Manche Wildtiere haben ihren Instinkt verloren. Aber manche Menschen auch. Die alte Boulevard-Weisheit, nach der „Hund beißt Mann“ ohne Belang , aber „Mann beißt Hund“ eine Schlagzeile wert ist, hat gerade in Hamburg eine Erweiterung erfahren. „Wolf beißt Frau“ ist neben einem 13-Jährigen, der knapp eine blutige Messerattacke auf dem Schulhof überstanden hat, eines der Haupt-Lokalthemen in der Hansestadt.
Das ist passiert: Seit Tagen streift ein Wolf durch das Stadtgebiet. Losgelöst von seinem Rudel sucht er ein neues Revier. Unglücklicherweise hat er sich dazu den belebten Stadtraum ausgewählt. Dabei ist der Hanse-Stadtstaat für eine Großstadt durchaus waldreich: Hamburg hat insgesamt 5.362 Hektar Wald, was etwa 5,6 Prozent der gesamten Stadtfläche ausmacht. Die Wälder sind ökologisch vielfältiger geworden – die großen Nachkriegsaufforstungen mit Kiefern und Fichten werden seit den späten 1980er Jahren schrittweise in Mischbestände umgewandelt.
Der Wolf, der lieber shoppen ging
Doch der Wolf, um den es hier geht, er mochte nicht im gesunden Öko-Forst sein Leben fristen und auf ein gelegentliches Rotkäppchen warten. Dieser Isegrim ging lieber shoppen. Im Einkaufszentrum in Altona spazierte er durch die automatische Glastür, fand bei H&M und Douglas nichts Passendes und suchte wieder den Ausgang. Unglücklicherweise traf er dabei auf eine viel zu nette Dame, die im Wolf nicht das Wildtier erkannte, sondern eher das zahme Haustier, hundesteuerpflichtig und kastriert.
Gerade als sie Meister Isegrim freundlich den Weg zum Ausgang durch die Glastür erklärte, wurde der zornig. Die Rolle des Zuhörenden gefiel dem Hamburger Wolf überhaupt nicht. Aufmerksamkeitsspanne gering, Zündschnur kurz: Er biss die Frau einfach ins Gesicht, blutend fiel sie zu Boden. Der Wolf kümmerte sich nicht um sein Opfer, lief noch ein paar Mal verwirrt gegen die geschlossene Glastür, bis diese sich endlich öffnete, und verschwand. Der Frau musste die Unterlippe genäht werden. Alles wieder in Ordnung: Beim nächsten Rendezvous könnte sie ihren Wolf sogar küssen.
Am Jungfernstieg konnte der graue Flaneur mit Apple Store und Wempe-Rolex nichts anfangen und stieß auf starke Polizeikräfte, die inzwischen in Mannstärke angerückt waren. Angesichts der schwarzen, bewaffneten Schutzmänner sprang der Wolf am Alstercafé panisch ins eiskalte Wasser, wurde mit einer Rettungsangel rausgefischt, vom Veterinär mit Betäubungsschuss außer Gefecht gesetzt und in den Hamburger Tierpark Klövensteen verbracht.
200 Gewaltopfer im letzten Jahr
Umweltsenatorin Katharina Fegebank gab gleich eine Wolfs-Pressekonferenz. Die Wolfs-Zukunft ist danach ungewiss. Bei einer Auswilderung fürchtet die Zweite Bürgermeisterin, dass das Tier zum Wiederholungstäter werden könnte und nächstes Mal eine Kita oder Schule für seinen Ausflug wählt. Dass dort inzwischen auch der Mensch selbst dem Menschen zum Wolf geworden ist, erwähnte sie nicht.
Der shoppende „Wolf im Stadtgebiet", der freundliche Frauen, denen ihre Fluchtinstinkte abhandengekommen sind, einfach in die Lippe beißt, dürfte die Ausnahme sein. Das wird sich selten wiederholen und kann durch geeignete Maßnahmen eines Wolfsprogramms mit geregelter Bejagung verhindert werden.
Das Problem der messerstechenden Kinder an Hamburger Schulen bleibt uns dagegen vorerst erhalten. Unter den über 200 Gewaltopfern im letzten Jahr waren neben Schülern auch Schulmitarbeiter. Knapp die Hälfte aller Gewalttaten registrierten Hamburgs Stadtteilschulen, obschon dort nur 27 Prozent aller Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Die Zahl der Tatverdächtigen stieg bei den Fünf- bis Neunjährigen (!) um 170 Prozent, bei den Zehn- bis 13-Jährigen um rund 78 Prozent und bei den 14- bis 17-Jährigen um 146 Prozent.
Die Politik sucht sich gerne boulevardeske Themen
Sich um die Wölfe zu kümmern, ist wichtig. Noch wichtiger als die Wölfe sind aber die Kinder, die bitte nicht weiter zu brutalen Wolfskindern werden mögen. Leider sucht sich die Politik für öffentliche Auftritte gern boulevardeske Themen. Und vernachlässigt solche, die dringend angegangen werden müssten, aber nur sehr schwer zu lösen sind.
Der Prophet Jesaia beschrieb im Alten Testament seine Vision eines Friedensreiches so: „Der Wolf wird beim Lamm wohnen, und der Leopard wird beim Böcklein lagern; Kalb und Junglöwe und Mastvieh werden zusammen sein, und ein kleines Kind wird sie treiben." Weder Wölfe noch Kinder mögen derzeit dem Propheten folgen. Lasst uns beten.
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