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Der aufgeklärte Komponist

Carl Philipp Emanuel Bach schrieb musikalische Geistesgeschichte. Ein Gespräch mit dem Pianisten und C. P. E.-Bach-Spezialisten Michael Rische.
Die Ähnlichkeit ist unverkennbar: Carl Philipp Emanuel Bach ist der zweitälteste Sohn von Johann Sebastian Bach.
Foto: IMAGO/Gemini (www.imago-images.de) | Die Ähnlichkeit ist unverkennbar: Carl Philipp Emanuel Bach ist der zweitälteste Sohn von Johann Sebastian Bach.

Das Jahr 1776 markiert geistesgeschichtlich ein Kometenjahr der europäischen Aufklärung – mit großen Einschlägen in Deutschland, England und Amerika. Adam Smith veröffentlichte seinen Wealth of Nations und legte damit das Fundament liberaler Ökonomie; David Hume starb und hinterließ ein Werk, das religiöse Gewissheiten bis in ihre Grundfesten erschüttert hatte. Und jenseits des Atlantiks in Philadelphia erklärten dreizehn Kolonien ihre Unabhängigkeit im Namen jener Vernunftprinzipien, die Locke und Montesquieu formuliert hatten. Auch zwölftausend deutsche Soldaten aus Hessen kämpften für England gegen die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonie – auf der falschen Seite, wie man heute weiß. Europa dachte, zweifelte und fragte neu – und in Amerika wurden Antworten gegeben, dreizehn Jahre vor der Französischen Revolution.

Philosophisch und technisch, politisch und ökonomisch hatte diese Zeit einiges an revolutionären Entwicklungen zu bieten. Selbst die Musik wurde Teil dieses Stroms von Gedanken und Erkenntnissen. In diesem Klima wirkte Carl Philipp Emanuel Bach, der zweitälteste, künstlerisch bedeutende Sohn Johann Sebastians, als Hamburger Musikdirektor und Vordenker einer neuen Tonsprache. Wo sein Vater barocke Ordnung und virtuos-regelbasierten Kontrapunkt feierte, suchte C. P. E. Bach das Individuelle, das Überraschende, den seelischen Ausdruck. Sein Stil der Empfindsamkeit – voller plötzlicher Wendungen, harmonischer Kühnheit und emotionaler Unmittelbarkeit – war musikalische Aufklärung: Das autonome Innenleben des Subjekts wurde plötzlich zum Maßstab künstlerischer Relevanz.

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Vor 250 Jahren entstand 1776 in Hamburg sein „Heilig“ (Wq 217) für Altstimme, zwei Chöre und zwei Orchester – ein Werk, das Bach selbst seinen „Schwanengesang dieser Art“ nannte. Der Text des Propheten Jesaja, der Ruf der Seraphim vor dem Thron Gottes, wird von Bach nicht in barocker Demutsgeste vertont, sondern selbstbewusst-ausdrucksvoll hinein in die neue Zeit: Spiritualität, die durch Vernunft hindurchgegangen ist. Das „Heilig“ ist kein Bekenntnis gegen die Aufklärung, sondern aufgeklärtes Bekenntnis. Überhaupt war Hamburg eine fruchtbare Zeit für die geistliche Musik im Werk C. P. E. Bachs. 1769 schuf er das Oratorium „Die Israeliten in der Wüste“ und bis 1788 über zwanzig Passionsvertonungen, ein zweites Oratorium zu Auferstehung und Himmelfahrt Jesu sowie rund siebzig Kantaten, Litaneien und Motetten und andere liturgische Stücke. Für das Klavier – im Titel werden „Clavier“, also Clavichord, und Fortepiano erwähnt – veröffentlichte er in dieser Zeit die sechs Bände für „Kenner und Liebhaber“.

15 Jahre für C. P. E. Bachs Klavierkonzerte

Michael Rische gehört zu den international ausgewiesenen Kennern des Werks von C. P. E. Bach. Der Pianist hat ein bemerkenswert konsequentes C. P. E.-Bach-Projekt realisiert: Rund 15 Jahre nahm er sich, um auf acht CDs bei Hänssler Classic knapp die Hälfte aller überlieferten Klavierkonzerte C. P. E. Bachs einzuspielen – als erster Pianist überhaupt in diesem Umfang. Dabei standen ihm die Kammerorchester des Gewandhauses und der Berliner Philharmoniker zur Seite. Rische hat eine Erklärung dafür, dass diese Werke so lange im Verborgenen blieben: „C. P. E. Bach hat – im Gegensatz zu seinen Werken für Soloklavier, die ein riesiger Verkaufserfolg waren – nur einen winzigen Teil der Klavierkonzerte zum Druck freigegeben. Man kann sich vorstellen, dass er zuerst als Solist gefragt werden wollte – ähnlich wie Vivaldi, der seine Vier Jahreszeiten erst ganz spät drucken ließ.“ Dafür, dass Michael Rische daran festhält, diese Literatur auf einem modernen Flügel zu spielen, gibt es gute Gründe: „C. P. E. Bach selbst hatte ein sehr distanziertes Verhältnis zum Cembalo. Er setzte alles daran, die Entwicklung des Hammerflügels voranzutreiben, was absolut seinen sehr differenzierten klanglichen Vorstellungen entsprach.“ Auch der berühmteste Vertreter des Originalklangs auf historischen Instrumenten hat Rische in dieser Haltung bestärkt: „Ich hatte Gelegenheit, mit Nicolaus Harnoncourt über dieses Thema zu sprechen, und zu meiner Wahl des modernen Flügels sagte er wörtlich: ‚Machen Sie das genau so. Und wenn es Ihnen gelingt, damit einen Stein ins Rollen zu bringen, bin ich der Erste, der Ihnen dazu gratuliert.‘“ Inzwischen haben einige dieser Klavierkonzerte auch das Internet erobert: Das Concerto Wq 44 hat bei Spotify nahezu 12 Millionen Hörer.

Michael Rische zählt weltweit zu den herausragenden Interpreten von C. P. E. Bach.
Foto: Privat | Michael Rische zählt weltweit zu den herausragenden Interpreten von C. P. E. Bach.

C. P. E. Bachs „Hamburger Symphonien“ gehören zum musikalischen Erbe der Stadt und der Frühklassik insgesamt. Im Übergang vom Barock zur Klassik markieren sie einen Meilenstein der Orchestermusik. Frage an Michael Rische: Lassen sich auch in den Klavierkonzerten Brüche und Neuerungen finden, die den Bach-Sohn als epochenprägend ausweisen? Die Antwort ist eindeutig: „C. P. E. Bach hat in seinen Konzerten ausgiebig experimentiert. Im Concerto Wq 15 übernimmt der Solist nicht wie üblich das Thema vom Orchester, sondern stellt sich in einer ausnotierten, längeren Improvisation über das Kernmotiv wirkungsvoll vor. Wir erkennen das später in Beethovens 5. Klavierkonzert wieder. Das Concerto Wq 43/4 hingegen ist das erste Beispiel dafür, wie vier (!) Sätze zu einer konstruktiven Einheit werden und daher unmittelbar aufeinander folgen: ein Prinzip, dem auch Fr. Liszt in seinem ersten Klavierkonzert achtzig Jahre später folgt“, erklärt der Pianist. Carl Philipp Emanuel Bach pflegte Kontakte zu den Großen seiner Zeit, in Hamburg traf er zum Beispiel auf Claudius und Klopstock. Klopstock würdigte den Komponisten in höchsten Tönen: „Carl Philipp Emanuel Bach, der tiefsinnigste Harmonist, vereinte die Neuheit mit der Schönheit, war groß in der vom Worte geleiteten, noch größer in der kühnen, sprachlosen Musik.“ Erkennbare Wechselbeziehungen also, wo die Musik in Denken und Dichtung hineinwirkte – und umgekehrt die Dichtung in die Musik.

Resonanz in den USA

Carl Philipp Emanuel Bach ist heute alles andere als von gestern. In den USA erschien gerade von Dave Hurwitz, einem Musikkritiker mit 78.000 Youtube-Abonnenten, ein überschäumendes Review zu Risches Einspielungen der Klavierkonzerte. Der Pianist freut sich vor allem über das Lob des Experten, was die editorische Leistung und die Qualität der Interpretation betrifft. Dabei ist die Entdeckung des Gesamtwerks von C. P. E. Bach noch nicht abgeschlossen. Aber das Packard Humanities Institute im kalifornischen Los Altos hat jetzt das ambitionierteste C. P. E.-Bach-Projekt der Musikwissenschaft überhaupt realisiert: Die vollständige kritische Gesamtausgabe in 115 Bänden wurde 1998/99 begonnen und liegt jetzt vor. Kein europäisches Haus hat Vergleichbares geleistet. Das Institut, eine private Non-Profit-Stiftung, hat damit die wissenschaftliche Grundlage für die gesamte internationale C. P. E.-Bach-Forschung gelegt. Den Klassikraum als Ghetto der Experten und Liebhaber hat C. P. E. Bach längst verlassen.

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Bei der Frage nach Musikern, die besondere, interpretatorische Fenster geöffnet haben, fallen Michael Rische große Namen ein: „Es existiert eine alte Aufnahme des Flötenkonzerts d-Moll, dirigiert von einem Musiker, den man erst einmal gar nicht mit C. P. E. Bach in Verbindung bringt, Pierre Boulez. Das kompromisslos rasante Finale setzt er mit Rampal an der Flöte so temperamentvoll um, dass eine Interpretation von äußerster Dichte entsteht, die mich nachhaltig inspiriert hat. Dieses Flötenkonzert ist ursprünglich ein Klavierkonzert. Ich habe das Concerto Wq 22 ebenfalls eingespielt – mit zwei eigenen Kadenzen.“

Markante Soli

Überhaupt die Kadenzen, musikalisch freier ausformulierte, virtuose Einschübe: Für ungefähr die Hälfte seiner Klavierkonzerte hat Bach solche Kadenzen hinterlassen. In den anderen Fällen erwartet er vom Interpreten offensichtlich eine eigenständige Kreativität. Damit werden einerseits Stilsicherheit und andererseits einfühlsame Fantasie verlangt. Rische meint: „Für den Interpreten ist das eine spannende und alles andere als alltägliche Herausforderung. Nun haben die Kadenzen zu dieser Zeit noch nicht das Gewicht wie bei Mozart oder Beethoven, wollen aber ohne Zweifel als markantes Solo überzeugen.“

Und noch ein Großer, der an dem Bach-Sohn nicht vorbeikam: Der berühmte Jazzpianist Keith Jarrett hat 1994 in seinem Heimstudio die sechs Württembergischen Sonaten aufgenommen – auch er wie Rische auf einem modernen Konzertflügel, nicht auf dem Cembalo. Die Aufnahme erschien erst 2023 bei ECM und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Das Fachblatt „Gramophone“ schrieb, Jarrett setze sich damit „straight to the top of the list of interpreters“. Dass ausgerechnet ein Jazzpianist C. P. E. Bach für ein breites Publikum neu entdeckt hat, ist bezeichnend: Der improvisatorische, harmonisch unberechenbare Stil der Empfindsamkeit lag Jarrett offenbar in den Fingern.

Die Sonaten für Piano solo – sie sind erkennbar auf ein breites Publikum angelegt, was der damals große Verkaufserfolg der gedruckten Ausgaben bestätigt. Die Klavierkonzerte dagegen hat C. P. E. Bach für sich selbst und seine ganz persönliche Virtuosität geschrieben, sozusagen eher nichts für reine Amateure. Die Anforderungen sind, wenn nicht hals-, so doch fingerbrecherisch. Abschnitte mit 14 Anschlägen pro Sekunde oder mit einer geradezu sportlich anmutenden Sprungtechnik machen diese Kompositionen zur echten Herausforderung für wahre Meister. Energetische Musik, die man wegen des optischen Genusses von pianistischer Akrobatik unbedingt auch live erleben sollte.

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