, auch wenn der Rest von ihm es nicht war. Möge er in Frieden ruhen.“

James-Joyce-„Ulysses“-Gedenktafel
Foto: Imago/Depositphotos | Die James-Joyce-„Ulysses“-Gedenktafel an der Ecke Molesworth Street und Dawson Street in Dublin, Irland.

Am 16. Juni also, ausgerechnet am Bloomsday, hat eine der berühmtesten literarischen Figuren der Moderne die Weltbühne verlassen. Bis zur Nennung des Datums schwebte diese Geschichte so wunderbar zwischen Fakten und Fiktion, dass man sie nur allzu gern geglaubt hätte. Inspiration für seine Hauptfigur hatte Joyce ja auch tatsächlich in Dublins jüdischer Gemeinde gefunden. Davon, wie sehr Juden einst das Leben in der irischen Hauptstadt prägten, erzählen heute nur noch die wenigen übrig gebliebenen Stätten wie die Bretzel Bakery, das von Asher Benson mitgegründete jüdische Museum oder die Gedenktafel zu Ehren des ersten Oberrabbiners von Irland – Isaac Herzog, der Vater des späteren israelischen Staatspräsidenten Chaim Herzog.

Mit Leopold Bloom verankerte Joyce die Erinnerung an Dublins Juden im kollektiven Gedächtnis der Literatur. Ob es ihm gefallen hätte, dass Asher Benson seiner Schöpfung den Garaus gemacht hat? Vermutlich schon, ist die Anekdote doch ein großartiger subversiver Scherz, der das Interesse an Ulysses über die letzte Buchseite hinaus wachhält.

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Wenn am Haus in der Upper Clanbrassil Street 52 im Süden Dublins eine Plakette verkünden darf, dass Leopold Bloom, Bürger, Ehemann, Vater, Wanderer und die Reinkarnation von Ulysses dort im Mai 1886 geboren wurde, dann hat diese fiktive Figur schließlich auch eine reale Ruhestätte verdient und die Welt einen Bloomsday, an dem Ereignisse gefeiert werden, die nie stattgefunden haben.


Die Autorin berichtet aus allen Ecken der Welt. Besonders gerne schreibt sie über Irland.

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