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Ich bin dem Sterben dankbar

Dasein, Zuhören, Mittragen: Sterben besteht nicht nur aus Schmerz und Abschied, sondern auch aus den intensiv gelebten Augenblicken des Alltags. Erfahrungen eines ehrenamtlichen ambulanten Hospizhelfers.
Sterbebegleitung
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | „Ich begleitete nicht nur Menschen in den letzten Tagen oder Stunden. Zu meinen Aufgaben gehörte auch die Begleitung Schwerkranker, die wussten, dass ihre Lebenszeit begrenzt war und die dennoch noch Kraft für einen ...

Zu meinen Aufgaben als ehrenamtlicher ambulanter Hospizhelfer gehörte vieles, was von außen unscheinbar wirkte. Ich kaufte Milch, Brot und ein paar Äpfel. Ich saß zwei oder drei Stunden an einem Bett, damit eine erschöpfte Ehefrau kurz Luft holen, eine Tochter einen Kaffee trinken oder ein Sohn vor die Tür gehen konnte. Bisweilen schwieg ich einfach und blieb. Gerade in diesem Unspektakulären lag und liegt der Wert dieses Dienstes.

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Von 2004 bis 2007 war ich in der Pfalz als ehrenamtlicher Hospizhelfer in der damaligen ökumenischen Sozialstation Südliche Weinstraße tätig, dem heutigen Ambulanten HospizZentrum Südpfalz. Ich arbeitete in der aufsuchenden Hospizarbeit und begleitete Sterbende dort, wo ihr Leben stattfand. Dazu zählten Wohnungen, Familien, bisweilen auch die Klinik. Das Sterben geschah mitten im Alltag, zwischen Küchentisch und Wohnzimmer, zwischen Sorge und der Müdigkeit vieler Nächte.

Sterben ist ein zutiefst menschliches Geschehen

Sterben ist ein zutiefst menschliches Geschehen. Es betrifft den Körper. Doch ebenso berührt es die Seele, die Beziehungen, die Erinnerungen, die Angst, die Hoffnung und den Glauben. Gegen die Furcht vor dem Sterben hilft zuerst Gegenwärtigkeit, die bisweilen leise, sehr leise Erfahrung, dass einer da ist und nicht weicht.

Ich begegnete alleinstehenden und einsamen Menschen. Ich begegnete anderen, die von Partnern, Kindern, Enkeln, Nachbarn und Freunden umgeben waren. Fast immer waren auch die Angehörigen mit im Raum. Sie waren besorgt, überfordert, tapfer, liebevoll, erschöpft. Meine Aufgabe war es, Ansprechpartner, Unterstützer und Begleiter zu sein, für den Sterbenden ebenso wie für jene, die ihn liebten und mit ihm durch diese letzte Zeit gingen.

Das Meiste davon ist, wie gesagt, sehr konkret. Ich erledigte Einkäufe, damit Angehörige für einen Augenblick entlastet waren. Ich blieb am Bett eines Kranken, damit andere kurz hinausgehen konnten. Ich hörte zu.

Ich habe gelernt, dass Zuhören eine Kunst ist. Wirkliches Zuhören drängt sich nicht vor. Es kommt nicht sofort mit Deutungen, raschen Ratschlägen oder Sätzen daher, die mehr verletzen als tragen. Es verzichtet auf falschen Trost und auf fromme Vertröstung. Zuhören heißt oft, Stille, Schmerz und Hilflosigkeit gemeinsam auszuhalten. Für mich als Christen lag darin auch persönlich eine prägende Erfahrung.

Alltäglichkeiten behalten kaum zu unterschätzendes Gewicht

Ich begleitete nicht nur Menschen in den letzten Tagen oder Stunden. Zu meinen Aufgaben gehörte auch die Begleitung Schwerkranker, die wussten, dass ihre Lebenszeit begrenzt war und die dennoch noch Kraft für einen kleinen Ausflug oder einen Spaziergang hatten. Besonders deutlich vor Augen steht mir bis heute ein alleinstehender Mann mit fortgeschrittenem Krebs. Er wollte zu Hause bleiben und wurde von Angehörigen versorgt. Seine große Leidenschaft galt dem Fußballverein 1. FC Kaiserslautern. Sein Herzenswunsch war eine Führung durch das Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg und die Begegnung mit der Mannschaft. Ich nahm Kontakt zum Verein auf und konnte eine Führung organisieren. Als ich ihm davon erzählte, strahlte sein Gesicht auf. Dann sagte er leise, er sei inzwischen zu schwach. Zwei Wochen später starb er.

Äußerlich betrachtet blieb dieser Wunsch unerfüllt. Und doch empfinde ich diese Geschichte als Gelingen. Bis heute glaube ich, dass bereits die Erfahrung, mit seinem Wunsch gesehen und ernst genommen zu werden, für diesen Mann tröstlich war. In diesem Augenblick war er nicht bloß ein Kranker. Er war ein Mensch mit einer Geschichte, mit Sehnsüchten, mit Erinnerungen und Leidenschaften, also alles das, was die Würde dieses Menschen ausgemacht hat.

Überhaupt habe ich in der Hospizarbeit gelernt, dass das Sterben nicht allein aus Schmerz und Abschied besteht. Alltäglichkeiten behalten ein kaum zu unterschätzendes Gewicht. Ein Blick aus dem Fenster. Eine Tasse Kaffee. Eine geteilte Erinnerung. Ein gemeinsames Schweigen. Ein Satz, der noch gesagt werden will. Mitunter sogar ein Lachen.

Versöhnung mit dem eigenen Leben

Ein weiteres wichtiges Thema, das mir immer wieder begegnet ist, ist die Versöhnung mit dem eigenen Leben, was Sterbende umtreibt. Nicht immer gelingt sie. Etwas anderes zu behaupten, wäre unehrlich. Es gibt alte Verletzungen, die bleiben. Es gibt Bitterkeit, die auch im Angesicht des Todes nicht einfach verschwindet. Gerade dann braucht es Sensibilität und Zurückhaltung. Ein Hospizhelfer darf nicht urteilen, sich in Familienverhältnisse einmischen oder gar Versöhnung von außen erzwingen wollen. Wo Versöhnung jedoch möglich wird, mit dem eigenen Leben, mit nahen Menschen, vielleicht auch mit Gott, dort habe ich einen großen Frieden bei den Menschen gespürt.

Für mich war diese Arbeit auch nie nur ein Geben. Ich habe von den Sterbenden und ihren Angehörigen viel empfangen. Ich habe gelernt, genauer hinzuhören, und wie schlicht und alltäglich christliche Nächstenliebe praktisch gelebt werden will, damit sie etwas verändert. Sie zeigt sich nicht zuerst in großen Worten, in Aktivismus, sondern in zugewandter Präsenz, im Aushalten, im Bleiben. Dadurch haben sich auch mein Glaube und mein Blick auf die Bibel verändert. Seit jener Zeit lese ich die Geschichten Jesu anders. Ich lese sie als Geschichten einer radikalen Zuwendung. Jesus weicht dem Leid nicht aus. Er bleibt den Menschen nahe. Für mich ist die Botschaft von der Erlösung seither enger mit dieser Erfahrung verbunden. Erlösung beginnt dort, wo ein Mensch nicht allein bleibt.

Dass ich diesen Dienst tun konnte, verdankte ich auch der ausgezeichneten Begleitung durch das Ambulante HospizZentrum Südpfalz. Der Dienst der Kirchen ist hier kaum zu überschätzen. Ausbildung, regelmäßige Supervision und die Gemeinschaft der Hospizhelfer waren von unschätzbarem Wert.

Was aus dieser Zeit geblieben ist, lässt sich für mich in einen einfachen Gedanken fassen. Das Entscheidende unseres Lebens ist das Da-Sein, Zuhören und Mittragen. Das erkannt zu haben, danke ich den Sterbenden, ihren Familien und dem Ambulanten HospizZentrum Südpfalz.


Der Autor ist Pressesprecher des Internationalen Katholischen Hilfswerks Missio in Aachen.

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