Der Tod, meinte schon der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti, ist ein Skandal. Bryan Johnson würde dem zustimmen. Doch während dem 1994 im Alter von 89 Jahren verstorbenen Atheisten Canetti nichts anderes blieb, als zeitlebens gegen die Endlichkeit des Seins anzuschreiben, verfolgt der Tech-Millionär Johnson ein Ziel, das außerhalb der Blase des Silicon Valley eher als Hybris gelten dürfte: Er will den Tod überwinden. Mit viel Geld, Künstlicher Intelligenz und der radikalen Optimierung des eigenen Selbst.
Der Traum von der Unsterblichkeit: Kaum ein Zeitalter, in dem er nicht Völker, Kulturen, Kunst und Wissenschaft faszinierte. Das Christentum setzt ihm die Hoffnung auf Erlösung durch das ewige Leben entgegen. Gerade jetzt an Ostern feiern wir mit der Auferstehung den Sieg Christi über den Tod. Bryan Johnson dagegen strebt das ewige Leben im Diesseits an, im Hier und Jetzt. „Don’t die“ heißt so schlicht wie folgerichtig die Philosophie, die der heute 48-Jährige – Achtung, Kalauer – ins Leben gerufen hat. Einfach nicht sterben. Um dieses, gelinde gesagt, ambitionierte Ziel zu erreichen, unternimmt er seit einigen Jahren ein ziemlich extremes Experiment am eigenen Körper.
130 Pillen pro Tag
Um den Alterungsprozess seines Organismus sukzessive zu verlangsamen, lässt Johnson sich quasi rund um die Uhr medizinisch vermessen, folgt strikten Schlaf- und Bewegungsroutinen, meidet Sonnenlicht und unterzieht sich täglich einer Vielzahl kleinerer und größerer technologischer Prozeduren, die ihn innerlich und äußerlich verjüngen sollen. Alle Entscheidungen, die seine Ernährung betreffen, hat Johnson an einen Algorithmus ausgelagert. Der berechnet ihm auf die Kalorie genau, wie viel Nahrung er täglich zu sich nehmen darf. Strikt vegan. Plötzlicher Heißhunger auf Schokolade? Ein spontaner Besuch beim Italiener auf eine Pizza mit Freunden? Für Bryan Johnson völlig ausgeschlossen. Nicht der Kopf, sondern die KI entscheidet, was er wann und in welcher Menge konsumiert. Zusätzlich schluckt er noch 130 Pillen am Tag, deren lebensverlängernde Wirkung oftmals zwar für Mäuse, nicht aber für den Menschen nachgewiesen ist.
Um Transparenz zu schaffen, teilt Johnson all seine Gesundheitsdaten im Netz. „Blueprint“ nennt er das Projekt, mit dem er als menschliches Versuchskaninchen die Grenzen dessen verschiebt, was bislang unternommen wurde, um nicht mehr zu altern. Zwei Millionen Dollar kostet ihn das Unterfangen im Jahr. Johnson behauptet, pro Lebensjahr inzwischen nur noch um acht Monate zu altern. Nicht schlecht, wenn es stimmt. Aber von der Unsterblichkeit noch ein bedeutendes Stück entfernt.
„Don’t die“ klingt besser als „Live longer“
Natürlich wird Johnson selbst wissen, dass auch für ihn das ewige Leben auf Erden ein Wunschtraum bleiben wird. Aber „Don’t die“ klingt nun einmal besser als „Live longer“. Für viele gilt er schlicht als extremster Vertreter des „Longevity“-Trends, der seit einigen Jahren nicht nur unter Hollywood-Größen und Tech-Unternehmern kursiert, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Nicht zuletzt populärwissenschaftliche Bücher wie der Bestseller „Outlive: Wie wir länger und besser leben können, als wir denken“ des US-Mediziners und Forschers Peter Attia haben das Bewusstsein dafür geschärft, dass sich unsere gesunden Jahre und vielleicht auch unsere Lebenserwartung nach oben schrauben lassen, wenn man an einigen Stellschrauben dreht: regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, mentales Gleichgewicht. Was simpel klingt, fällt in der Praxis oft schwer. So kommt es, dass auch in westlichen Ländern viele Menschen an Zivilisationskrankheiten sterben, die sich vermeiden oder zumindest stark hinauszögern ließen.
Wer nun denkt, mit fünf Workouts pro Woche, einem geregelten Schlafrhythmus von 22 bis 7 Uhr, per Smartwatch aufgezeichneten Schlafphasen, einer proteinreichen Ernährung ohne künstlichen Zucker, eingenommen natürlich nur zwischen 12 Uhr mittags und 20 Uhr abends, bereits auf den Spuren Bryan Johnsons zu wandeln, liegt falsch. Wer dem Tod von der Schippe springen will, muss eine Schippe draufpacken. So ließ sich Johnson das Blutplasma seines damals 17-jährigen Sohnes injizieren, scheinbar jedoch ohne messbaren Erfolg. Und in der halbautonomen Sonderwirtschaftszone „Próspera“, die sich auf dem Territorium von Honduras befindet, unterzog er sich einer umstrittenen, experimentellen Gentherapie.
Ob all dies auch nur ansatzweise den gewünschten Effekt erzeugen wird, steht in den Sternen. Untersuchen lässt Johnson sich nur von seinem eigenen medizinischen Team, es gibt keine unabhängige Evaluation seines Zustands. Kritiker gibt es dagegen reichlich. Die meisten Mediziner und Wissenschaftler sind nicht überzeugt davon, dass Johnsons Lebensstil besonders gesund ist. Einer zeigte sich nach einem Treffen mit Johnson gar besorgt: Der selbstbetitelte „gesündeste Mensch der Welt“ habe kränklich blass ausgesehen.
Schaufelt sich ein reicher Westküsten-Unternehmer bei dem Versuch, dem Tod zu entkommen, sein eigenes Grab? Darin läge eine makabre Ironie. Bedenklicher ist, dass Johnson seine „Don’t die“-Bewegung inzwischen zu einem regelrechten Kult, ja einer Art Ersatzreligion geformt hat. Mit Tausenden Anhängern rund um den Globus, die in ihrer Lebensweise ihrem Idol nacheifern. Nur: Gott kommt darin nicht vor. Stattdessen wird dem Algorithmus beziehungsweise der Künstlichen Intelligenz gottgleiche Verehrung zuteil. Der Transhumanismus, er hat die Transzendenz ersetzt. Johnson scheint sich in der Rolle des exzentrischen Anführers seines eigenen Kultes zu gefallen. Und sich als neuer Messias des Technologie-Zeitalters zu verstehen. Im Gespräch mit der „Welt“ nannte Johnson Jesus seinen „Hauptkonkurrenten“. Und 2023 postete er auf „X“: „Jesus hatte 2.000 Jahre und ich habe noch keinen Nachweis seiner Taten gesehen. Ich habe in zwei Jahren mehr erreicht.“ Zudem könne er vorehelichen Sex haben. Das beweist: Zumindest seinen Humor hat er schon mal auf pubertäres Niveau gebracht.
Existenzielle Krise, Bruch mit den Mormonen
All das lässt sich leicht als Spinnerei eines größenwahnsinnigen Tech-Fanatikers abtun. Wäre da nicht der wirtschaftliche Aspekt hinter dem Projekt „Blueprint“ und der „Don’t die“-Philosophie. Wer sich so ernähren will wie Bryan Johnson, muss tief in die Tasche greifen: Ob Olivenöl, Langlebigkeits-Proteinpulver oder Macadamianüsse. Sämtliche Produkte, die es für die Blueprint-Diät braucht, vertreibt Johnson in seinem Onlineshop. Alles unter eigenem Markennamen, zu horrenden Preisen. Eine Flasche Olivenöl: 45 Euro. Die Monatsration Proteinriegel: 33 Euro. Stecken hinter dem hochfliegenden Getöne von der Unsterblichkeit am Ende ganz banale, pekuniäre Beweggründe? Johnson streitet das natürlich ab. Es lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen, dass ihm das Projekt „Blueprint“ mit geschicktem Marketing samt Netflix-Dokumentation inzwischen massive Bekanntheit eingebracht hat. Seinen Online-Kanälen folgen Millionen.
Finanzielle Sorgen hatte Johnson, der 2013 den von ihm gegründeten Bezahldienst Braintree für 800 Millionen US-Dollar an Paypal verkaufte, in seinem Leben kaum. Schwere existenzielle Krisen dagegen schon. Johnson wurde 1977 im US-Bundesstaat Utah geboren, der Hochburg der Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, auch bekannt als Mormonen. Bis ins Erwachsenenalter war Johnson von deren traditionell-konservativem Wertefundament geprägt. Nach dem Schulabschluss verbrachte er sogar zwei Jahre als Missionar in Ecuador. Er heiratete mit 24, zeugte drei Kinder, stieg rasant in der lebhaften Silicon-Valley-Tech-Szene der frühen 2000er auf.
In der Netflix-Doku „Don’t die“ schildert Johnson, wie er die berufliche Überlastung mit exzessivem Alkohol- und Essenskonsum kompensierte und psychisch und privat immer mehr in einen Abgrund rutschte. Zehn Jahre lang litt er an chronischen Depressionen, kämpfte mit Suizidgedanken und entfremdete sich zunehmend von der Kirche, der er seit Kindheitstagen angehörte. Bis er mit 34 Jahren die Reißleine zog und einen radikalen Schlussstrich unter sein altes Leben setzte. Er trat aus der Glaubensgemeinschaft der Mormonen aus, woraufhin seine Frau sich scheiden ließ, den Kontakt abbrach und auch die Kinder von ihm fernhielt. Erst in den letzten Jahren baute er wieder eine Beziehung zu seinem Sohn Talmage auf, nachdem dieser die Mormonen ebenfalls verlassen hatte. Seinen Lebensstil stellte Johnson nach dem Austritt auf den Kopf. Nie wieder würde er dem Hirn die Autorität über seinen Körper geben. Herausgekommen ist das Extrem, das er heute pflegt.
Dem Algorithmus bedingungslos unterworfen
Ist Johnson im Kern doch ein spiritueller Mensch geblieben, dessen Bruch mit dem Glauben seines familiären Umfelds eine Wunde geschlagen hat, die er mit der radikalen Tech-Gläubigkeit heilen will? Ist der Versuch, sein Leben bis zum Äußersten zu verlängern, nur ein Verdrängungsmechanismus, um sich seinem Bedürfnis nach Erlösung nicht stellen zu müssen? Ein Bedürfnis, das sein alter Glaube offenbar nicht stillen konnte. Johnson selbst würde diese Deutung sicher abstreiten. Und stattdessen eher der Erklärung zustimmen, seine Erlösung im Diesseits bereits gefunden zu haben, indem er sich dem Algorithmus bedingungslos unterworfen und scheinbar alle Süchte der menschlichen Natur überwunden hat. Doch wird man den Eindruck nicht los, dass Johnsons blasses, maskenhaftes Gesicht auch genau das darstellt: eine Maske, hinter der sich noch mehr verbirgt, als uns das wohlgepflegte Social-Media-Image glauben machen will.
Auch Bryan Johnson kann Kopf und Gefühle nicht völlig ausschalten. Dass er liebt und geliebt werden will, macht die Netflix-Doku deutlich, deren zentraler Handlungsstrang die Vater-Sohn-Beziehung ist. Sie vertieft sich im letzten High-School-Jahr seines Sprösslings, ehe dieser fürs Studium in eine andere Stadt zieht. Die Abschiedstränen, die bei Johnson fließen, wirken echt. Hat er sich intensiv Gedanken über die Konsequenzen gemacht, wenn er tatsächlich unsterblich wäre? Kinder, Enkel, Freunde, er müsste sie dann für immer verabschieden. Das ewige Leben auf Erden, es dürfte ein ziemlich einsames sein. Und ist solch ein Leben, dessen primärer Sinn darin besteht, tagein, tagaus die eigene Sterblichkeit aufzuhalten, überhaupt lebenswert?
Unmengen Koffein, diverse Tiefkühlkost und, zugegeben, auch Alkohol wurden während des Schreibens dieser Zeilen konsumiert. Mit schlechtem Gewissen? Nein. Denn es ist zutiefst menschlich, derlei Entscheidungen selbst zu treffen und sie nicht an die KI auszulagern. In dem Bewusstsein, dass sie nicht immer nur das Beste für das eigene Wohlergehen bedeuten. Ja, dass Handlungen Konsequenzen haben, dass Zeit ein endliches, kostbares Gut ist. Vielleicht sind es diese Erkenntnisse, die ein Leben erst lebenswert machen.
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