Manche Ausstellungen betreten einen Raum, der längst bereitet ist. In Gelsenkirchen gilt das in besonderem Maß. Wer hier über Arbeit, Streik und Solidarität spricht, bewegt sich auf historisch aufgeladenem Boden. Das Kunstmuseum Gelsenkirchen nimmt diese Lage mit „Radikale Hoffnung. Kunst und Arbeitskampf“ auf und öffnet den Blick zugleich auf internationale Konflikte um Arbeit und Anerkennung. Die von Julia Höner und Friederike Sigler kuratierte Schau wird während der Manifesta 16 Ruhr gezeigt und läuft vom 13. Juni bis zum 4. Oktober. Sie behandelt Arbeitskampf als ästhetische, soziale und moralische Frage. Im Zentrum stehen klassische Arbeiterstreiks, künstlerische Reaktionen auf ökonomische Konflikte und Formen von Arbeit, die lange kaum als Arbeit galten: unbezahlte Sorgearbeit, schlecht vergütete künstlerische Arbeit, prekäre Dienstleistungen und abhängige Lohnarbeit in alten und neuen Produktionsweisen.
Das Spektrum reicht von Käthe Kollwitz bis Jeremy Deller, von Gustav Metzger bis Takis, von feministischen Kämpfen um Haus- und Sorgearbeit bis zu Streikobjekten aus lokalen und internationalen Protestbewegungen. Kunstwerke treten neben Archivmaterialien und Objekten aus Industriemuseen der Region. Dadurch erscheint Arbeitskampf nicht als Motiv, das Kunst gelegentlich verwendet. Er wird als gesellschaftliche Praxis sichtbar, die eigene Bilder, Lieder, Zeichen und Rituale hervorbringt. Dass Käthe Kollwitz in diesem Zusammenhang einen festen Platz hat, liegt nahe. Ihr „Weberzug“ von 1897 aus dem Zyklus „Weberaufstand“ gehört zu den eindrücklichsten Bildern sozialer Not in der deutschen Kunst. Kollwitz zeigt den Aufstand nicht als heroische Pose. Ihre Radierung verdichtet Hunger, Erniedrigung und Würde zu einer Bewegung von Körpern, die gemeinsam auftreten. Ihre Kunst gab jenen Gesichtern und Gestalten eine Form, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit häufig als anonyme Masse erschienen. Gerade daraus gewinnt sie bis heute ihre Autorität.
Die Arbeit und der Mensch
Die Gelsenkirchener Ausstellung zieht von dort aus eine Linie in die Gegenwart. Jeremy Dellers „The Battle of Orgreave“ von 2001 erinnert an die britischen Bergarbeiterstreiks der Thatcher-Jahre und rekonstruiert eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Polizei und Streikenden als kollektive Erinnerung. Jean-Luc Moulènes „Parfum de Solidarité“ aus der Serie „Objets de grève“ zeigt, wie Arbeitskampf über Dinge und Zeichen vermittelt wird. Irène Mélix’ Fahnen „Eine Stunde für uns!, Eine Stunde für unsere Familie!, Eine Stunde fürs Leben!“ stellen die Frage nach Zeit: Wem gehört die Arbeitszeit, wem die Familienzeit, wem das Leben? Damit berührt die Ausstellung einen Punkt, der über gewerkschaftliche Forderungen hinausreicht. Arbeit verschafft Einkommen, ordnet aber zugleich Zeit, Beziehungen und Selbstachtung. Wo Arbeit entwertet wird, wird mehr beschädigt als ein Lohnzettel. Die katholische Soziallehre hat diesen Zusammenhang seit „Rerum novarum“ immer wieder betont. Leo XIII. reagierte 1891 auf die soziale Frage der Industrialisierung, auf Ausbeutung und die Entwurzelung der Arbeiter. Johannes Paul II. erinnerte in „Laborem exercens“ später daran, dass Arbeit eine personale Dimension besitzt: Der Mensch lebt nicht für die Arbeit; die Arbeit muss dem Menschen dienen.
Die Bibel kennt kein modernes Arbeitsrecht, spricht aber deutlich über wirtschaftliche Unterdrückung. Im Jakobusbrief heißt es: „Der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der von euch vorenthaltene, schreit.“ Dieser Satz gehört zu den schärfsten sozialen Anklagen des Neuen Testaments. Der vorenthaltene Lohn ist dort kein verwaltungstechnisches Problem. Er ist ein Unrecht, das vor Gott kommt. Wer so auf Arbeit blickt, kann eine Ausstellung über Arbeitskampf nicht als bloße Kulturgeschichte politischer Milieus abtun. Sie stellt Fragen, die mitten in die christliche Sozialethik führen. Kuratorin Julia Höner beschreibt den Kern der Schau als Frage solidarischen Handelns. Die Ausstellung erinnere daran, wie wichtig Zusammenhalt, Mitgefühl und gegenseitige Verantwortung für ein menschliches und gerechtes Miteinander seien. Zugleich mache sie deutlich, dass das Streikrecht als Bestandteil einer lebendigen Demokratie geschützt werden müsse. Gerade heute erschwerten weltweit agierende Konzerne, besonders im digitalen Dienstleistungssektor, kollektive Interessenvertretung. Solidarisches Handeln gewinne dadurch neue Dringlichkeit.
Der Begriff von Kunst als Arbeit
Damit verbindet die Schau historische Arbeiterkämpfe mit der Arbeitswelt der Plattformen, Lieferdienste und globalen Dienstleister. Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts sieht anders aus als die Montanindustrie des Ruhrgebiets, doch viele Grundfragen bleiben wiedererkennbar, etwa: Wer kann sich organisieren? Wer wird als Arbeitnehmer sichtbar? Wer trägt Risiken? Besonders deutlich wird das im feministischen Strang der Ausstellung. Die „Heinze-Frauen“ stehen für einen wichtigen Gleichlohnkampf der Bundesrepublik. „Wir wollen gleiche Löhne – Keiner schiebt uns weg!“ lautet der Titel einer 1982 erschienenen LP mit Begleitheft, die in der Ausstellung aus dem Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen gezeigt wird. Die italienische „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne weitet den Blick auf Arbeit in Familien, Haushalten und Pflegebeziehungen. Das Hausfrauengehalt – Joseph Beuys hatte es in seinen utopisch anmutenden Forderungskatalog zu Beginn der Konstituierung der grünen Bewegung aufgenommen. Er hatte wohl recht – und stand nicht allein.
Auch die Kunst selbst gerät unter den Begriff der Arbeit. Gustav Metzger, Lee Lozano und andere Positionen verweisen darauf, dass Künstler nicht außerhalb ökonomischer Abhängigkeiten stehen. Sie arbeiten für und mit Galerien, Museen, Akademien, Förderern und Publikum. Sie schaffen Werte, deren Verteilung selten einfach ist. Takis, dessen „Gruppe von Signalen“ aus den Jahren 1963 bis 1968 aus der Sammlung des Kunstmuseums Gelsenkirchen gezeigt wird, hatte sich 1969 in New York mit der Art Workers’ Coalition für eine gewerkschaftsähnliche Organisierung von Künstlern eingesetzt. Die Frage reicht deshalb bis in den Kunstbetrieb hinein: Wer kann streiken, wenn die eigene Arbeit von Anerkennung, Förderung und institutioneller Auswahl abhängt?
Einen bemerkenswerten lokalen Akzent setzt die Kooperation mit der katholischen Kirche in Gelsenkirchen. Im Rahmenprogramm „Sing our Songs“ wird die seit 2022 geschlossene Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Gelsenkirchen-Buer wieder zum Klangraum. Kunstmuseum, Musiktheater im Revier und katholische Gemeinde haben sich dafür zusammengetan. Dompropst Markus Pottbäcker findet deutliche Worte: „Unsere Gesellschaft wird säkularer, die Kirchen sind leer, wir haben vielerorts versagt.“ Dass Menschen solche Orte neu entdecken und Kreativität entwickeln, um sie zu erhalten, freue ihn. Auf die Frage nach Arbeiter- und Protestliedern in einer Kirche antwortet er knapp: „Gelsenkirchen ist nicht Düsseldorf.“
Der Autor ist Hochschulprofessor und publiziert zu Kultur, Politik und Wirtschaft.
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