Sie waren jung, mutig und ihre aufregenden Werke sorgten für heiße Diskussionen: Die Künstler der Düsseldorfer Gruppe „ZERO“ schrieben Kunstgeschichte. Heute gelten sie und besonders ihre frühen Arbeiten mit ihrer individuellen Stilistik als gesicherter Teil des bildnerischen Kanons der Moderne. Am Anfang stand ein deutsches Trio, das sich von 1957 bis 1966 als Gruppe verstand. Im letzten Jahr starb der berühmte Nagelkünstler Günther Uecker, schon 2014 Otto Piene. Er wurde als Maler berühmt, der lieber mit dem Bunsenbrenner als mit dem Pinsel arbeitete. Dritter und anfangs wichtigster im Bunde war der Maler und Bildhauer Heinz Mack, der in diesem Jahr seinen 95. Geburtstag feiert. Derzeit laufen mehrere Präsentationen seiner Werke.
In Tegernsee richtete man dem Künstler eine Ausstellung aus, die neben einem eigens eingerichteten „Lichtraum“ auch Werke aus dem ZERO-Kreis beleuchtet. Eine imposante, glänzend schimmernde Stele empfängt die Besucher schon auf dem Weg durch den Garten des Olaf-Gulbransson-Museums. Der Gegensatz zwischen Gulbransson, der bis zur Hitler-Diktatur zu den wichtigsten Zeichnern des Satire-Magazins „Simplicissimus“ gehörte, und dem Avantgardisten Mack könnte nicht größer sein. Nichts haben Macks metallene Vexierobjekte, die mit Licht und Bewegung spielen, gemeinsam mit den Arbeiten Gulbranssons. Der Norweger war als begabter Maler weit mehr als „nur“ Karikaturist in der Weimarer Republik. Gulbransson arrangierte sich nach der Machtergreifung mit den Nazis, ein Sündenfall, den das Museum nur am Rande thematisiert.
Geläuterter Neuanfang
Vielleicht könnte gerade das eine Perspektive sein, die „ZERO“ als zeitgebundene Künstlergruppe in einem anderen, aufschlussreichen Licht erscheinen lässt. ZERO, das war Neuanfang, Aufbruch. Wie fast die gesamte Avantgarde dieser Zeit, etwa Joseph Beuys oder der Jagdflieger Gerhard Hoehme, hatten die ZERO-Künstler das Erlebnis des Krieges hinter sich, als junge Soldaten an der Front oder in der Heimat. Dort waren sie als Kinder mit den Kriegsfolgen konfrontiert. Günther Uecker wuchs auf einem Bauernhof in Mecklenburg auf und musste gegen Kriegsende als 15-Jähriger Türen und Fenster vernageln zum Schutz von Mutter und Schwester. Und er wurde dann von sowjetischen Soldaten gezwungen, am Ostseestrand angeschwemmte Leichen zu bergen.
Künstlerische Avantgarde, das war im Deutschland der fünfziger Jahre ein Neuanfang aus geschichtlicher Läuterung, Ausnahmen bestätigen die Regel. ZERO – das ist das Ende des Countdowns – der Anfang beim Raketenstart. Three, two, one, zero – dann hebt das Raumschiff ab. Fritz Lang erfand das Runterzählen 1929 für seinen Stummfilm „Frau im Mond“, die Zahlen wurden auf Schrifttafeln eingeblendet. „Zero“ hieß damals auf gut Deutsch noch „Jetzt“.
ZERO entwickelte in den ersten, stürmischen Jahren der Bewegung keine politischen Ambitionen. Der Gruppe wurde deshalb vorgeworfen, dass ihr Fokus auf Form, Farbe, Licht und Technik eine Art Ausweichen vor einer politischen oder moralischen Aufarbeitung der NS-Zeit darstellt. Eine zeittypische Verdrängungshaltung? Man kann es als Nachgeborener den jungen Künstlern wie der gesamten Nachkriegsgeneration kaum verübeln, nach den Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft vor allem den Neustart im Blick gehabt zu haben. Der Bruch – er wurde zur Methode. Und da gerät doch etwas zaghaft Politisches ins Bild. 1957 durchstrich Heinz Mack in Düsseldorf auf Adenauers Wahlplakat das Wort „Keine“ im Slogan „Keine Experimente!“ – eine Aktion, für die er wegen Sachbeschädigung festgenommen wurde. Macks witzig-kreative Aktion damals: Heute hätte die Polizei viel zu tun, jeden Wahlplakat-Strich als Straftat zu verfolgen.
Andachtsraum im Bundestag
Nagelkünstler Uecker entwickelte erst spät Bezüge in den politischen Raum. Nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 entstand sein Zyklus „Aschebilder“ als unmittelbare künstlerische Reaktion. Ab den 1980er-Jahren griff er in Werkserien politische Themen auf, etwa zum Irak und zu Umweltfragen. Der Andachtsraum im neuen Reichstagsgebäude in Berlin, ein bedeutender Auftrag im Herzen der Bundesrepublik, wurde von ihm gestaltet. Der Raum enthält sieben unbefestigte Holzbildtafeln mit Nägeln, Sand, Asche, Steinen und Farbe. Allgemeinverständliche Zeichen der Vergänglichkeit verbinden sich mit konkreten Zuordnungen. Eine Bodenkante weist nach Osten: in Richtung Jerusalem und Mekka. Im Vorraum zeigt eine Vitrine liturgische Gegenstände verschiedener Weltreligionen. 1999 schuf er in der Gedenkstätte Buchenwald ein Mahnmal mit der Inschrift „1. September 1939“.
Und Otto Piene, der Mann, der zeitlebens mit dem Feuer spielte? Er war sicher kein politischer Agitprop-Künstler, aber sein Werk hat durchaus eine friedenspolitische Dimension. Er verstand den offenen Himmel – geprägt von seinen Erfahrungen als Flakhelfer im Krieg – als Verheißung von Aufbruch und Freiheit. Die zerstörerische Kraft des Feuers verwandelte er in gestaltende Energie. 1967 war „Proliferation of the Sun“ im linken Geist der Zeit ein Statement gegen atomare Aufrüstung. Fünf Jahre später beim Münchner Olympia-Abschluss 1972 überzeugte er die Organisatoren trotz des vorausgegangenen Attentats auf die israelische Mannschaft, seinen Regenbogen als Zeichen der Versöhnung zu zeigen.
Die Macks, Ueckers und Pienes hängen heute in bedeutenden Museen und Sammlungen zur Kunst des 20. Jahrhunderts; als weit verbreitete Multiples haben sie den Weg in zahllose Häuser und Wohnungen gefunden; die gebändigte Avantgarde wurde dekorativ und hauchte den bürgerlichen Milieus eine willkommene Modernität ein. Mit einem Uecker-Nagelbild an der Wand, einem repräsentativen Piene-Feuerbild im Flur und einer prächtigen Farbtafel von Mack machte man nichts verkehrt.
International entwickelte die Bewegung eine Dynamik, die die Wirkkraft der deutschen Pioniere noch übertraf. In Frankreich war es Yves Klein, der für seine monochromen Bilder eine eigene Farbe erfand, das IKB, International Klein Blue. Damit tränkte er Schwämme und beschmierte nackte Frauenkörper, die sich dann auf ausgerollten Papierbahnen wälzten und so die berühmten „Anthropometrien“ schufen. Der Begriff stammt eigentlich aus der Vermessung des menschlichen Körpers. Klein nutzte den Namen für seine berühmten Körperabdrücke, die später in Museen landeten. Im Foyer der Gelsenkirchener Oper hängen riesige Klein-Reliefs und blau getränkte Leinwände, vielleicht eine der eindrucksvollsten Verbindungen von Kunst und Architektur. Das Haus, offiziell bekannt als Musiktheater im Revier (MiR), wurde unter der Federführung des Architekten und Stadtplaners Werner Ruhnau erbaut und 1959 eingeweiht. Der früh verstorbene Klein, der übrigens seinen Wehrdienst für die französische Armee in Deutschland ableistete, hätte sich keine passendere Umgebung für diese Werkinstallation wünschen können. So lebt ZERO weiter, in den Werken und in den bis heute nachwirkenden Impulsen, die diese Bewegung ausgelöst hat.
Politische Verirrung im Alter
Unpolitisch sprechen die Kunstwerke mit ihrer atemberaubenden Ästhetik für sich. Technische Materialität und gestaltendes Licht, kinetische Energie, Feuer und menschliche Körper, inszenierte Erfahrung im architektonischen Raum: Man darf ZERO dankbar sein für die frappierende Einfachheit, mit der sie große Kunst schufen: Zero Schnörkel, 100 Prozent Substanz.
Dass der 95-jährige Heinz Mack, prominent gefeiert als ZERO-Mitgründer, in hohem Alter nicht frei blieb von politischer Verirrung, schmälert sein Lebenswerk nicht, gehört aber zum Gesamtbild. 2022 gehörte der Künstler zu den 28 Erstunterzeichnern des offenen Briefes der Zeitschrift „Emma“ an Bundeskanzler Scholz – einer Ukraine-Friedensinitiative, die als Petition später auf über 480. 000 Unterzeichner anwuchs. Die deutsche Politik wurde aufgefordert, Kiew nicht mit Waffenlieferungen in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg zu unterstützen, um weitere Opfer zu verhindern. Mit echtem „Frieden“ hatte diese vor allem aus heutiger Sicht skandalöse Position wenig zu tun – gerade in Bezug auf die deutsche Vergangenheit mit der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten.
Olaf Gulbransson, der große Simplicissimus-Zeichner, in dessen Museum am Tegernsee Heinz Mack und seine ZERO-Gefährten jetzt so eindrucksvoll inszeniert wurden, erlag den Täuschungen und Verführungen einer teuflischen Diktatur. Das Beispiel Heinz Mack zeigt, dass keine Zeit frei ist von politischer Verirrung. Immer neu gilt: Alles auf Zero. Die Kapelle des Neusser Marianums ist ein Heinz-Mack-Gesamtkunstwerk, das bis heute kunstinteressierte Besucher in die Wohnanlage lockt. Die Mack-Ausstellung mit großen Farbtafeln in der Berliner St.-Matthäus-Kirche ist nur vom 7. bis zum 13. September geöffnet.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.










