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Mut zur Verantwortung

Von anderen alles zu erwarten, kann jeder. Umso wichtiger ist es, das Wort „Verantwortung“ selbst immer wieder mit Leben zu füllen, schreibt Vinzenz Baron von Stimpfl-Abele.
Der Weg nach vorne kann nur mit mehr Mut zur Verantwortung gelingen.
Foto: (703494286) | Der Weg nach vorne kann nur mit mehr Mut zur Verantwortung gelingen.

Mut ist nicht einfach Wagemut, Kühnheit oder gar Tollkühnheit, es ist nicht der starke Spruch oder das provokante Auftreten, sondern bescheidene, gerichtete individuelle Tapferkeit in allen Lebenslagen. Mut heißt, in allen Situationen des Lebens   im Großen, wie im Kleinen   Tapferkeit in Form von Haltung auf Basis von Überzeugung und gelebten Werten zu zeigen. 

Das Prinzip Verantwortung: Mut statt Wut

Was unsere Gesellschaft definitiv nicht braucht, ist ein Wut-Ausbruch. Denn Wutbürger, Hetzer, Polarisierer, Verschwörungstheoretiker, Schwarz-Weiß-Maler und Konsorten gibt es mehr als genug. Was wir brauchen, ist vielmehr ein Mut-Ausbruch! Denn in einer Gesellschaft, in der die Intelligenz schweigen soll, damit die Dummheit nicht beleidigt wird, brauchen wir mehr Mut zum aufrechten Gang. Mehr Mut, Haltung zu zeigen und zwar insbesondere dort, wo der Zeitgeist zu weit geht. Ebenso mehr Mut zum Zuhören, insbesondere mehr Mut, auch die andere Seite zu hören. Mehr Mut zum kritischen Hinterfragen auch der eigenen Positionen. Wir brauchen den Mut für das Gute, für das Richtige einzutreten.

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Moliere hat recht, wenn er klarstellt, dass wir nicht nur für das verantwortlich sind, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun, was wir unterlassen. Gerade dieser Aspekt macht deutlich, dass es Mut braucht   in bestimmten Situationen sehr viel Mut -, Farbe zu bekennen. Wo ist die persönliche Verantwortung in einer Gesellschaft, in der Wirtschaft und Medien den noch nach sich selbst und ihrem Weg suchenden Kindern und Jugendlichen, oftmals inhaltsleere und verantwortungsarme, dafür reichlich tätowierte, gebotoxte und silikonisierte Menschen weitgehend unkritisch als „Stars“ verkaufen und sie dadurch nur allzu oft zu Vorbildern hochstilisieren? Wo ist die Verantwortung in einer Gesellschaft, in der Nehmen seliger denn Geben geworden ist? Und in der man als Euphemismus für Leistungsverweigerung den Begriff „Work-Life-Balance“ erfunden hat? Aus „schneller, höher, weiter“ ist mittlerweile längst „gerade noch schnell genug, gerade noch hoch genug und gerade noch weit genug“ geworden.

Der amerikanische Ökonom Thomas Sowell hat es auf den Punkt gebracht, wenn er analysiert: „Neid galt als eine der sieben Todsünden, bevor er unter neuem Namen zu einer der am meisten bewunderten Tugenden wurde: soziale Gerechtigkeit.“ Wir haben uns von einer Leistungs- zu einer Vorteils- und Umverteilungsgesellschaft entwickelt. Ja mehr noch:  zu einer Generation von sich selbst immer öfter und auf immer mehr Ebenen bedauernden „Opfern“. Dabei wissen wir nicht erst seit Franz Josef Strauß, dass Wohlstand nicht von Umverteilung kommt, sondern von Fleiß und Leistung. 

Mit Gesinnungsethik ist kein Staat zu machen

Von Verantwortung für ein höheres gemeinsames Ziel oder für die zukünftigen Generationen ist in Zeiten wie diesen zwar ständig zu lesen und hören, aber leider wenig zu sehen. Wenn etwa ein ehemaliger Schuldirektor in einem „FOCUS“-Interview aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen ein bestürzendes Bild zeichnet und beklagt, der Leistungsgedanke sei abgeschafft, klassische Tugenden zählten nicht mehr, dann stimmt da doch etwas ganz Grundsätzliches nicht   eben weil Grundsätze fehlen. Insbesondere, weil er damit nicht nur die Schüler, sondern vor allem auch die Eltern und nicht zuletzt Schulbehörden und Politik meint.

Der Satz „Weniger ist mehr“ bekommt in diesem Kontext eine bedrohliche neue Bedeutung. Denn die Gesellschaft ist nicht nur bequem geworden, sondern sie hat sich zudem eine entsprechende Rechtfertigung konstruiert und einen sehr problematischen Zugang zur Verantwortung abgeleitet. Denn in Zeiten wie diesen macht man sich gerne für Dinge verantwortlich, für die man als Individuum eigentlich nicht viel kann: von der Klimakrise über die sogenannte kulturelle Aneignung bis zum Weltfrieden. Warum das so bequem ist, ist einfach erklärt: Genau so kann man nicht persönlich zur Verantwortung gezogen werden, sondern bekennt lieber die Mitschuld an einer großen, allgemeinen kulturellen Fehlentwicklung   und distanziert sich damit auch schon wieder von der wirklichen Verantwortung, also von jenen wichtigen Dingen, die im ureigensten Bereich liegen. Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann diagnostiziert in diesem Zusammenhang: „Der moderne Mensch ist geradezu ein Verantwortungskünstler und Schuldverschiebungsstratege.“ Leider hat er damit recht.

Extreme Flügel profitieren

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind ebenso vielschichtig wie brandgefährlich: Die Gesellschaft lässt sich einlullen und applaudiert beispielsweise der sogenannten „diversity“, über die von einem einflussreichen Teil von Politik und Medien mit großem Druck Gleichmacherei und Uniformierung durchgesetzt wird also das Gegenteil des Propagierten. Vom dadurch ausgelösten Unbehagen und Widerstand in der Bevölkerung wiederum profitieren extreme politische Flügel rechts und links der Mitte. Ideologien aus der Mottenkiste der Geschichte werden wieder hoffähig. Ein Blick nach Deutschland, Österreich, aber auch in andere europäische Länder macht deutlich, dass „Wehret den Anfängen!“ nicht nur für den Rechtsextremismus gilt, sondern auch in Bezug auf den Linksextremismus. Von Sir Winston Churchill stammen die warnenden Worte: „Sozialismus ist die Philosophie des Versagens, das Credo der Ignoranz und das Glaubensbekenntnis des Neids.“ In unserer Gesellschaft wird nun auf einmal sogar der Kommunismus verharmlost, ja wieder salonfähig. Wir müssen wachsam bleiben und dürfen weder auf dem rechten, noch auf dem linken Auge blind sein.

Durch all diese Entwicklungen wird in erster Linie unsere Freiheit bedroht. Der deutsche Journalist und Autor Peter Hahne hat unlängst in einem Interview gesagt: „Ich möchte in keinem Staat leben, in dem man mir vorschreibt, was ich zu essen habe, wie ich zu heizen und wie ich autozufahren habe. In dem ich nur die einzige Freiheit habe, mir jedes Jahr mein Geschlecht auszusuchen.“ Überspitzt formuliert, gewiss. Aber ganz so weit von der Realität ist dieses Bild leider nicht mehr entfernt. Ohne Freiheit gibt es keine Verantwortung, was ganz deutlich wird, wenn wir beispielsweise an die Menschen in Nordkorea, Kuba, Russland oder China denken. In diesen Ländern hat der Staat die Macht über fast alles, und damit ist für Verantwortung kaum Raum. 

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Macht ist Pflicht

Die große österreichische Schriftstellerin Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach hat in diesem Zusammenhang pointiert festgehalten: „Macht ist Pflicht - Freiheit ist Verantwortlichkeit.“ Verantwortung ist also der komplementäre Wert zu Freiheit. In einer Zeit, die der Historiker Paul Nolte als „riskante Moderne“ bezeichnet, werden verantwortungsbewusste Eliten dringend benötigt, um die Gesellschaft weiterzubringen, um sie resilient und zukunftsfähig zu machen. Elite sein bedeutet: Demut statt Selbstgefälligkeit, Wissen statt bloßer Meinung, Dialog statt Monolog, Toleranz statt Ignoranz, Werte statt Political Correctness, Haltung statt Zeitgeist, Christentum statt Ideologie.
Der Autor ist Prokurator des St. Georgs-Ordens.

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