Die Vernunft hat gesiegt: Die Methode wurde eingeführt.“ Mit solchen Meldungen aus dem Off führt Regisseurin Lena Stahl in die Welt von „Corpus Delicti“ ein, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh aus dem Jahr 2009. Die Medizin hat solche Fortschritte gemacht, dass die Menschen die Krankheit weitgehend beherrschen. Dass sie eine alles beherrschende Rolle spielt, drückt sich in dem Gruß „Santé!“ aus. Mia Holl (Hannah Herzsprung) arbeitet sogar an einem Experiment, um Gehirne zu implantieren.
Dafür sind die Menschen gläsern geworden: Jeder Körper wird erfasst, alle Blut- und sonstigen Werte überwacht. Das Individuum ist nur noch Teil eines Systems, das vorgeblich seinem Wohl dient. Die Kehrseite der „Methode“: Jeder ist dazu verpflichtet, gesund zu leben.
Der Glaube an ein System
Dafür findet Drehbuchautorin und Regisseurin Lena Stahl das passende Design: Beton, kahle Flächen und eine aseptische Sauberkeit prägen diese nahe Zukunft, auch Mias Wohnung und Arbeitsplatz. Im Gespräch mit der „Tagespost“ sagt sie: „Da wir in Prag gedreht haben, stießen wir auf den Brutalismus in der Architektur, der etwas Futuristisches besitzt.“
Dies zeigt, wie sehr die „Methode“ in die private Lebensführung hineinregiert. Einen deutlichen Kontrast stellt Mias Elternhaus dar: unordentliche, vollgestellte Räume, wo Menschen Spuren hinterlassen haben. Der Kontrast zu ihrer eigenen Wohnung spiegelt ihren sich langsam anbahnenden inneren Konflikt. Mia glaubt zunächst an das System. Dies ändert sich jedoch, als ihr Bruder Moritz (Damian Hardung) wegen Vergewaltigung und Mordes angeklagt wird. Überführt wird er durch einen eindeutigen DNA-Beweis. Der Fall scheint geklärt zu sein. Moritz beharrt aber auf seiner Unschuld – und Mia glaubt ihm.
Damit wird „Corpus Delicti“ zu einem Thriller. Mia versucht herauszufinden, wie Moritz unschuldig sein kann, wenn die wissenschaftlichen Beweise seine Schuld zweifelsfrei zu belegen scheinen. Darin liegt die Verschiebung gegenüber klassischen Überwachungsdystopien. Das eigentliche Problem liegt nicht darin, dass der Staat zu viele persönliche Daten sammelt. Noch gefährlicher ist der beinahe religiöse Glaube, diese Daten seien unfehlbar.
Menschen bergen Ungewissheit
Wer die Dogmen der „Methode“ anzweifelt, stellt das ganze System in Frage und wird damit zum Verräter. Wissenschaft wird zur Ideologie. Dazu Lena Stahl: „Der Anspruch, alles auf Schwarz und Weiß zu reduzieren, ist ein Grundproblem unserer Zeit: Wir meinen, es durch Datenerfassung besser zu wissen und daraus eine Wahrheit ableiten zu können.“ Der menschliche Faktor berge immer etwas Ungewisses. Sie könnten zweifeln und glauben: „Das macht den Menschen aus – im Gegensatz zu einer Maschine, bei der es nur Eins und Null gibt.“
Seit Erscheinen von Juli Zehs Roman 2009 hat das Filmsujet zusätzliche Aktualität gewonnen – die Künstliche Intelligenz samt Datenerfassung und Entscheidungen aufgrund von Algorithmen hat einen enormen Fortschritt gemacht. Problematisch wird es – dies zeigt auch „Corpus Delicti“ –, wenn die von der KI gezogenen Wahrscheinlichkeiten verabsolutiert werden, ohne den Faktor Mensch mit seinen Zweifeln, Irrtümern und Gefühlen in Erwägung zu ziehen.
„Corpus Delicti“. Deutschland 2026. 100 Min, Regie: Lena Stahl. Im Kino ab dem 1. Oktober. Ein Interview mit Lena Stahl folgt demnächst.
Der Autor schreibt als Historiker über Kultur.
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