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Elisabeth Langgässers kurzes und schwieriges Leben

Ungebändigtes Naturkind und Dichterin des christlichen Existenzialismus: Über Elisabeth Langgässers kurzes und schwieriges Leben.

In die eindrucksvolle Gilde christlich geprägter Dichter und Schriftsteller der Nachkriegszeit gehört nicht als Letzte die Rheinhessin Elisabeth Langgässer (1899–1950), die einem innerlich zerrissenem und gesundheitlich stets angeschlagenem Leben mythisch anmutete Gedichte und ehedem vielgelesene Romane abgerungen hat.

Ihr Driften zwischen den Welten – dem Judentum des Vaters und der soliden Katholizität der Mutter, der heidnisch-orgiastischen Bilderwelt, die sie in sich aufsteigen sah und der sie Ausdruck zu verleihen versuchte und einem doch ungebrochenem Gottvertrauen, in das sie sich geradezu stürzte – ihre ungeheure, kaum zu zügelnde Sprachgewalt macht sie eigentlich auch heute noch zu einer Autorin, die mit Gewinn zu lesen ist: Eigentlich – denn ein Gleiches gilt auch für Schaper, Bergengruen, Sigrid Undset, Bernanos und so viele andere, deren Werke einmal in jeder bürgerlichen Büchersammlung anzutreffen waren.

Biographie über Elisabeth Langgässer

Umso verdienstvoller ist es, dass nun eine Biographie das Leben der an den Folgen der Multiplen Sklerose (MS) mit 51 Jahren gestorbenen Schriftstellerin dem Vergessen zu entreißen versucht.

Deren Autorin Sonja Hilzinger hat sich bereits mit einer Lebensbeschreibung Anna Seghers, mit der Langgässer bekannt und sogar befreundet war, hervorgetan und gilt als Expertin für Biographien von Schriftstellerinnen.

Ihr fast 500seitiges Buch über Elisabeth Langgässer beeindruckt aus vielen Gründen – und doch legt man es mit gemischten Gefühlen aus der Hand: Zum einen ist es schlicht und einfach zu lang – und das liegt an den zahlreichen Exkursen, die der Autorin nötig zu sein scheinen. In wohlmeinender Absicht wird man seitenweise belehrt über andere Schriftstellerinnen (vor allem über diese) und Schriftsteller, auch wenn der Bezug zu Langgässer dürftig ist. Fast scheint es, die Autorin wolle eine Gesamtgeschichte neuerer deutscher Autorinnen aus ihrem erklärt feministischem Blickwinkel liefern. Das geht weit über die notwendige Einordnung des Forschungsgegenstandes hinaus, die jede ernstzunehmende Biographie auszeichnet und führt bei den auch auf allgemeinhistorische Vorgänge zielenden Anmerkungen zu nicht wirklich neuen Erkenntnissen wie:

„In der nationalsozialistischen Ideologie spielte der Antisemitismus von Anfang an eine zentrale Rolle“.

So ist es, aber wer zu diesem Buch über eine leider vergessene deutsche Schriftstellerin jener Zeit greift, weiß das. Dass, nebenbei bemerkt, Nationalsozialismus und Faschismus mehrfach in gleicher Bedeutung verwendet werden, ist man ja leider schon gewohnt.

Bekenntnis zum katholischen Glauben

Der pädagogische Impetus, der bei Sonja Hilzinger zu Tage tritt, lässt sie auch in eigener Sache über ihre „politische Sozialisation in der linken Frauenbewegung während der Siebziger- und Achtzigerjahre“ handeln. Die Verfasserin bekennt sich so gleich in ihren einleitenden Worten dazu, den Menschen Elisabeth Langgässer und deren Werk mit einer bestimmten Brille anzuschauen. Fair auf der einen Seite – und auf der anderen ermüdend: Was das kaum verhüllte Unverständnis von Hilzinger erweckt, ist das durchweg eindeutige Bekenntnis der Dichterin zu ihrem katholischen Glauben, wiewohl sie den braunen Machthabern als „Halbjüdin“ galt. „Religiosität ist in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg vor allem auch unter der jungen Generation verbreitet“, weiß Hilzinger.

Die liturgische Bewegung, die auch die junger Schriftstellerin Langgässer angezogen habe, und einige Jugendbünde hätten „sich als Opposition zu dem in seinen Dogmen erstarrten Katholizismus der offiziellen römischen Kirche verstanden“, heißt es weiter, wofür Guardini, Casel und Herwegen als Kronzeugen angerufen werden. Mal wird diese Kirche antijudaistisch genannt, mal antisemitisch. Wo immer die Kompetenz unserer Biographin liegen mag – was Religion und Kirche angeht, kommt sie über grobe Vereinfachungen nicht hinaus. Wenn sie von der Morallehre der Kirche spricht, fehlt nicht das Beiwort „sinnenfeindlich“, „katholische Orientierung“ geht mit „Doppelmoral“ einher. Dass jemand – wie eben Elisabeth Langgässer – Glied der Kirche ist, an ihr auch leidet und sogar zweifelt und dennoch unbeirrt katholisch ist, weil im inneren Ringen dieser Weg als der gültige erkannt wurde, geht Sonja Hilzinger nur schwer ein.

Ausschluss aus der „Reichsschrifttumskammer“

Ihrer Künstlerrolle wusste sich Langgässer, nach zunächst frustrierenden Erlebnissen als Lehrerin und dann als freie Autorin zeitlebens von Geldsorgen geplagt, in gleicher Leidenschaftlichkeit verpflichtet. Wütend kann sie sich gegen Kritik wehren und greift 1939 – nach dem vorangegangenen Ausschluss aus der „Reichsschrifttumskammer“ – zu einem gewagten Mittel, um das seither geltende Publikationsverbot für sie unwirksam werden zu lassen: Sie behauptet eine aus der mütterlichen Linie herrührende, aber erfundene Verwandtschaft mit dem Bildhauer Christian Friedrich Rauch, verweist auf ihre Ehe mit einem „Mann von rein arischer Herkunft“ und konstruiert sogar eine jüdische Verschwörung gegen sie als Autorin, wie Hilzinger festhält:

Alfred Döblin habe die Vergabe des Staatsbürgerinnen-Preises gegen sie zu verhindern versucht, die (jüdische) Vossische Zeitung und der (jüdische) S. Fischer Verlag hätten ihre Werke abgelehnt“.

Eine reine Erfindung, hier mischen sich Unverschämtheit und Realitätsverlust und zeigen eine wenig angenehme Seite der sich schon fast tollkühn aufführenden Schriftstellerin. Der Vorstoß blieb ergebnislos.

„Das unauslöschliche Siegel“

Und doch, und dennoch – sie hat Großes, Bleibendes geschaffen: Uns Heutigen wird am ehesten noch der Großroman „Das unauslöschliche Siegel“ vertraut sein. Während des Schreibverbotes entstand diese Lebensgeschichte eines jüdischen Konvertiten, die alle großen Themen wie Sünde und Gnade und die schlussendliche Barmherzigkeit Gottes in großer Gestik, gelegentlich der unaufhörlichen Bilderflut fast schon schutzlos ausgeliefert, verhandelt. Die Geschichte einer Lebensreise, in der alle Höllen menschlichen Elends ausgemessen werden, die aber schließlich in der lichten Ewigkeit endet, ein großes Welttheater, in dem Gott und Teufel um die Seele ringen – das war Lesestoff für die unmittelbare Nachkriegsgeneration, die ihr eigenes Schicksal wiedergespiegelt fand.

Joseph Ratzinger hat das Buch seinerzeit mit Bewegung gelesen, wie er Peter Seewald mitteilte.

Gleichzeitig wird klar, dass schon in den 60er Jahren der Stern einer Schriftstellerin, die geradezu unerbittlich das Absolute suchte, zu sinken begann. Mit steigendem Wohlstand sank das Bewusstsein für die letzten Fragen, nahm die Bereitschaft ab, sein Leben als fortwährende Entscheidungssituation zu begreifen – eine Autorin wie Langgässer wirkte bald eher befremdend, verstörend.

Deren Roman, in dem ein Satz wie dieser vorkommt: „Ich halte es für erwiesen, dass in der Zeitlichkeit stets das Böse über das Gute den Sieg davonträgt und der Endsieg über das Böse Gott sozusagen persönlich durch einen Eingriff von oben muss vorbehalten bleiben“, wurde schon bald nach dem Erscheinen 1947 lieber zur Seite gelegt.

Unglaubliche Erlebnisse

Und doch war er wahr, jedenfalls für Elisabeth Langgässer, die Unglaubliches erlebt hatte: Die bereits an MS Erkrankte musste Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik leisten.

Ihre Tochter Cordelia (die älteste von vier Töchtern), unehelich geboren und mit einem jüdischen Vater, galt nach den Nürnberger Gesetzen als „Volljüdin“. In einer abenteuerlichen Aktion erhielt sie 1943 durch Adoption die spanische Staatsbürgerschaft, ohne dass man sie ausreisen ließ. Man kam dem offensichtlichen Rettungsversuch auf die Schliche, ließ das Kind 1944 nach Theresienstadt, schließlich nach Auschwitz deportieren, wo es – kaum zu fassen – überlebte.

Weil Cordelia nach Schweden emigrierte, dauerte es lange, bis die Mutter von ihrem Geschick erfuhr und noch länger, bis sie einander wiedersehen konnten. Die Entfremdung zwischen beiden, die Unfähigkeit der Mutter, nachzuempfinden, was der Tochter widerfahren war (Kann dies eigentlich verwundern?), deren Entscheidung, vom Christenglauben zum Judentum des Vaters zu wechseln, dies alles wird uns geschildert, und zwar mit spürbarer Sympathie für die Tochter. Deren Über-Leben hielt Langgässer in einem ihrer schönsten Gedichte fest, typisch in seiner Erdhaftigkeit:

„Aus dem Reich der Kröte steige ich empor

unterm Lid noch Plutons Röte

und des Totenführers Flöte

grässlich noch im Ohr.“

Seltsam matt klingt dann die Biographie Sonja Hilzingers aus, der Tod der Protagonistin 1950 in Karlsruhe wird eher beiläufig vermerkt. Von da an ist die Tochter, die unter dem Namen Cornelia Edvardson selber zur Schriftstellerin wurde – zu einer bekannteren als ihre Mutter, wie Hilzinger meint – noch einmal Thema.

Es scheint: Zu viel will diese Biographie von Elisabeth Langgässer und scheitert daran, darin vergleichbar vielleicht der Frau, die sie beschreiben will und die einmal (an Hermann Broch) über sich selbst bemerkte:

„Immer wieder versuche ich, alles gleichzeitig auszusagen – eine wahrhaft hybride Anstrengung und doch die eigentliche Möglichkeit, nicht von den ausgelassenen Assoziationen wie von liegengebliebenen Sprengkörpern auseinandergerissen zu werden“.

Keinem von Langgässers Werken ist der Reichtum einer inneren Schau abzusprechen, aber keines erreicht Klarheit der Gestalt – noch eine Parallele zu dieser Lebensbeschreibung. Doch ist man auch für diesen unvollkommenen Versuch – es ist die erste ernstzunehmende Biographie – dankbar, eine bedeutende literarische Figur, die erst posthum mit dem Georg Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, dem unverdienten Vergessen zu entreißen. Das ruft in Erinnerung, dass die deutsche Nachkriegsliteratur nicht erst mit der Gruppe 47 begann, sondern zunächst durch einige wichtige Autoren der älteren Generation wieder Anschluss fand. Zu ihnen gehört Elisabeth Langgässer.

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