Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung In der Ostsee gestrandet

Der Wal von Wismar: Sind wir wie Jona?

Der Wal konfrontiert uns auf dramatische Weise mit der Unvereinbarkeit von menschlicher Tierliebe und der unerbittlichen Gewalt von Ereignissen zwischen Natur und Zivilisation.
Wal von Wismar
Foto: IMAGO/Susanne Hübner, Susanne Huebner (www.imago-images.de) | Der Wal von Wismar, er wird sterben. Und wir als Publikum, die sich von ihm verschlingen ließen, bleiben, ausgespien wie Jona, hilflos zurück.

Der Wal in der Ostsee ist wieder gestrandet. Und erneut verschlingen wir die Nachrichten über sein langes Sterben. Als so prächtige wie schwer verletzte Kreatur zieht uns der 15 Tonnen schwere Wal in seinen Bann – und verschlingt unsere Aufmerksamkeit. Als Publikum mit unserer Anteilnahme zwischen Sensationslust und Mitleid, Schauder und Trauer. Es wird nun keine, ohnehin zweifelhafte, Rettungsaktion mehr geben.

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Der Wal konfrontiert uns auf dramatische Weise mit der Unvereinbarkeit von menschlicher Tierliebe und der unerbittlichen Gewalt von Ereignissen zwischen Natur und Zivilisation. Der Wal ist das mutmaßlich irrgeleitete, majestätische Exemplar einer Jahrmillionen alten Spezies und kontrastiert kaum fassbar zu unserem nur 150 Jahre alten Industriezeitalter, das das Antlitz des Planeten komplett verändert hat. Land und Meer sind geprägt vom Anthropozän, der Mensch hat überall seine Spuren hinterlassen. Alle scheinbar wissende Kontrolle, der wir uns oft rühmen, sie ist Illusion. Die Rätsel werden nicht weniger, sondern mehr.

Wollte der Wal nur eine stille Bucht zum Sterben suchen?

In diesem Fall: Wollte der Wal, wie es manche Wissenschaftler vermuten, nur eine stille Bucht zum Sterben suchen? Oder haben ihn die Meeres-Soundgewitter des technischen Zeitalters ins Verderben geführt? Wer etwa schon eine Ostsee-Nacht auf Rügen oder Usedom unweit des Strandes verbracht hat, erinnert sich an das Brummen der großen LNG-Frachter, das man bis ins Hotelbett spürt.

Allein dieses kleine Beispiel zeigt, was auf den Meeren, vor allem in Küstennähe, los ist. Die feinen Sinnesorgane von Meeressäugern und Fischen, ihre Erbinformationen zu Wanderrouten und Strömungen im Kreislauf der Natur, sind diesen Einflüssen nicht gewachsen. Der Wal vor Wismar ist nur ein Beispiel. Ständig kommt es zu rätselhaften Verhaltensweisen, weitaus größer in ihren Auswirkungen. Eine kleine Auflistung aktueller Ereignisse ist mehr als beunruhigend:

• Massenstrandung in Tasmanien (Februar 2025): Über 150 kleine Schwertwale sind an einem abgelegenen Strand in Tasmanien gestrandet, viele davon starben innerhalb weniger Stunden.
• Gestrandete Grindwale in Neuseeland (Dezember 2024): Dutzende von Langflossen-Grindwalen wurden in einer Bucht in Neuseeland gefunden.
• Sterben der Nordatlantischen Glattwale (2024/2025): Diese Art gilt als vom Aussterben bedroht, mit weniger als 350 verbliebenen Tieren. Immer wieder sterben Tiere durch Kollisionen mit Schiffen oder Verheddern in Fischereileinen, was besonders während der Kalbungssaison besorgniserregend ist.
• Rätselhaftes Grauwalssterben (2023/2024): Im Ostpazifik gab es ein massives Sterben von Grauwalen, das vermutlich mit Nahrungsmangel im arktischen Lebensraum zusammenhängt.
• Schweinswale in Nord- und Ostsee: Die Bestände, insbesondere in der Ostsee, sind durch Stellnetze (Beifang) und Unterwasserlärm stark gefährdet, was zu einem schleichenden Sterben führt.

Im Bemühen um die Bewahrung einer göttlichen Schöpfung

Der Wal von Wismar, er wird sterben. Und wir als Publikum, die sich von ihm verschlingen ließen, bleiben, ausgespien wie Jona, hilflos zurück. Unsere Welt ist Ninive, wir müssen es aussprechen. Nicht als Öko-Romantiker in ideologischer Verblendung, sondern als Christen im Bemühen um die Bewahrung einer göttlichen Schöpfung – und was davon noch geblieben ist.

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Henry C. Brinker

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