Der Publizist Ulf Poschardt hat unlängst die „intellektuelle Militarisierung“ des Christentums gefordert. Ein Anstoß in dieser Sache kommt von ungewohnter Seite. Am Anfang stand ein Telefonanruf des Ex-Maoisten und liberalen Vordenkers der Grünen Ralf Fücks in der Katholischen Akademie in Berlin. Der Gründer des linksliberalen Zentrums Liberale Moderne (LibMod) hat den Kontakt zur Akademie gesucht, weil er im katholischen Denken eine intellektuelle Ernsthaftigkeit erkannte, vor allem im Hinblick auf Antworten auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ So habe er sich zum Ziel gesetzt, die „links-grünen Diskursräume“ zu öffnen, erklärt Fücks gegenüber dieser Zeitung.
Die von Fücks initiierte Reihe „Der Liberalismus und seine Kritiker“ an der Berliner Akademie gibt vor allem katholischen Kritikern des Liberalismus Raum. Zur Rettung des Liberalismus möchte Fücks nicht nur über die Kritik, sondern auch mit den Kritikern ins Gespräch kommen. Den Reigen eröffnete im September 2025 ein Abend unter dem Titel „Warum haben konservative Christen Schwierigkeiten mit dem Liberalismus?“ mit der französischen Historikerin und Publizistin Chantal Delsol.
Liberalismus in der Krise
Am vergangenen Montag stand nun der deutsch-britische Politikwissenschaftler Adrian Pabst im Mittelpunkt. Unter der Moderation von Ralf Fücks diskutierte er mit dem Politikwissenschaftler Julian Nicolai Hofmann, Mitherausgeber des Suhrkamp-Bandes „Postliberalismus. Eine transatlantische Debatte“, der Soziologin Karolina Wigura aus Warschau und der Kultur- und Rechtswissenschaftlerin Carlien Geelkerken aus Nijmegen.
Für den im britischen Kent lehrenden Pabst ist der Liberalismus in der Krise, weil er sein eigenes Erbe ablehnt. Er werde so zu einer modernen Ideologie mit Universalanspruch, den er zunehmend auch nach innen autoritär durchsetze. Ursächlich dafür sei, dass der Liberalismus seine Wurzeln im griechischen und christlichen Erbe nicht mehr verteidige. Er bestreite damit seine Vorbedingungen. Ausdruck dessen sei der derzeit vorherrschende „Regenbogenliberalismus“, der eine Fusion aus Idealismus und Materialismus darstelle. Die liberalen Demokratien stünden in einer Phase mit ungewissem Ausgang, die drei Möglichkeiten biete: das Aufkommen eines Antiliberalismus, eine Erneuerung des Liberalismus oder eben einen Postliberalismus, wie er ihn vertrete.
Doch was ist dieser „Postliberalismus“? Pabst sieht darin keine Antithese zum Liberalismus und kein reaktionäres Programm, sondern eine anthropologisch fundierte Antwort, die das autonomistische Verständnis des Subjekts überwinde. Er sei in Tugendethik, Kommunitarismus und nicht-liberalen Traditionen wie der christlichen Demokratie verwurzelt und ziele auf Erneuerung durch Gemeinschaft, Fürsorge und Gemeinwohl. Pabst, der auch Mitglied der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften ist, empfahl die katholische Soziallehre als Orientierungshilfe. Die katholische Soziallehre zeige, wie Tradition und Transformation verbunden werden können. Ein Postliberalismus in diesem Sinne sei nicht nur Korrektur, aber eben auch keine Revolution, die eine neue politische Ordnung aufoktroyiere. „Wir sind gegen die Revolution, die französische, die russische und wohl auch die amerikanische“, so Pabst.
Einigkeit vor allem in zwei Belangen
In diesem Sinne grenzte Pabst den amerikanischen Postliberalismus vom europäischen Postliberalismus scharf ab. Das US-amerikanische Gegenstück, wie er beispielsweise von Patrick Deneen vertreten werde, sei autoritär, sozial antiliberal und wirtschaftlich ultraliberal. Das gelte noch mehr, wo die Forderung nach einem katholischen Staat wie durch den Rechtswissenschaftler Adrian Vermeule vertreten wird – solche Vorstellungen würden europäische Postliberale durchweg ablehnen. Dass der Postliberalismus ein heterogenes Feld mit Konsens in der Krisendiagnose ist, zeigte Julian Nicolai Hofmann anhand seines neu erschienenen und bereits vergriffenen Sammelbands. Einigkeit bestehe unter den Postliberalen vor allem in zwei Belangen: der Zentralität des Gemeinwohls und einer elitenkritischen Haltung. Liberale Theorien könnten die Krise nicht mehr erklären; postliberale Vorschläge fehlten oft an normativer Tiefe. Karolina Wigura widersprach nicht der Diagnose, aber ihrer Schlussfolgerung.
Sie warnte vor der autoritären Versuchung, die in der Kritik an der Auflösung von Bindungen mitschwinge. Die eigentliche Konfliktlinie sei die zwischen Demokratie und Nichtdemokratie. Der Liberalismus sei zudem mit einem Skeptizismus verbunden, der nicht nur individuelle Autonomie, sondern auch den Schutz von Minderheiten und die Fähigkeit zur Versöhnung nach historischen Traumata ermögliche. Aus der osteuropäischen Perspektive werde heute deutlich, dass der Liberalismus untrennbar mit dem Gedanken der Souveränität verbunden sei.
Neues Interesse am Christentum
Die Niederländerin Carlien Geelkerken beobachtete in ihrer Heimat eine Rückkehr der christlichen Religion bei jüngeren, zum Teil in dritter Generation ungetauften Niederländern. Dieses Interesse erklärte sie auch damit, dass der Liberalismus als Gleichgültigkeit wahrgenommen werde, so die Direktorin der katholischen Stichting Thomas More. Es gebe keine gemeinsamen Werte mehr. Grundlegende Fragen nach Gerechtigkeit und Solidarität könne der Liberalismus der jungen Generation nicht mehr plausibel beantworten, da das Wohlstandsversprechen brüchig geworden ist und nun die Herausforderungen der Demografie drohen. Den Neutralitätsanspruch des Staates kritisierte sie angesichts dieser Herausforderungen als unzureichend. Solidarität und Subsidiarität müssten stärker zur Geltung kommen.
Das neu erwachte Interesse an spezifisch katholischen Denkern verspricht aufregende Debatten. Doch die Synthese zwischen den Positionen fiel auch Fücks schwer zu ziehen, der etwa zwischen den Begriffen von „Gesellschaft“ und „Gemeinschaft“ eine schwer versöhnbare Dualität auszumachen schien. Zum Ende warnte er aber vor „falschen Antinomien“ zwischen den Positionen der „selbstkritischen Liberalen und den liberalen Postliberalen“. Deutlich wurde: Der Postliberalismus ist auch in den Augen linksliberaler Gesprächspartner kein Antiliberalismus. Die Differenz zwischen linksliberalem und postliberalem Denken bleibt dem politischen Ideenwettbewerb erhalten – auch im gemeinsamen Ziel der Verteidigung von Demokratie und freiheitlichem Staat.
Der Autor ist Journalist und Theologe.
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