Bittere Ironie der Geschichte: Ausgerechnet zwei Völker, die heute durch die politischen Zeitläufte und aktuellen Kriegskonstellationen voneinander getrennt erscheinen, verbindet eine der tiefsten kulturellen Freundschaften, die je zwischen Orient und Okzident gewachsen ist. Als Goethe den Divan des persischen Dichters Hafis in die Hände bekam, war er 65 Jahre alt. Er schrieb seinen West-östlichen Divan als Verneigung vor einem Mann, der sechs Jahrhunderte früher in Schiras gelebt hatte. Die persische Seele wird zum Spiegel seiner eigenen. Das war Liebe auf den ersten Vers. August von Platen senkte mit seinen Gaselen Persiens Dichtkunst endgültig in die deutsche Literatur ein. Es war dann der große Berliner Ägyptologe Heinrich Brugsch, der zweimal nach Persien reiste und uns das Land erschloss, als preußischer Gesandter, als wissbegieriger Gelehrter. Er beschrieb Land und Leute mit Respekt und Staunen. Die Perser, denen er am Hofe des Schahs begegnete, empfingen die Deutschen mit Würde und Gastfreundschaft.
Seine Geschichte entwickelte sich von einer historischen Episode zu einer Konstante kultureller Außenbeziehungen. Heute, wo ein amerikanischer Präsident damit droht, den Iran „in die Steinzeit zu bomben“, und in Teheran eine Geistlichkeit das eigene Volk unterdrückt, wäre es grundfalsch, die Freundschaft zwischen Deutschen und Persern der Geiselhaft menschenfeindlicher Kräfte zu überlassen. Das iranische Volk ist nicht das Mullah-Regime. Und die internationale Gemeinschaft wäre gut beraten, diese Unterscheidung nicht zu vergessen. Deutschland wächst hier eine Anführerrolle zu. Millionen Iranerinnen und Iraner in Deutschland, oft Ärzte, Wissenschaftler, Künstler, teilen mit uns Kultur und Werte.
Völkerfreundschaft ist kein Schönwetterzustand. Gerade jetzt muss sie sich bewähren. Auch mit der entwaffnenden Kraft der Poesie. Friedrich Rückert, der über persische Sprachkenntnisse verfügte, formulierte philosophisch-aphoristisch: „Hafis, wo er scheinet Übersinnliches nur zu reden, redet über Sinnliches – oder redet er, wo über Sinnliches er zu reden scheint, nur Übersinnliches? Sein Geheimnis ist unübersinnlich, denn sein Sinnliches ist übersinnlich.“
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