Musik aus Deutschland scheint in der Krise zu sein. Vor allem, wenn man den Bereich der sogenannten „Ernsten Musik“ betrachtet. Neue Töne, die das Publikum nicht kennt, sind Kassengift. Kompositionsaufträge stocken, viele Komponisten verdienen ihr Geld mit kunstfernen Aufträgen. Der Entstehungsprozess von innovativen Klängen ist undurchsichtig, KI kommt ins Spiel. In dieser krisenhaften Situation hat der Komponist Alexander Strauch das Notenheft in die Hand genommen und setzt auf Gemeinsamkeit.
Herr Strauch, Sie sind Präsident des Deutschen Komponist:innenverbandes (DKV). Kann so ein Verband heute noch funktionieren, wo nahezu jeder Komponist seine eigene Welt repräsentiert? Wo liegen die Gemeinsamkeiten?
In der Tat stellt man sich Komponierende als sogenannte Einzelkämpfer vor. Denn die konventionelle Vorstellung ist, dass Komposition monatelang allein am Schreibtisch erfolgt, im sogenannten Elfenbeinturm. Doch Komposition ist immer auch ein Akt der Kommunikation. Man kommuniziert im Schreiben im Innersten mit den ästhetischen Zielsetzungen und technischen Möglichkeiten. Über beides unterhält man sich aber mit dem Auftraggeber, mit den Interpreten. Oder man trifft sich immer wieder mit Personen anderer Kunstarten, wenn man Texte vertont, mit Tanz, Regie, Performance, Elektroakustik zu tun hat. Daher ist stilistische oder ästhetische „Einsamkeit“ vielleicht für die Persönlichkeit entscheidend, aber auch dazu tauscht man sich mal per Messenger, Mail oder Telefon mit befreundeten Kollegen aus. Und dabei redet man am Ende auch über das Finanzielle, gibt sich dazu Tipps, über Kultur und Sport und eben auch Politik. Daher kamen schon vor hundert Jahren Komponierende auf die Idee, sich berufsständisch nicht allein in der GEMA zu organisieren. Und das tun wir heute ausdifferenziert für verschiedene Sparten und Genres, die der Deutsche Komponist:innenverband (DKV) heute noch als der größte dieser Verbände unter seinem Dach vereint.
Wie so oft geht es auch bei Ihnen ums Geld, um das Ihrer Mitglieder. Vorweg die etwas naive Frage: Wovon leben eigentlich Komponisten und Komponistinnen?
Wir leben in allen Sparten von Auftragshonoraren, von Einnahmen aus Urheberrechten, verkauften Tonträgern, Online-Veröffentlichungen. Dazu ist für viele ein Standbein als Musiker oder Pädagoge wichtig. Oder man ist in der Kulturverwaltung oder anderen Jobs noch tätig.
Streaming, Live-Konzerte und KI, Musiknutzung findet sich in allen Bereichen des Lebens: Es kommt auf die Rechteverwertung an, Ihre größte Baustelle. Braucht da die sogenannte Ernste Musik, also die Klassik unserer Zeit, besonderen Schutz?
Der DKV steht nicht nur für die „Ernste Musik“, das vorweg! Kurz bisher E-Musik genannt, umfasst sie auch z. B. Bereiche des experimentellen Jazz, transtraditioneller Musik aka Weltmusik etc. Das sind alles Bereiche eines besonderen Suchens und Probierens, wo nicht die Frequenz vieler Aufführungen und Nutzungen allein im Fokus steht. Dazu kommt eine Ausformung der Klangsprache, die oft langjährig erfahrene und ausgebildete Spezialmusiker benötigt. Daher ist es vielleicht weniger ein benötigter Schutz, sondern eine Wichtigkeit von konsequenter und langfristig angelegter Förderung. Wobei Förderung genauso für experimentelle und ausbildende Bereiche der anderen Sparten inzwischen wichtig ist und nun seit einiger Zeit ein starkes und vitales Feld darstellt. So macht es Sinn, das gemeinsam zu erkämpfen, zu erhalten und zu organisieren. Und in den Spezifika der Sparten unterscheiden sich natürlich die Förderinstrumente. Diese müssen angepasst und auch erhalten werden, was dann nach Schutz klingt, aber eben eher eine passgenaue Ausformung von Förderung je Sparte und Genre ist.
Wie ist es denn mit den Gegensätzen musikalischer Richtungen in Ihrem Verband? Reden denn die Gebrauchsmusiker noch mit den Künstlern?
Ich würde nicht von Gebrauchsmusikern sprechen und diese nicht scharf von Künstlern trennen. Wir sind gegenseitig verschiedentlich aufeinander angewiesen. So müssen wir miteinander reden, auch wenn uns die Reform der GEMA-Kulturförderung richtig auseinandergerissen hat. Da ging es vor allem um das liebe Geld, die sachliche Auseinandersetzung zu den notwendigen Summen und Förderinstrumenten ging oft unter. Mir persönlich war immer an einer zwar harten, aber verständnisvollen Kommunikation gelegen, das gelang nicht immer zu 100 Prozent. Jetzt steht der Brückenschlag und das gegenseitige Verstehen im Zentrum. Da sind Kollegen noch tief verletzt, manche bis jetzt im Kampfmodus. Mein Motto: Zuversicht! Wir haben sensible Persönlichkeiten in jeder Sparte, die auch deshalb ganz besonders leiden, weil die Zukunft so schwarz gemalt wird, als gäbe es kein Morgen.
Rächt es sich, dass die Neue Musik sich zu lange in einem künstlerischen Ghetto eingerichtet hat, ohne Rückkopplung zu Markt und Publikum? Auch Mozart und Beethoven wollten doch gefallen …
Die Klassiker zu bemühen, finde ich immer schwierig. Die lebten in ganz anderen Zeiten und sozialen Umständen und gehörten zu den Privilegierten ihrer Epoche. Tatsächlich sehe ich eine Tendenz, dass sich manche Kollegen im Bereich kleiner Kammermusik, Ensembles und Festivals sehr wohl fühlen. Das führt uns auch immer wieder zu spannenden Erlebnissen, das kennt man aber auch im Jazz oder in der Kleinkunst oder bei Songwritern. Das Problem ist nicht, dass es zu wenig Aufführungen auch von neuer Orchestermusik gäbe. Das Problem dabei ist, dass diese Musik meist im angelsächsischen Raum, in Skandinavien, in Frankreich und Spanien komponiert wurde, wo große Sinfonieorchester Neue Musik aufführen. Und das, obwohl es hier in Deutschland die meisten Musikhochschulen und Kompositionsklassen gibt! Da sind die Lehrenden und die Institutionen aufgefordert, mal eher dem kleineren Ensembleprojekt oder der Taschenoper aus dem Weg zu gehen und sich mit und ohne Aussicht von Aufführungen auf die fantastischen Möglichkeiten von Orchestern zu konzentrieren. Vielleicht auch mal die Schwierigkeiten der Ausführung etwas reduzieren. Es gibt viele wunderbare semi-professionelle und amateurhafte Orchester – ein weites Feld, wo man viel lernen kann.
Warum tut Neue Musik sich so schwer, Entertainment und Unterhaltung als Auftrag des Publikums wahrzunehmen?
Was ist Entertainment? Kommerzielle Musik? Das ist mir eine zu platte Einordnung. Gute Musik hat immer eine gute Dramaturgie. Das kann aber auch das Problem von Songs, Filmscores und anderen Genres sein. Ich denke, dass man bei der Ausgestaltung einer ästhetischen oder technischen Idee manchmal den Blick dafür verliert. Aber selbst Karlheinz Stockhausen änderte mal was in „Gruppen“ für drei Orchester, um Dramaturgie wirken zu lassen. Oder denken wir an die Musik von Sofia Gubaidulina oder György Ligeti – die zeitliche Gestaltung, Dramaturgie ist dort absolut packend. Hans Werner Henze komponierte immer mit der Stoppuhr, ich achte auf die Zeitangaben meines Notationsprogramms und weiß dann, wann etwas zu lang ist.
Was raten Sie skeptischen Musikfreunden, die wohlmeinend ein neues Verhältnis zur Neuen Musik aufbauen wollen. Wo fängt man an?
Miteinander reden, neugierig bleiben. Rückschläge nicht als Weltuntergang begreifen. Wobei man dazu auch Strukturen und Kommunikation schaffen muss, damit eine nicht so gelungene Komposition oder Aufführung nicht gleich zum Kainsmal für das Neue oder gar die Person hinter dem Werk wird. Wir wissen um die hohen Risiken der Konzerte, gerade privater Veranstalter. Aber Komponierende sollten nicht immer nur jugendlich auf Fotos aussehen oder x-fach durch andere Veranstalter durch gelungene und erwartbare Musik abgesichert sein. Sagen wir es so: Stockhausen, Gubaidulina, Henze hätten heute als Mittzwanziger nie die Chancen, die sie in ihrer Zeit hatten.
Schauen wir in die Zukunft, auf die Musikindustrie, die Kunst und die GEMA: Skizzieren Sie doch einmal die Entwicklung, die Sie sich wünschen?
Dazu gehört vor allem ein Umdenken in Radio und TV: keine Angst vor mehr Musik aus Deutschland. Doch wenn man das ausspricht, wird man schnell als Nationalist abgestempelt, obwohl man auch Musik von Nicht-Deutschen meint, die hier leben und arbeiten. In Sachen GEMA: Da hoffe ich, dass der Kampfmodus beendet wird. Für die E-Musik wurde Förderung reduziert, für andere Sparten erweitert: Das muss in Verhandlungen fortentwickelt werden. Wird die Ernste Musik denn eine eigenständige, starke Sparte bleiben – oder wird sie mehr aufgehen in neue, ganzheitliche Performances? Mit Wort, Bild, Bewegung?
Eine interessante Frage. Es wird von den Menschen, der Gesellschaft und der Welt abhängen. Ich hoffe, dass wir den Wert von Förderung der Kultur inklusive Umwegrendite nicht verlernen. Dass wir in der schulischen Bildung Musik und Kunst und Kultur wieder mehr wertschätzen. Dass das heute allumfassend Messbare nicht allein immer in Profit übersetzt wird, sondern in Lebensqualität. Die Bayreuther Festspiele sollen eine Million mehr bekommen, das Reeperbahnfestival verliert circa die Hälfte der Bundesmittel. Da reden alle schnell von einseitiger Bevorzugung. Man muss gemeinsam fordern: mehr Geld für Bayreuth wie für das Reeperbahnfestival oder die Bundeskulturfonds. Und die staatlichen und kommunalen Klangkörper und Theater. Wenn man sich da gegeneinander ausspielen lässt, gewinnen weder Hamburg noch Bayreuth, sondern Shareholder der Musikindustrie, die unseren Bereich nur als Cashcow und Profitweide betrachten. Lebensqualität, Innovationskraft und Zuversicht verbessern sie damit nicht.
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