Christliche Ethik

„Heidenangst“ und „Gottesfurcht“

Angst und Furcht zählen zu den Grundphänomenen menschlicher Existenz. Während Furcht in der Regel eine angemessene Reaktion auf eine als Bedrohung empfundene reale Gegebenheit darstellt, ist Angst deutlich diffuser und weitaus vielschichtiger. Ob Angst freiheitsstiftend oder -zersetzend wirkt, hängt letztlich vom Umgang mit ihr ab.
Angst und Mut Symbolbild
Foto: Adobe Stock | Angst ist nicht per se pathologisch. Jedoch ist es christliche Tugend, sie zu überwinden.

In der Alltagssprache werden Angst und Furcht meist synonym gebraucht. Bei einer genaueren Betrachtung stellt sich jedoch schnell heraus, dass es sich bei Angst und Furcht zwar um verwandte, letztlich aber doch verschiedene und daher unterscheidbare Phänomene handelt. Bereits der reflektierte Sprachgebrauch zeigt das deutlich an. Wir sprechen beispielsweise von der „Heidenangst“ und von der „Gottesfurcht“, während uns die umgekehrte Rede von der „Heidenfurcht“ und der „Gottesangst“ merkwürdig verkehrt und irgendwie unpassend erschiene. Auch können wir Menschen für „furchtlos“ oder für „angstfrei“ halten. Doch ahnen wir instinktiv, dass es sich dabei um verschiedene Menschen handeln muss. Der Volksmund weiß: „Angst ist ein schlechter Ratgeber“. Dass für die Furcht dasselbe gilt, behauptet er nicht. Und die Psychiatrie schließlich kennt zahlreiche Formen der „Angststörung“, aber keine einzige „Furchtstörung“.

Was also unterscheidet Angst und Furcht? Eine brauchbare Differenzierung beider Phänomene bietet beispielsweise der Experimentalpsychologe und Pädagoge Siegbert Warwitz an. Während Angst ein diffuser, ungerichteter Gefühlszustand sei, der die Welterschließung im Ganzen betreffe, beziehe sich Furcht auf ein Konkretum, das als reale Bedrohung wahrgenommen werde. Interessanterweise lautet der in der Heiligen Schrift am häufigsten gebrauchte Imperativ denn auch: „Fürchtet euch nicht“. Mit ihm zeigen sowohl Gott selbst, als auch Engel, die zu Menschen gesandt werden, an, dass von ihnen keine Bedrohung ausgehen und man sie daher nicht zu fürchten brauche.

Furchtlos oder Angstfrei

Furcht, so scheint es, ist eine gesunde Reaktion. Sie basiert auf dem Wissen um die eigene Begrenztheit und Verletzlichkeit. Deswegen ist der „Furchtlose“, wenn es ihn denn tatsächlich geben sollte, nicht bloß übermütig. Er ist auch dumm. Dumm, weil er die Gefahren, die ihm begegnen oder denen er sich aussetzt, entweder gar nicht erkennt oder aber irrtümlicherweise für derart gering erachtet, dass er meint, sie ignorieren zu dürfen und ausblenden zu können.

Für den Angstfreien gilt dergleichen nicht. Anders als der Furchtlose ist der Angstfreie nämlich ein Realist. Als solcher blendet er reale Bedrohungen auch gar nicht aus. Er akzeptiert sie jedoch genauso wie die eigene Begrenztheit und Verwundbarkeit als etwas, das zu den Bedingungen gehört, unter denen sich menschliches Leben abspielt.

Der Angstfreie lebt, wenn man so will, bereits versöhnt mit der Endlichkeit des eigenen Lebens und den Gefahren, denen es ausgesetzt ist. Was die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod in einer andersgearteten Realität zwar nicht voraussetzt, aber eben auch nicht ausschließt. So oder so: In dieser Welt beschränkt sich der Angstfreie in seiner Sorge auf das, was er zu gestalten und zu beeinflussen vermag, anstatt sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die sich abseits seiner Einflusssphäre zutragen.

Und doch wäre es falsch, Angst ausschließlich als etwas Negatives zu betrachten oder gar vorschnell zu pathologisieren. Als geistiges Phänomen nämlich scheint Angst wenigstens indifferent zu sein. Für Sören Kierkegaard (1813–1855) etwa ist Angst eine unausweichliche Begleiterin der Geistwerdung des endlichen Geistes. Sie stellt sich ein, wenn ihm die Abhängigkeit von der „Macht, die ihn gesetzt hat“ bewusst wird. Angst ist für Kierkegaard eine notwendige Vorbedingung für den „Sprung“ des Menschen, der entweder in die „Verzweiflung“ oder in den „Glauben“, der die Angst überwindet, führen kann. Für Martin Heidegger (1889–1976) erschließt die Angst dem Menschen die Abgründigkeit des Daseins. In ihr und über sie hinweg ergreife sich das Dasein selbst. Und auch Karl Jaspers (1883–1969) erblickt in der Angst eine wichtige Durchgangsstation zur Geborgenheit im Sein. Angst sei notwendig, um Scheinsicherheiten aufzulösen und den Sprung in die Existenz, die sich aus Transzendenz geschenkt wisse, zu ermöglichen.

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Tapferkeit bedeutet Standhalten

Mag Angst also auch für Christen eine notwendige Erfahrung sein; wenn sie freiheitsstiftend und nicht freiheitszersetzend sein soll, darf sie nicht das letzte Wort besitzen. Als der heilige Papst Johannes Paul II. am 22. Oktober 1978 seine erste Ansprache als Papst hielt, rief er den Gläubigen auf dem überfüllten Petersplatz denn auch zu: „Habt keine Angst, Christus weiß, was im Inneren des Menschen ist. Er allein weiß es.“ Und in seinen „Abschiedsreden“ thematisiert auch Christus selbst die Ängste der Menschen, wenn er sagt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33).

Mutig zu sein, hat nichts mit Tollkühnheit zu tun, die, weil sie ausschließlich auf die eigene Stärke vertraut, ständig Gefahr läuft, überheblich und arrogant zu werden. Der Starkmut, der häufig auch Tapferkeit genannt wird, und zu den vier Kardinaltugenden zählt, um deren Übung sich Christen nach Ansicht vieler geistlicher Lehrer besonders bemühen sollen, besteht denn auch weniger im Besiegen oder Ausschalten von Bedrohungen, als vielmehr im Standhalten und der Überwindung von Furcht und Angst.

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