Das Fischen ist ein auf Effizienz ausgerichtetes Handwerk: Die Netze werden ausgeworfen und man zieht so viele Fische ins Boot, wie man eben fangen kann. Anders ist es mit dem Angeln: Da kommt es nicht darauf an, dass möglichst viele Fische ins Netz gehen, sondern dass der richtige Fisch anbeißt und sich nicht wieder losreißt. Ganz ähnlich ist es auch mit der Gnade Gottes. In Chestertons Romanen über den Pfarrer Brown sagt dieser an einer Stelle: „Ich habe ihn mit einem unbemerkten Haken gefangen und mit einer unsichtbaren Schnur, die lang genug ist, dass er damit bis an die Enden der Welt wandern kann – mit einem einzigen Ruck am Faden hole ich ihn zurück.“ Gott zieht lieber den einzelnen Menschen aus der äußersten Verlassenheit zu sich zurück, als hundert Menschen zufällig zu fangen; er sucht lieber das entlaufene Schaf, als 99 brave Schafe ins Trockene zu bringen. Woher dieser Vorrang von Qualität über Quantität?
Gott fischt mit langen Leinen
Der Grund liegt in dem, was wir politisch die Würde des Menschen nennen – nicht willkürlich gleich am Anfang des Grundgesetzes und noch vor allen anderen Rechten und Pflichten. Diese Würde, so schreibt Thomas von Aquin, ist Gutheit um ihrer selbst willen und stehe im krassen Gegensatz zur Nützlichkeit, der Gutheit um jemand anderes willen. Dass der Mensch unantastbare Würde hat, meint, dass er durch keinen anderen „nützlicheren“ Menschen ersetzt werden kann und nicht so behandelt werden darf, als wäre er ersetzbar. Oder anders: Wenn ich an der Uni nicht zu einem Vortrag kann, dann geht ein Kommilitone; der schreibt genauso gute Notizen und schickt sie mir einfach später – es kommt hier auf die Mitschrift an, nicht auf mich. Wenn mir aber meine Schwester eine Einladung zu ihrer Hochzeit gäbe, dann könnte ich nicht den Kommilitonen schicken (ohne von meiner Familie zu Recht als Unmensch beschimpft zu werden). Meiner Schwester käme es ja nicht darauf an, dass irgendjemand da ist, sondern dass ihr Bruder da ist. Darum ist die Unantastbarkeit der Würde des Einzelnen unser höchster Wert und schützt uns vor der Tyrannei des Totalitarismus. Wenn dem Despoten tausend Soldaten wegsterben, dann ersetzt er sie durch tausend andere – ihm geht es um die Quantität der Streitmacht, nicht um den einzelnen Soldaten. Und wenn jemand die falsche Meinung, Hautfarbe oder Religion hat, dann kommt er einfach weg – einer aus der nächsten Generation „nützlicherer“ Menschen wird ihn schon ersetzen.
Ganz anders ist es mit Gott: Er leidet nicht für „die Menschen“ am Kreuz, sondern für mich. Darum ist es im Letzten auch nicht entscheidend, wie weit eine Seele vom Schiff der Kirche weggeschwommen ist (oder von Menschen in der Kirche weggetrieben wurde), denn Gott ist kein Fischer, der mit kurzen Netzen nur um das Schiff herum fischen würde. Er benutzt lange Leinen, mit denen seine Gnade uns nur einen kurzen Ruck geben muss, um zu ihm und seiner Kirche zurückzuschwimmen: eine Umkehr, eine Beichte, ein Moment der Reue. Wir mögen weit wegschwimmen können, doch sein Haken ist trotzdem nahe.
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