Zu den womöglich besten Erfindungen der Alten Griechen gehört die Tragödie. Und obgleich das Christentum Mannigfaltiges von den Griechen übernahm: Die Tragödie haben wir nicht übernommen! Es gibt keine Tragik im Christentum – eben das ist ja das Besondere und Einzigartige unseres Glaubens, dass wir dieser allzu menschlichen Erfahrung den Kampf ansagen. Worin besteht die Tragödie? Sie ist eine Geschichte der Ohnmacht des Helden gegen die Welt: Denken wir an Ödipus, den Spielball der Götter, der trotz bester Absicht und aller Mühe doch dazu kommen musste, seinen Vater zu morden; oder an seine Tochter Antigone, die tapfer für die Gerechtigkeit einstand und doch durch die Willkür des Tyrannen sterben musste. Die Tragik ist der Moment, in dem das menschliche Versagen so übergroß wird, dass es dort Gerechtigkeit erfordert, wo keine erreicht werden kann: heiliger Zorn in völliger Ohnmacht. Etwas muss getan werden – doch nichts könnte getan werden, dass einen Unterschied machte; selbst die besten Bemühungen fügen die Scherben der zerbrochenen Welt nicht wieder zusammen.
Nur die Ungerechten bleiben
So waren die Helden der Griechen: Sie zeigten uns auf, dass die größte menschliche Vollkommenheit nicht genügt, um im Leben zu bestehen. Und dies ist ein andauernder Konfliktzustand, denn das seelische Leben der Helden erfuhr keine Entwicklung, es hatte kein Vorher oder Nachher, sondern war durch den Fluch der Götter von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Welt der Tragödiendichter ist nicht geeignet, als Gerechter darin zu leben: Gerecht war Antigone, aber sterben musste sie doch. Am Leben bleiben nur die ungerechten Helden, wie der listenreiche Odysseus, den Athena für seine Tücke bewunderte, da nur die Götter ihn an Lügen übertrafen.
Das äußerste Gegenstück hierzu bildet das Ethos des Christentums: Ja, auch Christus ist der einzig Gerechte und stirbt doch am Kreuz; aber das geschieht eben nicht aus Fluch und Zwang, sondern aus freiem Liebesentschluss. Auch ist es nicht das Ende, denn das Kreuz erfährt seine eigentliche Bedeutung und Bestätigung erst durch die Auferstehung: Das Christentum ist Tragödie vom Sündenfall bis Karfreitag; doch dann strahlt die Sonne der göttlichen Gerechtigkeit aus dem leeren Grab hervor. Sie verkehrt die tragische Logik in ihr Gegenteil: Christus hat nicht wie die griechischen Helden sinnlos gelitten, sondern er hat dem Leiden überhaupt erst Sinn gegeben.
Das ist das Neue, das die frühchristlichen Märtyrer zum Ausdruck bringen: Die Widrigkeiten und Bedrängnisse der Welt verhindern die Erlösung nicht, sondern ermöglichen sie: „Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ (2 Kor 12,10) Umkehr und Rettung sind auch in der allerletzten Sekunde den allerschlimmsten Lebens noch möglich – darum kennt das Christentum keine Tragik.
Der Autor studiert im Lizentiat an der Päpstlichen Universität „Angelicum“ in Rom.
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