Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Philosophin Svenja Flaßpöhler

„Die Stimmung der Bevölkerung ist gekippt"

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler über die entscheidenden Faktoren für gelungene Paarbeziehungen – und wie sie sich auf die Politik übertragen lassen.
Philosophin Svenja Flaßpöhler
Foto: Imago/Future Image | Sie hat ihren Kierkegaard gelesen: Die Philosophin Svenja Flaßpöhler sieht in der Freiheit eine Voraussetzung für gelingende Beziehungen.

Frau Flaßpöhler, in Ihrem neuen Buch begeben Sie sich auf die Suche nach dem Geheimnis gelingender Zweisamkeit. Könnte Ihre Beschäftigung mit Zweisamkeit auch ein Denklabor für unsere Gesellschaft als Ganzes sein?

Die Bindungsfähigkeit von Menschen zeigt sich zuerst im Kleinen, Privaten: in unseren Beziehungen, der Familie. Das private Feld, so könnte man sagen, ist ein Übungsfeld für das große Ganze. Es geht unter anderem darum, sich in eine Distanz zur Unmittelbarkeit der Affekte zu setzen, was etwa für den Social-Media-Gebrauch hilfreich wäre, der ja inzwischen einen bedeutenden Bestandteil dessen ausmacht, was wir Öffentlichkeit nennen.

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Auch Selbsterkenntnis ist wichtig, also das Bemühen, zu verstehen, warum man handelt, wie man handelt, denkt, wie man denkt. Es geht um den unermüdlichen Versuch, sich selbst in den eigenen Rücken zu schauen, so gut es eben möglich ist. Wer diesen Versuch unternimmt, hat die eigene Subjektivität immer schon im Blick. Wer weiß, dass er auf eine bestimmte Weise in die Welt gestellt ist, geht anders in Debatten hinein, ist – auch wenn natürlich gerungen wird um das bessere Argument – offener, neugieriger auf die Subjektivität des anderen.

Sie beschreiben Menschen in Partnerschaften an einer Stelle als Treibgut. Dieses Treibgut ließe sich im günstigsten Fall mit den Geschichten, Erfahrungen und Beschädigungen zu einem Floß zimmern, mit dem man das andere Ufer erreichen kann. Haben wir, hat unsere Gesellschaft das Gefühl für die Kraft aus der Not, aus der gegenseitigen Ergänzung des Defizitären, verloren? Ich denke an die alte DDR …

Das Bild des Treibguts illustriert ein Dasein auf brüchigem Grund. Die meisten Menschen sind qua Herkunft nicht mit einem bombenfesten Fundament ausgestattet, eher floaten sie auf morschen Brettern durch die Welt. Und manchmal treffen zwei aufeinander, die im Treibgut des jeweils anderen das Gut erahnen: Da ist, schaut man genau hin, etwas Schönes, Helles, an das man anknüpfen könnte. Wenn zwei Menschen es schaffen, das Gut des jeweils anderen zur Entfaltung zu bringen – und es auch bei sich selbst zuzulassen –, ist die Basis für eine gleichberechtigte Langzeitbindung geschaffen. Extrapoliert man dieses Bild nun ins politische Feld und konkret auf die Wiedervereinigung, muss man feststellen, dass es eine mächtige Seite gab, die bei sich selbst das Morsche nicht erkannt und in der anderen Seite das Gut übersehen hat. Nicht umsonst reden wir heute von Enteignungen großer Wohnungsunternehmen in Berlin. Wohnen gehört zum Basalsten des Menschseins überhaupt. Wir sehen, dass der Markt eben doch nicht alles von alleine regelt, sondern das Miteinander zerstört.

Bleiben wir bei der Politik. „Gehen können“ sehen Sie in Beziehungen als freiheitsstiftendes Vermögen. Das fehlt den Regierungsparteien, die auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet sind, oder? Sie können der von Ihnen zitierten Kierkegaard-Empfehlung, mit Energie, Ernst und Pathos zu wählen, doch gar nicht nachkommen …

In modernen, aufgeklärten Privatbeziehungen ist erst einmal Attraktion da, eine emotionale Nähe also; Koalitionen sind eher Vernunftehen. Oft regiert der Zwang oder schiere Alternativlosigkeit, und nicht die Lust. Insofern ist in politischen Beziehungen die Kompromissfähigkeit viel grundlegender als in Liebesbeziehungen. Der Kompromiss ist das Ergebnis eines Ringens, bei dem im Grunde von Anfang an klar ist, dass man keinen Konsens wird erzielen können. Zwar ist der Konsens in Streitigkeiten unter Liebespartnern auch eher selten, aber in der Liebe kann man es auch mal gut sein lassen und die Differenz akzeptieren. Wenn ich mit meinem Mann in einem Streitpunkt nicht einig werde, kann ich trotzdem nach dem Streit mit ihm ins selbe Bett steigen. Die Differenz bedroht unsere Beziehung nicht, sondern macht sie umgekehrt lebendiger. Diese Option haben Koalitionspartner nicht in derselben Weise. Sie müssen sich – irgendwie – einigen. Sonst sind sie handlungsunfähig.

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Für Beziehungen mahnen Sie eine Sensibilität für Kipppunkte an. Haben wir dieses Feingefühl in den Parteien und Parlamenten, den Koalitionen und Bündnissen verloren?

Die politische Mitte hat diese Sensibilität eindeutig verloren. Die Stimmung der Bevölkerung ist gekippt. Das zeigen die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Berlin. Wenn ein Bundeskanzler mahnt, man müsse den Gürtel enger schnallen, gleichzeitig mehr arbeiten und mit weniger Krankenkassenleistungen zufrieden sein und das Ganze dann „Reform“ nennt, wenden sich die Menschen verständlicherweise ab. Merz kann überhaupt nicht plausibel vermitteln, was denn für die Bevölkerung der Gewinn all dieses Verzichts wäre. Und was daran gerecht ist. Warum wird nicht gleichzeitig über eine Besteuerung von Vermögen gesprochen? Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte hat es neulich noch einmal in einem Streitgespräch in der ZEIT deutlich gesagt: 5.000 Menschen gehört ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland. Das sind Multimillionäre und Milliardäre, die aber unangetastet bleiben, weil eine Besteuerung – so Bovenschultes Kontrahentin Gitta Connemann, Chefin des Unions-Wirtschaftsflügels – „Gift für die Wirtschaft“ sei und dann womöglich „Kapital einfach aus Deutschland abgezogen wird“. So sieht politische Einfallslosigkeit aus. Hier zeigt sich, dass man den Draht zur Bevölkerung respektive den Gerechtigkeitssinn offenbar völlig verloren hat.

Sie beschreiben an einer der stärksten Stellen von „Zusammenbleiben“, wie ein alles durchdringender Konsumismus auch partnerschaftliche Intimität zerrüttet. Muss Politik aufhören, Glück vor allem über die Steigerung von Wachstum und Konsum zu definieren?

In meinem Buch schreibe ich über die Ambivalenz der schönen Dinge: Sie können eine Leere verdecken und reiner Schein sein, sie können aber auch, wenn Substanz da ist in einer Beziehung, Ausdruck eines Gedeihens, eines Wachstums im guten Sinne sein. Ich denke, dass genau hier ein Grund für den um sich greifenden Frust liegt: Man hat nicht gerade den Eindruck, dass all die Arbeit, die in diesem Land geleistet wird, zu einer Zunahme an Schönheit und angenehmer Atmosphäre im öffentlichen Raum führt. Wenn das der Fall wäre, würden viel mehr Menschen eine Bindungslust verspüren, sich engagieren, Verantwortung übernehmen. Die Bedeutung von Atmosphären wird politisch völlig unterschätzt. Wenn ein Mensch schon morgens auf dem Weg ins Büro spürt, dass sich seine Arbeit in eine Schönheit des öffentlichen Raums übersetzt, ist er Teil des Teams.

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Letzte Frage, vielleicht mit einem optimistischen Ausblick: In unserer katastrophengeprägten Zeit könnte sich doch auch bei all den Umwälzungen ein Moment des Kairos öffnen. Sie haben es mit Ihrem Mann geschafft, durch die Bindungskraft des „Eros“ einen „Kairos“-Moment zu erkennen und zu nutzen. Wo sehen Sie derzeit Ansätze dazu in der Gesellschaft, im politischen Raum? Etwa bei der linken Berliner Wahlsiegerin Elif Eralp, die ihren Anhängern bescheinigt, die Liebe gewählt zu haben?

Ja, das wäre zu hoffen: dass die derzeitige Umgestaltung des politischen Raums eine Öffnung ist. Oder, um es mit einer wunderbaren Formulierung Alexander Kluges zu sagen: die „Lücke im Verhängnis“. Diese Lücken, wusste Kluge, gibt es immer. Man muss sie nur erkennen. Und hindurchschlüpfen, solange es geht.

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