In Würzburg wimmelt es von Bäckereien, die bei „Too Good To Go“ aktiv sind. Denn nicht nur Kleidung und Haushaltswaren werden hier im Zweitmarkt angeboten. Auch Essen. Es wechselt zwar nicht den Nutzer – aber den Anbieter.
Übrig geblieben in der Ladentheke, kommt es zu „Too Good To Go“. Deren Name ist Programm: Sie vertreibt, was zu alt zum regulären Verkauf, aber noch genießbar ist. Meistens zu einem Drittel des Preises und verpackt in einer „Überraschungstüte“: Man kauft die Katze im Sack. Oder hat Glück, wie beim „Backwerk“ im Würzburger Hauptbahnhof. Der osteuropäische Verkäufer hat nichts abgepackt, als der Student um 19.45 Uhr seine Überraschungstüte abholen möchte. „Nimm, was du möchtest“, meint der Verkäufer.
Das Katholische im Hinterkopf
„Mir geht es darum, dass sich jemand über das Essen freut, das wir sonst wegschmeißen würden. Es ist eine Herzenssache“, erklärt die Inhaberin einer Familienbäckerei in der Innenstadt. Jeden Tag stellt ihr Laden drei Überraschungstüten auf „Too Good To Go“ ein. Geld erwirtschaftet sie damit nicht. Dafür gewinnt sie den einen oder anderen neuen Kunden. „Die Menschen merken, unsere Produkte sind gut und schmecken sogar, wenn sie älter sind“, sagt die Frau. Auch wolle sie so „sorgsamer mit der Natur und den Rohstoffen umgehen“. Das Katholische habe sie dabei im Hinterkopf.
Es ist zwölf Uhr mittags, eine „Überraschungstüte“ von diesem Familienbäcker ist auf „Too Good To Go“ noch zu haben. Mit wenigen Klicks ist sie reserviert, das Geld online überwiesen. Zwischen 17.30 und 18 Uhr ist heute Abholzeit. Der Countdown läuft nun in dieser App, die junge Unternehmer 2015 in Kopenhagen gründeten.
Mahlzeiten von Restaurants und Imbissketten gehen auf „Too Good To Go“ weg wie warme Semmeln. Besonders die von Nordsee. Wer sich dort eine Überraschungstüte angeln möchte, darf die App am frühen Morgen kaum aus den Augen lassen. Und muss schnell klicken können, sobald diese angezeigt werden. Wer Angebote verpasst, ist in Städten der Größe Würzburgs jedoch nicht aufgeschmissen. Auch im Laufe des Tages kann man dort noch Schnäppchen bunkern. Anders sieht es dagegen in kleinen Städten und Dörfern aus. Etwa im niedersächsischen Damme (17.400 Einwohner). Das Angebot auf „Too Good To Go“ ist weitgehend abgegrast an diesem Freitagmorgen. Lediglich zwei „Tüten“ vom „Tankcenter“ wären noch frei. Noch besser sind Großstädte aufgestellt. Tofu, Börek, sudanesische Spezialitäten, „vielleicht mal etwas angeblühte“ Blumen: In Berlin könnte man sich so viele „Überraschungstüten“ sichern, dass eher von Geld rausschmeißen als von Sparen die Rede wäre. Auch verpackte Lebensmittel vertreibt „Too Good To Go“ dort – in Vorratspacks und ebenfalls zum Drittelpreis. Beispielsweise 16 Liter Kokosdrink mit Reis, 14-mal „Pedigree Wrap mit Huhn“ für den Hund oder vegane Schokoglasur für 24 Kuchen. Noch nie hat es sich mehr gelohnt.
Zurück nach Würzburg und zu den Secondhand-Läden. Auf der Eingangstür von dem am Rathaus klebt eine LGBTQ-Flagge. Verkauft wird hier alles. Querbeet. Am meisten Klamotten, sagen die ehrenamtlichen Verkäufer. Mit den Kunden scheinen sie befreundet zu sein, wenn man den Ladengesprächen lauscht. Die Produkte erhalten sie von ihnen – zufällig. Manchmal fehlt darum in einigen Bereichen etwas. Heute nicht. Knapp sei es aktuell nur bei Jazz-CDs, sagt ein Verkäufer gegenüber dieser Zeitung. Auf dem Regal in der Mitte reihen sich Osterhasen an Osterei-Kerzen. Darüber lagert eine Form, mit der man einen Kuchen in Form eines Glücksschweins backen kann. Weiter hinten gibt es die Bücher, gegenüber davon Tassen. Die meisten scheinen aus Souvenir-Läden zu stammen. Der Laden ist Teil einer Kette, die Erlöse gehen an Projekte für soziale Gerechtigkeit, Frauenrechte oder Projekte gegen Armut.
Herz ausschütten, Sachen mitnehmen
Folgt man draußen den Straßenbahnschienen, kommt man zu einem weiteren Secondhand-Laden. Auf der Fensterbank steht ein dicker Weidenkorb mit Anziehsachen und Büchern drin. „Zu verschenken“, steht auf dem angeklebten Schild und darunter in Klammern „außer dieser Korb“. Drinnen läuft Bossa-Nova-Musik. Sonnenlicht strahlt durch die hohen Glasfenster. Die Verkäuferin trägt eine Wollmütze, unter der ihre langen, grauen Haare hervorschauen. Auch hier herrscht nicht diese anonyme Stimmung, wie man sie aus Supermärkten und Kaufhäusern kennt. Hierhin kommen viele Menschen, die ihr Herz ausschütten, erklärt die Verkäuferin. Einmal soll sie sogar für eine Kundin die Polizei gerufen haben. Das verrät eine Stammkundin der „Tagespost“.
Seit fast einem Jahr gibt es diesen Laden. Es kämen stetig mehr Leute, sagt die Inhaberin. Aller Altersstufen und aus den unterschiedlichsten Kreisen. Gefragt seien alle Produkte, da gebe es keine Vorlieben. Drinnen lehnt im Regal ein Pürierstab an einer dunkelroten Märklin-Eisenbahn. Daneben liegt ein schwarzes Fernglas. Vor der Theke steht ein Barhocker. Ansonsten: Überall Schuhe und Kleidung, die Levis-Jeans für 19 Euro. Alles sei gespendet von Bekannten und Freunden. Eine Frau möchte gerade ein dunkelblaues Blumenkleid abgeben. Die Verkäuferin googelt, wie viel es im Internet kosten würde: rund 20 Euro. Damit ist der Verkaufspreis festgelegt. Die Frau bekommt einen handgeschriebenen Beleg mit. Den soll sie in einem Monat mitbringen. Entweder kriegt sie dann zehn Euro – die Hälfte vom Preis – oder das Kleid zurück. Und wenn sie es nicht zurücknehmen möchte, dann geht es raus in den Weidenkorb.
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