Am 8. März, dem Weltfrauentag, wird im Hamburger Schauspielhaus eine 83-jährige Frau niedergebrüllt. Alice Schwarzer soll aus ihrem neuen Buch lesen. Stattdessen laufen immer wieder junge Leute auf die Bühne, bauen sich vor ihr auf und schreien ihre Parolen in den Saal. Sie sitzt da und wartet. Wer über 80 ist, ist verletzlich, das weiß jeder, der Eltern oder Freunde in dem Alter hat. Das Verhalten der Protestler verstößt gegen einen Urinstinkt, der älter ist als jede Ideologie. Ich sah mir das Video dreimal an und dachte: verkehrte Welt. Als hätte jemand ein Stück über die Befreiung der Frau inszeniert und unterwegs vergessen, wen es zu befreien galt.
Jetzt also hat Alice Schwarzer das Ende der gedruckten EMMA angekündigt. Am 8. Dezember erscheint das letzte Heft. Die Redaktion sei erschöpft, Geld wäre noch da gewesen. Ich weiß, dass diese Zeitschrift das Lebenswerk vieler Frauen ist. Trotzdem: Für mich ist EMMA Alice Schwarzer, und Alice Schwarzer ist EMMA.
Eine eigene Öffentlichkeit, die niemanden um Erlaubnis fragte
Meinen größten Respekt gewann sie auf einem Nebenschauplatz. 1993 erschien „Eine tödliche Liebe“, ihr Buch über Petra Kelly und Gert Bastian. Dass Bastian Kelly im Schlaf erschossen hatte und dann sich selbst, war bekannt. Trotzdem machte die Geschichte vom Doppelselbstmord die Runde: zwei Friedensbewegte, gemeinsam und einvernehmlich aus dem Leben gegangen. Schwarzer störte diese scheinheilige Totenruhe. Sie recherchierte, widersprach dem unterstellten gemeinsamen Todeswillen und nannte die Sache beim Namen: Mord. Petra Kelly sollte nicht noch einmal verschwinden, diesmal hinter einer Halbwahrheit über romantische Liebe. Dieses Weiterfragen, wenn alle sich längst auf eine Antwort geeinigt haben, ist für mich der Kern von Alice Schwarzers Wirken.
1977 gründete Schwarzer EMMA und schuf damit eine eigene Öffentlichkeit, die niemanden um Erlaubnis fragte. Was früher als weibliches „Schicksal“ hingenommen wurde, machte EMMA politisch verhandelbar: Gewalt hinter Wohnungstüren, Kindesmissbrauch, später Genitalverstümmelung und Islamismus. Zuletzt die Kritik an Gender-Ideologie.
Nicht immer lag Schwarzer richtig, so auch 1971 bei der „Stern“-Aktion „Wir haben abgetrieben!“ mit 374 Frauen. Beim Schwangerschaftsabbruch verstehe ich sie am wenigsten. Von 1977 bis 2025 wurden in West- und Ostdeutschland rund 6,3 Millionen Abbrüche amtlich erfasst. Warum sind es trotz Aufklärung, sexueller Freiheit und vielfältiger Verhütungsmöglichkeiten noch immer so viele? Auch das ungeborene Leben gehört in die Bilanz. Aus dem Geständnis „Wir haben abgetrieben!“ ist in 50 Jahren trotziger Stolz geworden, aus der Enttabuisierung ein neues Tabu: der moralische Zweifel daran. Selbst Alice Schwarzer hat ihn nicht mehr gewagt. Allerdings weiß man bei ihr nie, wem sie als Nächstes widerspricht. Vielleicht sogar sich selbst?
Dem Jubel über die sexuelle Revolution traute sie von Anfang an nicht
Dem Jubel über die sexuelle Revolution traute sie jedenfalls von Anfang an nicht. Sie erkannte früh, dass die Befreiung von sexuellen Tabus keineswegs automatisch die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen veränderte. Unter dem Versprechen der „freien Liebe“ konnte aus dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung eine neue Erwartung an Frauen werden: jederzeit und für alle Spielarten sexuell verfügbar zu sein. PorNO, Freierbestrafung, immer derselbe Gedanke: Dass eine Frau zustimmt, macht sie weder frei noch emanzipiert. Es kommt darauf an, unter welchen Bedingungen sie zustimmt und wer davon profitiert. Ausbeutung hört nicht auf, Ausbeutung zu sein, weil man sie mit Befreiungsvokabular tarnt.
1977 hieß der Vorwurf gegen Schwarzer: nicht links genug. Heute heißt er: transphob, rassistisch, rechtsoffen. Die Feindschaft ist dieselbe, nur das Vokabular hat sich weiter verschärft. Die Kommentare zum Aus der EMMA verraten viel darüber, wer wo steht. Ulf Poschardt verbeugt sich in der WELT vor einer Frau, die sich ihre Unabhängigkeit bewahrt hat und auch die Freiheit derer verteidigt, deren Ansichten sie nicht teilt. Die taz feiert das Ende von EMMA, greift Schwarzer ad hominem an und erklärt, sie habe vor allem für sich selbst gekämpft. So wird aus einem halben Jahrhundert Arbeit ein Charakterfehler. Darin steckt die ganze Kleinlichkeit eines Milieus, das Eigenständigkeit nur als Eigensucht begreifen kann, sobald sie sich gegen die eigenen Gewissheiten richtet.
In einem aktuellen ZEIT-Interview erinnert Schwarzer daran, dass sie sich 1983 für transsexuelle Menschen eingesetzt habe. Zugleich gesteht sie ein, dass sie nicht zu Ende gedacht habe, was daraus gemacht werden könne. Sie war eine Wegbereiterin der Idee, dass aus dem Körper keine vorgestanzte Rolle folgen darf. Teile ihrer Erbinnen behandeln inzwischen den Körper selbst wie eine „bei der Geburt zugewiesene“ Rolle, die sich per Selbstbestimmung überwinden lässt. Schwarzer zieht hier eine Grenze. Als Verräterin gilt sie heute, weil sie diese Grenze verteidigt.
Entscheidend war für sie, was sich für Frauen erreichen ließ
Schwarzer suchte Verbündete auch dort, wo ihr eigenes Milieu bis heute nur Gegner sieht. Zum Beispiel in der BILD, dem Blatt, gegen das sie EMMA einst gegründet hatte. Entscheidend war für sie, was sich für Frauen erreichen ließ. Dass auch Konservative oder der Boulevard dabei helfen konnten, machte die Sache für sie nicht automatisch falsch. Und dass eine Idee als fortschrittlich gilt, enthebt sie nicht der Prüfung oder dem Zweifel. Gerade darin zeigt sich ihre dynamische Unabhängigkeit: Sie kann eine Sache unterstützen und dennoch Einspruch erheben, sobald sie deren Folgen als falsch erkennt. Auch gegen die eigenen Leute.
EMMA war fast 50 Jahre lang ein Ort, an dem Frauen nicht fragten, ob sie dürfen. Ein kleines gallisches Dorf: umzingelt, aber uneinnehmbar. Alice Schwarzer hat sich vom Beifall ihrer eigenen Leute nicht abhängig gemacht. Sie ließ sich auch in Hamburg nicht von der Bühne jagen; sie blieb sitzen, bis die Brüller gegangen waren. Vor EMMA und den Frauen, die sie gemacht haben, verbeuge ich mich. Und vor Alice Schwarzer. Man kann ihr widersprechen. Beugen kann man sie nicht.
Die Autorin ist deutsch-kroatische Theatermacherin, Regisseurin und Autorin. Sie schreibt für Die Welt und gelegentlich für andere Medien, ist katholisch und lebt mit ihrer Familie in Berlin und Dubrovnik
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