Von der späteren Mitte des Lebens aus betrachtet, in der sich die Zukunft verkürzt und die Vergangenheit fast in die Unendlichkeit streckt, liest sich die Zeit der Jugend rückblickend als großer Aufbruch. Für die Generation X wohnte den 80er- und 90er-Jahren ein Zauber inne, der von Hoffnung und Zuversicht getragen war. Kants Idee vom ewigen Frieden zeichnete den Hoffnungshorizont und war auf einmal keine naive Utopie mehr, sondern ein praktisches Rechtsideal, das sich schrittweise verwirklichen ließe. Mit dem Fall der Mauer 1989 wirkte Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte wie der warme Duft des Frühlings.
Nach Jahren des Kalten Krieges hatten vermeintlich die westlich-liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft die Türen aufgestoßen und die negativen Ismen dieser Welt endgültig zu Fußnoten der Geschichte werden lassen. Doch der Paradigmenwechsel ist eingeläutet. Die rechtsstaatlichen Systeme sinken weltweit wie die Pegelstände am Rhein, die Autokratien wachsen in den grauen Himmel der Unfreiheit, und wohlhabende Demokratien leiden an gesellschaftlichen und moralischen Ausfallerscheinungen wie Populismus, Polarisierung und Ungleichheit und erodieren. Was zu diesem Dilemma noch hinzutritt und die Ideale der 90er samt einer langen westeuropäischen Friedenszeit in die Apokalypse stürzt, ist eine neue Unverbindlichkeit. Der Gemeinsinn, der einst seine breiten Flügel streckte, ist einer gesellschaftlichen Vergiftung gewichen, die die westliche Welt in eine Egomanenwelt verwandelt.
Die demokratischen Kräfte bekämpfen sich selbst
Wo einst die Morgenröte durch die Herzen zog, hat sie sich längst in den Bluthimmel des Abends verwandelt. Fukuyamas und Huntingtons große Deutungen erfüllten sich beide nicht. Weder hat sich die liberale Demokratie als unangefochtener Endpunkt der politischen Entwicklung erwiesen, noch haben kulturelle und zivilisatorische Gegensätze politische Ideologien und Machtinteressen als dominierende Ursachen von Konflikten verdrängt, wie es Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ erwarten ließ. Die westliche Zivilisation und die Restbestände ihrer demokratischen Ordnung bekämpfen sich selbst, die Natur gerät aus dem Gleichgewicht, das globale Weltenfeuer der Vernichtung ist entfacht und zum Flächenbrand geworden. Die Abnehmspritze, 2026 als das Nonplusultra gefeiert, veranschaulicht eine kleinmütige Geisteshaltung und wirkt im Angesicht der Herausforderungen unserer Zeit wie ein Affront gegen die Vernunft.
Wenn die neue Körperlichkeit regiert, ist das ein Dekadenzphänomen, das verdeutlicht, wie wir Vernunft und Krisis opfern und damit das preisgeben, was unsere Existenz ausmacht: den gesunden Menschenverstand. So wird der Westen möglicherweise untergehen, wie es Oswald Spenglers Niedergangsdystopie nahelegte und Huntington es als Möglichkeit für die westliche Zivilisation beschrieb. Hitzewellen, Sturzfluten und Dürren werden zu Chiffren einer Welt, die Maß und Mitte verloren hat. Die Illusion vom ewigen Fortschritt war schön, solange sie währte – jetzt weicht sie der nüchternen Einsicht, dass Freiheit kein Naturzustand ist, sondern eine tägliche Kraftanstrengung. Also, goodbye.
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