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Sterben, um zu leben

Zahllose philosophische Theorien ringen mit der Tatsache des Todes. Doch nur das Christentum weiß, dass der Tod in Kauf genommen werden muss, um ihn zu überwinden.Zahllose philosophische Theorien ringen mit der Tatsache des Todes. Doch nur das Christentum weiß, dass der Tod in Kauf genommen werden muss, um ihn zu überwinden.
Gemälde von Jacques-Louis David (1787)
| Der Philosoph Sokrates: Sinnbild des souveränen Umgangs mit dem drohenden Tod. Gemälde von Jacques-Louis David (1787).

Im Laufe der Kindheit begreift der Mensch, dass auch er irgendwann einmal sterben wird. Mit der Einsicht in die eigene Endlichkeit beginnt in der Regel auch die Angst vor dem Tod. Selbst einmal nicht mehr zu existieren, ist streng genommen unvorstellbar, solange man noch da ist, um es sich vorzustellen. Und dennoch erfüllt uns der Gedanke an das eigene Nicht-mehr-Sein mit Schrecken. Das Bewusstsein des eigenen zukünftigen Todes ist ein existenzieller Schock, eine derart gewaltige Herausforderung, dass das Philosophieren selbst als die Kunst beschrieben worden ist, sterben zu lernen. In der Tat hat die abendländische Philosophie eine Reihe unterschiedlicher Strategien entwickelt, wie mit der Sterblichkeit umzugehen ist, das heißt: wie angesichts des bevorstehenden Todes zu leben sei. Lässt sich die Angst vor dem Tod überwinden? Oder – noch kühner gefragt – lässt sich nicht doch sogar der Tod als solcher überwinden?

Vom richtigen Umgang mit dem Tod während des Lebens

Im antiken Griechenland entwickelte Epikur ein bis heute bekanntes Argument, um dem Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen: Solange ich existiere, ist mein Tod nicht, sobald mein Tod da ist, bin ich nicht mehr. Mein eigener Tod betrifft mich daher nicht, er ist ein Nichts, das mich nichts angeht. Das ist scharfsinnig formuliert, riecht aber nach Sophismus. Jedenfalls verfehlt das Argument Epikurs seine therapeutische Wirkung. Wer hätte sich auf dem Sterbebett je mit diesem Gedanken getröstet?

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Im 20. Jahrhundert stellte Martin Heidegger die These, unser Tod gehe uns nichts an, gewissermaßen auf den Kopf: Der Tod sei die äußerste Grenze all der Möglichkeiten, die wir in unserem Leben ergreifen können. Er sei, so Heidegger in paradoxer Wendung, die „Möglichkeit der schlechthinnigen Daseinsunmöglichkeit“. Worauf es nach Heidegger ankommt, ist der richtige Umgang mit dem Tod während unseres Lebens: Nur wer das Leben im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit bestreitet, kann es als ein Ganzes ergreifen und gestalten. Bei Heidegger klingt eine gewisse Todesverklärung an, die nicht untypisch ist für die Moderne: Aus dem Annehmen der eigenen Sterblichkeit soll der Mensch Sinn schöpfen; der unausweichliche Tod mache das Leben gerade so einzigartig und kostbar.

Der Tod ist die Trennung der Seele vom Leib

Doch auch diese philosophische Beruhigungspille dürfte bei den wenigsten Normalsterblichen anschlagen. Sie spüren, hoffen oder fürchten, ja wissen, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird. Philosophisch untermauert hat diese Intuition schon Platon: Der Tod ist nicht etwa unser völliges Nichtsein, sondern bloß die Trennung der Seele vom Leib. Die zur Vernunft fähige Seele des Menschen aber kann auch unabhängig vom Körper fortbestehen und ist in diesem Sinne unsterblich, wie Sokrates im platonischen Dialog „Phaidon“ darlegte. Darauf deutet mehreres hin, nicht zuletzt die Fähigkeit des Menschen, sich im Denken und Erkennen über Materielles und Vergängliches, über Raum und Zeit zu erheben und das Bleibende und Wesentliche einzusehen. Wäre es zudem nicht ein unmöglicher Widerspruch, wenn gerade dasjenige am Menschen, das aus einem Körper einen lebendigen Organismus macht, selbst unlebendig würde?

Der Gedanke, dass der Körper des Menschen vergänglich, seine Seele aber unvergänglich ist, wird in der materialistischen Gegenwart ins Gegenteil verkehrt. Die Sehnsucht nach einem ewigen Leben drückt sich hier in allerlei trans- und posthumanistischen Unsterblichkeitsphantasien aus: von einer stetigen Erneuerung und Instandhaltung des menschlichen Leibes durch Nanoroboter bis hin zur Vorstellung, man könnte den eigenen Geist (oder doch wohl eher nur die biochemische Signatur des Gehirns) in eine „Cloud“ hochladen und damit vom biotischen auf einen digitalen Träger wechseln. Sind derartige Verlängerungen des Lebens aber, sofern sie überhaupt jemals über den Status eines Techno-Hirngespinstes hinausgelangen könnten, überhaupt wünschenswerte Formen der menschlichen Fortexistenz? Schon die Vorsilben der Begriffe „Trans-„ und „Posthumanismus“ zeigen ja an, dass das Menschliche überschritten oder gar ganz abgestreift werden soll. Überhaupt: Ist die Vorstellung, endlos im Diesseits gefangen zu sein, auf Erden wandeln zu müssen, nicht eine Horrorvorstellung? Die Literatur hat den Schrecken eines ewigen irdischen Lebens vielfach ausbuchstabiert, von Simone de Beauvoirs Roman „Alle Menschen sind sterblich“ (1946) über Jorge Luis Borges’ Erzählung „Der Unsterbliche“ (1947) bis hin zu Anne Rices Bestseller „Gespräch mit dem Vampir“ (1976).

Es gibt nun aber einen philosophischen Ansatz, der sowohl der Unsterblichkeit der vernunftbegabten Seele als auch dem Wunsch nach körperlichem Fortbestehen als auch der sinnstiftenden Funktion der todesbedingten Endlichkeit des Menschen gerecht werden kann. Gemeint ist die christliche Philosophie, wie sie sich paradigmatisch bei Augustinus und vor allem bei Thomas von Aquin findet. Die menschliche Seele ist, wie Platon richtig gesehen hat, unsterblich. Der Tod ist also nur die Trennung von Körper und Seele. Und doch ist diese Trennung schreckenerregend, weil der Mensch seiner Natur nach eben nicht nur Seele, sondern beseelter Leib ist. Die Körperlichkeit gehört zum Wesen des Menschseins dazu. Das ist eine Einsicht, die die christliche Philosophie Aristoteles, dem kritischen Schüler Platons, verdankt. „Anima mea non est ego“ – „Meine Seele ist nicht ich“, heißt es bei Thomas von Aquin. Als Einheit von Körper und Seele hofft der Mensch daher auch auf ein leibliches und nicht rein geistiges ewiges Leben.

Die Wahrheitsquelle der Offenbarung

Nicht aus eigener Kraft des Nachdenkens, nicht durch die „natürliche Vernunft“, sondern nur durch die zusätzliche Wahrheitsquelle der göttlichen Offenbarung kann der Mensch nun zu der Einsicht gelangen, dass er tatsächlich zu der erhofften leibhaften Existenz ohne Tod gelangen kann. Der Weg dorthin führt aber über die Nachahmung des menschgewordenen Gottes Jesus Christus, der zunächst am Kreuz gestorben ist, bevor er im Fleische auferstanden ist. So muss auch der Mensch zunächst sterben, bevor er mit einem neuen, lichteren Leib auferstehen kann. So bewahrheitet sich in gewissem Sinne auch der Gedanke Heideggers, der Tod sei der Ganzmacher der menschlichen Existenz. Was aber da mit dem Tod ganz geworden ist, tritt ein in die unvergängliche Fülle des ewigen Lebens. Dieses wiederum ist das unvergängliche Leben in der Präsenz Gottes, aber nicht als unstoffliche Seele, sondern mit einem neuen, für uns jetzt noch gänzlich geheimnisvollen Auferstehungsleib.

Damit vollendet sich auf noch herrlichere Weise, was Gott für den Menschen ursprünglich vorgesehen hatte: In der Materialität des Leibes von Adam und Eva lag ihre prinzipielle Vergänglichkeit beschlossen. Das Sterbenkönnen war so gesehen von Anfang an Teil der Natur des Menschen. Nur durch ein zusätzliches Gnadengeschenk Gottes, die Theologie spricht von einer „praeternaturalen Gabe“, wurde der Tod des Menschen ausgesetzt. So bestand vor dem Sündenfall aber nur die Möglichkeit, nicht zu sterben (posse non mori), wenn der Mensch nicht gesündigt hätte. Daraus wurde nach dem Sündenfall die Unmöglichkeit, nicht zu sterben (non posse non mori). Durch die Auferstehung Christi weiß der Mensch erst von der ihm verheißenen Unsterblichkeit, die selbst den Zustand des ersten Paradieses übertrifft: die Unmöglichkeit zu sterben (non posse mori). Zum ewigen Leben gelangt man aber nicht durch das Festhalten am Diesseits, sondern durch die Bereitschaft, dem Weg des Kreuzes zu folgen und das Tal des Todes in der Nachfolge Christi zu durchschreiten.

Themen & Autoren
Sebastian Ostritsch

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