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Beim Hirseschnaps trifft Léhar auf Laotse 

In Shanghais deutscher Partnerstadt Hamburg lud der chinesische Generalkonsul zum Neujahrsempfang mit viel Kultur. 
In China trinkt man bei besonderen Anlässen gern Hochprozentiges. Beim Neujahrsempfang in Hamburg zum beginnenden Jahr des Pferdes gab es Moutai.
Foto: Brinker | In China trinkt man bei besonderen Anlässen gern Hochprozentiges. Beim Neujahrsempfang in Hamburg zum beginnenden Jahr des Pferdes gab es Moutai.

2026 ist nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Pferdes. Energie und Freiheitsdrang verbinden sich mit dem wilden Pferd, und die Chinesen lieben es, die Jahrestiere in Bezug auf das neue Jahr behutsam spekulierend als Horoskop zu deuten. Deshalb durfte man gespannt sein auf den chinesischen Neujahrsempfang vor 500 Gästen an der Hamburger Rothenbaumchaussee. Chinesen sind freundlich; das „Land des Lächelns“ ist nicht nur ein Operettentitel. 

Um es vorwegzunehmen: Spannende, gar konfliktträchtige Pferd-Assoziationen blieben aus. Harmonie war angesagt. Das chinesische Generalkonsulat in Hamburg meinte es von Beginn an besonders gut mit seinen Gästen zum Neujahrsfest, das am 17. Februar begann und am 3. März endet. Schließlich ist die Hafenstadt Hamburg als Partnerstadt von Shanghai so etwas wie ein europäischer Außenposten. 

Wenn in Deutschland bei besonderen, offiziellen Anlässen gern Sekt aus besten Lagen serviert wird, gibt es bei den Chinesen Hochprozentiges: Moutai. Kaum ein Getränk trägt so viel staatstragende Aura in sich wie Moutai mit seinen 53 Umdrehungen. Der klare Schnaps aus der südchinesischen Provinz Guizhou wirkt auf den europäischen Gaumen zunächst wie ein Drink aus einer anderen Welt: Ist da Sojasoße im Spiel? Fast richtig. Denn Moutai wird aus Sorghumhirse gebraut und reift bei offenem Gärprozess jahrelang in speziellen Keramikgefäßen. In China ist der Drink ein Statussymbol und große Geste: wertvolles Geschenk und Begleiter diplomatischer Bankette, eine flüssige Visitenkarte aus dem Reich der Mitte für fast 200 Euro die Flasche. 

Ein chinesischer Flügel Marke „Kayserburg“ 

Wie der Begrüßungscocktail atmet der ganze Empfang den Stolz der Großmacht auf sich selbst. Am Eingang liegen in Cellophan verpackte, dicke Bücher des großen Staatspräsidenten Xi Jinping aus, eine Art Mao-Bibel der neuen Zeit als Give-away. Die Hersteller BYD und Lynk sind mit ihren neuesten Automodellen vertreten; sogar der Flügel der Marke „Kayserburg“, auf dem später der Pianist Haiou Zhang Wiener Klassik spielt, stammt aus China, produziert mit deutschem Know-how in der Tradition des Klavierbauers Schimmel. 

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Die entscheidenden Bauteile wie die Röslau-Saiten oder die Renner-Hammermechanik kommen noch aus Deutschland. Es herrschen Lieferketten wie beim Auto mit Hybridantrieb, wo kundige Experten schnell die roten Brembo-Bremssättel aus Italien und die typische Getriebekonfiguration der Zahnradfabrik Friedrichshafen identifizieren. Die Repräsentanten der Marken sind stolz auf diese Synergien globaler Kooperation, zeigen sie doch, wie China klug die besten Komponenten des Weltmarkts für die Entwicklung hochwertiger und oft schon überlegener Industrieprodukte nutzt. Fast vergisst man, dass China mit seiner wirtschaftlichen Wachstumsorientierung von der Kommunistischen Partei regiert wird. 

Generalkonsul Lin Dong, ein verbindlich und vornehm auftretender Diplomat, beschwört in seiner Rede einen Fortschritt ohne Brüche, Partnerschaft ohne Konflikt und Zukunft ohne Schatten. Besonders wichtig sei die Kultur.  China als der ruhig stehende Stern über einer unruhigen Welt — die Rede vertrug sich bestens mit der wärmend-dämpfenden Wirkung der 53 Volumenprozente im Moutai-Schnaps. Im Jahr des wilden Pferdes gibt sich der oberste Chinese in Hamburg als ein wahrer Pferdeflüsterer. 

Das wilde Pferd blieb unpolitisch 

Auf eine Ansprache des Hamburger Ersten Bürgermeisters wartete der Saal im Elysée-Hotel vergeblich; stattdessen sprach Michaela Peponis. Die Staatsrätin für Bildung und Familie schien die unverfänglichste Lösung zu sein, um einer prekären Ausgangslage diplomatisch unauffällig gerecht zu werden. Denn Hamburg hat Ärger mit China. Der berüchtigte Geheimdienst überwache Landsleute, und nachgewiesene Wirtschaftsspionage belaste die Beziehungen, so hört und liest man. Niedersachsen und Schleswig-Holstein waren gar nicht live vertreten und schickten eher peinliche Videobotschaften der jeweiligen Landtagspräsidentinnen. Alles Gute und die besten Wünsche fürs neue Jahr an die Familien in der chinesischen Heimat. 

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Das wilde Pferd in seiner horoskoptypischen Mehrdeutigkeit war nur ganz allgemein Thema in allen Grußworten. Zwischenstaatliche Probleme, die das Pferd signalisieren könnte, wurden allenfalls laut beschwiegen. 2014 war das letzte Jahr des Pferdes; damals trat es bedrohlich nach hinten aus. Es war der Beginn von Xis sogenannter „neuer Ära“ mit zentralistischem Kurs und Internetzensur. In Hongkong fanden die berühmten Schirm-Proteste gegen die Zentralgewalt in Peking statt, im Südchinesischen Meer gab es Spannungen mit Vietnam und den Philippinen. Und Russland besetzte mit Pekings leiser Zustimmung die Krim.  Nach den Reden wurde es auf der Bühne unterhaltsamer. Es zeugt vom unerschütterlichen Selbstbewusstsein der chinesischen Gastgeber, dass sie ausgerechnet eine tibetische Tanzgruppe auftreten ließen: Seht her — tibetische Kultur, niemand soll sich beschweren. 

Der Pianist Haiou Zhang, in Deutschland ausgebildet, beeindruckte mit dem prachtvollen ersten Satz aus Beethovens „Waldstein“-Sonate, die der Komponist unmittelbar vor seiner Freiheitsoper „Fidelio“ schrieb. Ob danach feine Ironie der Sopranistin Lilly Baumgartner und ihres chinesischen Gesangspartners Chen Zuolong im Spiel war, als sie sich singend zur Musik von Franz Léhar im Walzerschritt wiegten? Einige wenige aufmerksame Gäste, die noch nicht zu viel vom guten Hirseschnaps genossen hatten, werden sich das gefragt haben. Denn der Titel des berühmten Duetts lautet: „Lippen schweigen …“ Léhar traf auf Laotse: „Wer weiß, spricht nicht; wer spricht, weiß nicht.“ 

 Ende März reist Bundeskanzler Friedrich Merz in die Volksrepublik. Man wird miteinander sprechen müssen.

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