Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Diskussion mit Jugend

Erzbischof Gänswein auf dem heißen Stuhl

Auseinandersetzung lohnt sich: Der Nuntius für die baltischen Länder spricht mit einer jugendlichen Community erstmalig im Streaming-Format Twitch.
Erzbischof Georg Gänswein
Foto: Oneplus | Auch nach eineinhalb Stunden geht der Gesprächsstoff nicht aus. Jemand aus dem Chat fragt vorsichtig, ob es einen zweiten Teil des Interviews geben könne. „An mir soll es nicht liegen!“, antwortet Erzbischof Gänswein.

Es ist eine Art heißer Stuhl, auf dem Erzbischof Georg Gänswein Platz genommen hat – auch wenn es sich, von außen betrachtet, um ein gut gepolstertes Sitzmöbel handelt. Philipp Stehling und Thomas Schmidt haben nämlich „Hunderte von Fragen“ für das Interview in der Apostolischen Nuntiatur in Vilnius mitgebracht. In weißen, kurzärmeligen Shirts hocken die beiden lässig neben dem Erzbischof in Soutane. Philipp und Thomas sind eigentlich Lebensretter, die in den vergangenen Jahren Erste-Hilfe-Kurse im Netz und im Fernsehen populär gemacht haben. Nach mehr als tausend gemeinsamen TV-Auftritten bei Sat.1 und RTLzwei genießen die beiden jungen Männer selbst Kultstatus. Entsprechend groß ist ihre Fan-Gemeinde. An diesem Samstagabend ist die „Community“ bei dem Livestream auf der Internetplattform Twitch natürlich mit dabei. Auch die Zuschauer können sich via Chat mit Fragen an den Geistlichen einschalten und Kommentare zu dem Gesagten abgeben –gut 10.000 Menschen verfolgen den Stream live.

Lesen Sie auch:

Es ist ein Experiment. Denn diesmal dreht es sich bei Philipp und Thomas nicht um Herzdruckmassagen und die richtige Wundbehandlung, sondern um Glaube, Kirche und den Vatikan. Für den Erzbischof ist der Stream auf Twitch, bei dem die Reaktionen und Fragen der zumeist jugendlichen Zuschauer den Verlauf des Gesprächs mitbestimmen, ebenfalls eine Premiere. Nach rund dreißig Minuten und einigen förmlichen Fragen sind Gänswein und die beiden Moderatoren gut aufeinander eingespielt. Der Erzbischof räumt ein, dass er in seiner Jugend gerne die britische Hard-Rock-Band „Deep Purple“ gehört habe, jetzt aber klassische Musik bevorzuge. Podcasts über Politik und Geschichte mag er ebenfalls. „Schon interessant, das so zu hören“, schreibt jenny16 rechts im Chat, wo unablässig neue Wortmeldungen und Emojis auftauchen. „Respekt – bin auch katholisch“, kommt von Larissajustcrazy.

Bier oder Schnaps? „Bier.“

Philipp und Thomas legen nach: Benutzen eigentlich der Papst und hochrangige Geistliche dieselbe Technik wie alle anderen, verschicken sie auch Nachrichten via WhatsApp? „Die Kommunikation ist nicht anders als außerhalb der Kirche“, so der Erzbischof, „wir benutzen dieselben Kommunikationskanäle.“ Nur bei ganz geheimen Themen würde man sich anders austauschen – doch dazu möchte er nicht mehr sagen.
Dann kommt das Quiz: Kurze Frage, kurze Antwort. Kann man mit Soutane Auto fahren? „Ja, das ist eine Sache der Übung“, so Gänswein. Bier oder Schnaps? „Bier.“ Eine Kirche, die aneckt, oder lieber eine Kirche, die allen gefällt? „Die Kirche muss anecken, sie muss dem Herrn, sie muss Jesus Christus treu bleiben. Sie darf nicht, wenn sie aneckt, nachgeben oder klein beigeben.“

Das nächste Themengebiet ist: junge Menschen und Kirche. Philipp spricht eine Frage an, die gerade viele Zuschauer umtreibt: Was ist aus Sicht des Erzbischofs das größte Missverständnis, das Menschen in Bezug auf eine persönliche Beziehung zu Gott haben? „Es gibt nicht den Weg, sondern jeder muss seinen eigenen Weg zum lieben Gott finden. Und ich bin überzeugt: Wer sich ehrlich auf den Weg macht, der wird zum Ziel kommen. Das ist eine Erfahrung, die ich in 42 Jahren als Priester gemacht habe“, erklärt Gänswein und fügt an: „Das Wesentliche ist einfach: Geduld haben. Der liebe Gott hat auch Geduld mit dir und du wirst ihn finden.“

„Ich glaube, so konzentriert war ich noch nie in einem Stream“

Gänswein betont, dass viele junge Menschen heute wieder verstärkt nach dem Sinn des Lebens und nach der Botschaft des Evangeliums suchten. Besonders in Ländern wie Frankreich und den USA erlebe die katholische Kirche wachsenden Zuspruch bei jungen Menschen. Sie wünschten sich Antworten auf grundlegende Lebensfragen, fänden Orientierung im Glauben, beteten gemeinsam und versuchten, eine persönliche Beziehung zu Gott aufzubauen. Worauf Leonie_2006 chattet: „Ich glaube, so konzentriert war ich noch nie in einem Stream.“

Gegen Ende des Gesprächs kommt Gänswein noch einmal auf das Thema zurück und äußert, dass es sich lohne, mit „der Kirche zu raufen“. Die 15-jährige Anastasia aus Österreich hakt nach und fragt, was er damit meine. „Heißt das, sich mit dem Pfarrer anzulegen?“, ruft Thomas schelmisch dazwischen. Das Wort Raufen sorgt auch im Chat für etliche Reaktionen. Ruhig erklärt der Erzbischof, dass die geistige Auseinandersetzung wichtig sei, denn die Kirche habe einen großen Schatz, den es zu bergen gelte. Dieser bestehe aus allem, was die Kirche in mehr als 2000 Jahren erlebt und hervorgebracht habe, mit großartigen Menschen und wunderbaren Dingen – bis zum heutigen Tag. Dafür müsse man die Augen öffnen.

Neugierig erkundigen sich Philipp und Thomas, wie es für den ehemaligen Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. war, über Jahre dem Heiligen Vater sehr nahe zu sein. Gab es da ein besonders verrücktes Erlebnis? Gänswein erinnert sich sofort an eine Episode gleich im ersten Jahr der Amtszeit des Papstes, als die Geschäftsleitung von Ferrari im Vatikan zu Besuch war. Als Geschenk überbrachten sie das Lenkrad jenes Wagens, mit dem der berühmte Rennfahrer Michael Schumacher zum letzten Mal Weltmeister der Formel 1 geworden war. „Aber der Papst wusste gar nicht, was er damit machen sollte. Mit dem Namen Michael Schumacher konnte er nicht so recht etwas anfangen und auch nicht mit dem Steuerrad, was aus dem Auto rausmontiert worden war. Nun war der Kardinalstaatssekretär, ein Italiener, ein großer, großer Fan. Und an den hat der Papst das Steuer dann weitergeschenkt.“

Hat er, Gänswein, denn auch mal etwas „abgestaubt“?, erkundigen sich die beiden Moderatoren. Ein paar Skier, lautet seine Antwort – denn grundsätzlich habe der Papst nichts mit Sport im Sinn gehabt.

Auch nach eineinhalb Stunden geht der Gesprächsstoff nicht aus. Jemand aus dem Chat fragt vorsichtig, ob es einen zweiten Teil des Interviews geben könne. „An mir soll es nicht liegen!“, antwortet der Erzbischof. Offenbar besteht auf allen Seiten Interesse an einer Fortsetzung des Streaming-Formats.


Hier kann man das Interview noch einmal anschauen.

Die Autorin ist freie Journalistin und Buchautorin.

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Esther von Krosigk Georg Gänswein Jesus Christus Katholische Kirche Pfarrer und Pastoren Päpste Päpstlicher Botschafter

Weitere Artikel

Die Verehrung der Gnaden-Madonna von Mentorella in der Nähe von Rom geht auf den heiligen Benedikt zurück. Für Karol Wojtyla wurde es zur geistlichen Oase.
13.09.2025, 17 Uhr
Guido Horst
Papst Leo hat das Personenkarussell kräftig angeschoben. Da reicht auch ein ligurisches Mahl kaum aus, um sich über die Neuigkeiten auszutauschen.
12.04.2026, 07 Uhr
Mario Monte

Kirche

Ein „vertrautes Gesicht für die Leser“ folgt damit auf Bernhard Müller. Und nicht nur das: Müller und Gehrig übernehmen gemeinsam die Geschäftsführung des herausgebenden Verlags.
21.10.2026, 09 Uhr
Meldung
Vier Tage nach seiner Operation wird Leo XIV. wieder aus der Klinik entlassen. Und tritt am Sonntag beim Angelus in Erscheinung. Für die Lateinamerika-Reise geben Ärzte grünes Licht.
19.10.2026, 08 Uhr
Sabine Kleyboldt
Zehn Jahre „Amoris laetitia“: Der DBK-Vorsitzende lobt die „hohe Kunst des Zuhörens“ beim Treffen in Rom und nimmt die Erkenntnis mit, dass sich die Kirche weiterentwickelt.
16.10.2026, 11 Uhr
Meldung
Prüfstein für die Strukturreformen im Bistum Eichstätt: In der Oberpfälzer Stadt entsteht ein neuer Pastoralraum.
19.10.2026, 13 Uhr
Henry C. Brinker