Die Gegenwart hält sich für aufgeklärt und feiert ihre nahezu unbegrenzten Informationsressourcen. Doch Information ist weder Erkenntnis noch vernünftige Einsicht. Während die Daten triumphieren, büßt die Urteilskraft ein, und das Wissen degeneriert zu einer bloß abrufbaren Größe, auf die der Mensch lediglich reagiert, statt sie zu prüfen und zu verstehen. So formt sich jene neue Gestalt des Individuums, die man als „Homo receptivus“ bezeichnen könnte: ein Subjekt als Empfänger ohne innere Formkraft. Die Algorithmen strukturieren nahezu die gesamte Wahrnehmung, ordnen Relevanzen, antizipieren Interessen. Das Urteil wird vorgeprägt, die Perspektive kanalisiert, der Horizont technisch gerahmt. Was als Effizienzsteigerung ...
Der Mensch als Empfangsgerät
Scrollen und Swipen formen unsere Urteile und Horizonte und führen in eine anthropologische Krise.
