Wir selbst als Bildthema: Aber ist in unseren bildwütigen Zeiten von Social Media auch alles bildwürdig? Wohl kaum. Im Mittelpunkt der ungeheuren Bilderflut: Selbstdarstellung und Außenwahrnehmung. Alles dreht sich um: Wie komme ich rüber?
Es war im 19. Jahrhundert, als das beauftragte, gemalte Bild von der eigenen Person oder der Familie als Kunstform des bürgerlichen Zeitalters zu großer Bedeutung fand, die Fotografie kam dazu. Hier haben die Exzesse unserer Zeit wohl ihren Ursprung.
Lange war die künstlerische Auftragsdarstellung vor allem ein Feld der religiösen Verehrung und der feudalen Repräsentation. Außen vor als Auftraggeber: die kleinen Leute. Auch als Bildthema erweckten sie kaum Interesse – bis die Neuzeit anbrach. Bis Dürer und Cranach, Beham und Holbein den „kleinen Mann“ und die kleine Frau als Zeugen des Bildgeschehens aufriefen. Und bis die Brueg(h)els erschienen, namentlich.
Erst das ausgehende Mittelalter zu Beginn der Neuzeit nimmt den Künstler als Person hinter den Bilddarstellungen wahr, geistlich verortete Genies wie Fra Angelico und Giotto treten in die Kunstgeschichte ein. Und im Stundenbuch des Duc de Berry tauchen plötzlich neben Fürsten und Heiliger Familie einfache Leute auf, als Staffagefiguren mit ihrem arbeitsreichen Leben im Wechsel der Jahreszeiten.
Kleine Leute auf großer Bühne
Etwa 150 Jahre später wurden die einfachen Leute und ihr Leben selbst zum wichtigsten Bildthema. Nicht als Staffagefiguren, sondern als Akteure auf großer Bühne. Eine Ausstellung im Mailänder Palazzo Reale erzählt dieses Kapitel der Kunstgeschichte. Im Kern keine ganz neue Perspektive: Der Vollender und Überwinder der Aufklärung, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, würdigte in seinen Vorlesungen ausdrücklich die Darstellungen von Wirtshausszenen, Volksfesten oder Bauernhochzeiten. Hegels Wort vom „Sonntag des Lebens“ ist in diesen prachtvoll-bunten Bildern zu besichtigen. Der Mensch selbst behauptet sich als Bildthema, auch ohne mythologische Bezüge und religiöse Aufladungen. Selbst wenn diese Bezüge nach wie vor eine Rolle spielen, so verändern sich die Prioritäten. Bei der „Georgskirmes und Tanz um den Maibaum“ von Pieter Bruegel dem Jüngeren tanzen und feiern die Bauern ausgelassen den Namenstag des Drachentöters (21. April) mit einem Jahrmarkt, der in den Mai mit dem Tanz um den geschmückten Baum übergeht. Und der Heilige selbst? Wir erkennen ihn in traditioneller Landsknecht-Uniform als Motiv auf einer Festbeflaggung. Der Kirchturm im Hintergrund verweist auf den kirchlichen Ursprung des Festes.
Dieses Bild wie auch Bruegels als Kupferstich verbreitete ‚Kirchweih von Hoboken‘ lässt sich als Spott über bäuerliche Trinkfreude lesen, aber auch als politische Botschaft. Man verstand die Darstellung als Einspruch gegen die obrigkeitlichen Einschränkungen der Volksfeste, wie sie schon unter Karl V. erlassen worden waren. Den Herrschern war die arbeitsfreie Sauferei ein Dorn im Auge. Die weite Flusslandschaft im Hintergrund, in einem früheren Gemälde noch Umgebung für die Taufe im Jordan, sie wird hier zum Strand mit ausgelassenem Badevergnügen.
Pieter Bruegel der Ältere entwickelte die wichtigsten Bildthemen in seinen berühmten Bildern, die im Kunsthistorischen Museum Wien hängen, einige davon vermisst man in Mailand schmerzlich. Sein Sohn Pieter Brueghel, er fügte das „h“ in den Namen ein, entwickelte aus den künstlerischen Erfindungen seines Vaters ein markttaugliches Erfolgsmodell. Die Ausstellung klassifiziert das nicht als Nachahmung, sondern als entscheidenden Schritt zur Verbreitung neuer Bildgattungen. Motive wie die Bauernhochzeit werden als Typus erkennbar. Der Kunstmarkt entsteht und bleibt nicht dem Adel und der Kirche vorbehalten. Der Aufstieg des Bürgertums aus der Kaufmannschaft: Kunst und wirtschaftliche Entwicklung hängen eng zusammen.
Auch Katholiken liebten Brueghel
Ein Sohn des Stammvaters Pieter wird besonders gewürdigt, Jan Breughel der Ältere. Er internationalisierte den Bilderhandel. Seine Beziehung zum Mailänder Kardinal Federico Borromeo zeigt, dass die neuen Motive keineswegs nur ein protestantisch-bürgerliches Milieu ansprachen. Auch hoch gebildete, katholische Kunstkenner konnten sich für die Bilder aus dem Norden begeistern. Nicht nur einfache Leute, sondern auch stimmungsvolle Landschaften und virtuose Blumenstillleben prägten die Bildthemen. Gleichwohl stechen die lebensprallen, bunt bevölkerten Panoramabilder hervor. Diese Wimmelbilder sind trotz des ersten Eindrucks ungeordneter Betriebsamkeit wohl komponiert und in vielen Details auf Wirkung kalkuliert.
Allein die Perspektive verdient eine nähere Betrachtung. Denn vieles wirkt wie mit einer Drohnen-Kamerafahrt aufgenommen. Schräg-aufsichtig entsteht der Eindruck einer souveränen Betrachtung von außen. Der Maler als Bildreporter erhebt damit auch einen Wahrheitsanspruch: Berichterstatter von den Schauplätzen des wirklichen Lebens. Eine Kreuztragung von Pieter Brueghel dem Jüngeren nach einer Komposition des Vaters ist wie eine Rundflug-Geschichte erzählt und doch mit hohem Detailreichtum konzipiert, ein Ausschnitt ist auf dieser Seite zu sehen. Der neue Blick ist ein Überblick, und der führt geradewegs wieder zu Hegel. Dessen Vorstellung, dass die Geschichte erst aus der Distanz als Ganzes erkennbar wird, findet hier eine frühe, künstlerische Umsetzung. Als die Gebrüder Montgolfier den Heißluftballon erfanden, war Hegel 13 Jahre alt, das Ereignis schrieb Geschichte und schrieb sich in das Denken der Zeit ein. Jürgen Kaube deutet das auf dem Ballon-Cover seiner Hegel-Biografie an.
Bei den Brueghels, die allesamt keine Porträts malten, werden die einfachen Menschen ernst genommen, aber klein gemalt, damit die Welt aus erhöhter Perspektive als wirkliches Ganzes sichtbar werden kann. Die Breughel-Familie machte mit ihren Bildern Schule. Pieter Baltens, ein Zeitgenosse, schuf das Bild eines aus dem Ruder laufenden Martinsfestes, wo der junge Wein verkostet wird. Die wüste Szenerie als Bacchanal, der heilige Martin reitet da lieber aus dem Bild, teilt aber schnell noch seinen roten Mantel.
Bis 21. Januar 2026 im Palazzo Reale Milano, Katalog mit 328 S., EUR 40,–
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