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Die Frau, der Übermensch

Nietzsche Reloaded: In „Happy Abortions“ präsentiert sich die australische Gender-Forscherin Erica Millar als eine Meisterin des gefährlichen Denkens. Von Stefan Rehder
Die Frau, der Übermensch
Foto: copyright Christos Georghiou www.christosgeorghiou.com (copyright Christos Georghiou www.christosgeorghiou.com)

Vor wenigen Tagen, am 28. Dezember, feierte die katholische Kirche überall auf der Welt das „Fest der Unschuldigen Kinder“. An diesem Tag gedenkt die Kirche Jahr für Jahr dem Kindermord von Bethlehem: „Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und er ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte“ (Mt 2,16).

Als sehr zornigen Menschen müssen wir uns auch Erica Millar vorstellen. Jedenfalls hat die junge Frau, die derzeit an der australischen Universität Adelaide Gender Studies und Sozialanalyse lehrt, im vergangenen Jahr ein überaus zorniges Buch vorgelegt. Es trägt den Titel „Happy Abortions – Our bodies in the era of choice“. Beworben wird es auf dem Cover mit der Behauptung, bei ihm handele es sich um „ein provokatives und wichtiges Buch, das jeder Abtreibungsbefürworter lesen sollte“.

Das ist – entgegen den üblichen Gepflogenheiten von Werbung – noch ziemlich untertrieben. Denn in Wahrheit handelt es sich bei „Happy Abortions“ (dt.: „Glückliche Abtreibungen“) um das vielleicht brutalste Buch, das bisher über Abtreibungen geschrieben wurde und das die Abtreibungslobby inzwischen in den Kanon ihrer heiligen Schriften aufgenommen haben dürfte. Seit kurzem liegt mit verändertem Untertitel („Mein Bauch gehört mir – noch lange nicht“) auch eine „gekürzte und überarbeitete“ Ausgabe in deutscher Übersetzung vor.

Erschwert wird der Umgang mit dem Buch dadurch, dass es sich als eine Mischung aus soziologischer Literaturstudie und politischem Manifest präsentiert. Einerseits untersucht die Autorin in ihm, „wie die Entscheidung für eine Abtreibung und abtreibende Frauen über einen Zeitraum von 50 Jahren dargestellt wird“ und hat dazu den „öffentlichen Diskurs“ in „Zeitungen, Literatur von Abtreibungsaktivist*innen. Parlamentsdebatten, politischen Reden sowie psychologische und soziologische Studien darüber, wie Frauen Abtreibungen erleben“, verfolgt und analysiert. Andererseits kommentiert Millar ihre Ergebnisse immer wieder von einem Standpunkt aus, den man selbst bei freundlicher Betrachtung nur als radikal-feministisch bezeichnen wird können. Unklar bleibt zudem, ob Millar sich den Gegenstand ihrer Untersuchung aufgrund ihrer weltanschaulichen Position gesucht hat, oder ob diese aus ihm resultiert. Angesichts dessen, was die Autorin in „Happy Abortions“ alles ausblendet, spricht allerdings Vieles für Ersteres.

Positiv anrechnen lässt sich Millar, dass sie gar nicht erst versucht, ihre Leser an der Nase herumzuführen, sondern frank und frei erklärt, worum es ihr geht: „Ich rufe dazu auf, Abtreibungen als einen Akt zu feiern, der unfreiwillig Schwangeren ermöglicht, das zu bekommen, was sie wollen, und der garantiert, dass Hetero-Sex für alle Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter von der Reproduktion getrennt werden kann.“

„Schwanger werden“ sei nun einmal nicht in jedem Fall „eine gewollte, intentionale Handlung“. Mehr noch: „Ungewollte und ungeplante Schwangerschaften“ seien vielmehr „ein Routinebestandteil des reproduktiven Lebens von Frauen. Und in einem solchen Fall ist Abtreibung die einzige Möglichkeit, diesen Zustand garantiert zu beenden.“

Mit anderen Worten: Millar will, dass wir vorgeburtliche Kindstötungen als etwas betrachten, das für heterosexuell aktive Frauen so normal sei, wie sich die Zähne zu putzen oder die Haare zu kämmen. Dabei scheint sich Millar auch im Klaren darüber zu sein, dass eine Abtreibung die Tötung eines ungeborenen Menschen oder zumindest des Mitglieds der menschlichen Spezies ist. In „Happy Abortions“ bemüht sie keine Termini wie „Zellhaufen“ oder „Schwangerschaftsgewebe“, Begriffe, die von Abtreibungsbefürwortern häufig gebraucht werden, um den Embryo zu entpersonalisieren oder als wahrnehmbares Wesen zum Verschwinden zu bringen. Noch versucht sie, Abtreibungen mit angeblichen qualitativen Zäsuren in der embryonalen Entwicklung von Menschen zu verharmlosen. An keiner Stelle ihres Buches unternimmt Millar auch nur den Versuch, sich mit den Erkenntnissen der modernen Embryologie anzulegen.

Wenn überhaupt, dann unterscheidet Millar allenfalls zwischen autonomen Menschen (die freilich eine Fiktion sind) und solchen, die es nicht sind. So schreibt sie etwa: „Selbstverständlich stoppt die Beendigung einer Schwangerschaft die Entwicklung eines Embryos/Fötus, der sich andernfalls – außer im Falle einer Fehlgeburt – zu einem autonomen Menschen entwickelt hätte.“ Deshalb müsse die „Betrachtung von Abtreibungen unter diesem Gesichtspunkt“ jedoch „nicht zwingend“ in eine „ablehnende Haltung gegenüber diesem Vorgang“ münden. Im Gegenteil: Werde Abtreibung „ausschließlich als Zerstörung embryonalen oder fötalen Lebens gesehen, konzentriert sich alle Aufmerksamkeit auf den Fötus, statt auf die schwangere Frau“.

Man wird Millars Monografie weder richtig einordnen noch überhaupt verstehen können, wenn man nicht registriert, welches Bild vom Menschen (auch wenn es hier nur um jenen Teil geht, der gemeinhin als Frau bezeichnet wird) und der Gesellschaft ihm zugrunde liegt. In diesem Weltbild verdient nur eines Respekt: Der Wille zur Macht, eines sich gänzlich autonom denkenden, von allem anderen (Natur, Normen, Werten, Gesellschaft, Staat, et cetera) restlos enthobenen Subjekts. Dessen Umwelt ist – dann durchaus folgerichtig – nur dazu da, um die Forderungen zu erfüllen, die das Subjekt an sie stellt. Ansonsten gilt: Klappe halten, Drinks bezahlen.

Millar wehrt sich gegen stereotype Frauenbilder, die ihrer Ansicht nach in den gesellschaftlichen Debatten um Abtreibung transportiert würden, und dies – interessanterweise – sogar von allen Seiten. So schreibt sie etwa: „Abtreibungsgegner*innen stellen Frauen, die abtreiben, entweder als egoistische Mütter dar, die ihre Kinder nicht bis zur Geburt nähren wollen, oder als unfähige, verletzliche Opfer, die ihre Kinder töten, ohne zu begreifen, was Abtreibung bedeutet und welche emotionalen und physischen Folgen sie hat. Wer den Zugang von Frauen zu Abtreibung unterstützt, betont dagegen oft die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstände, die Frauen zu Abtreibungen zwingen.“

All das sei jedoch grundverkehrt und reduziere Frauen auf „ein Schema, in dem weibliche Sexualität mit Fortpflanzung verbunden, Mutterschaft zum Zentrum des Frauseins erklärt und Schwangerschaft als Beziehung zwischen Müttern und deren autonomen Kindern betrachtet wird“. Millar nennt dies das „Konzept der fötalen Mutterschaft“. Ein Konzept, in welchem der weibliche Körper als Körper für „jemand anderen“ gedacht werde.

Vor dem Hintergrund eines solchen Welt- und Menschenbildes wird jede Entscheidung, auch die für Kinder, zu einer letztlich egoistisch motivierten. Frei ist die Frau aus Sicht von Millar daher erst, wenn Staat und Gesellschaft ihr sämtliche Optionen zu Verfügung stellen. So schreibt sie: „Frauen können sich nur frei für Abtreibungen entscheiden, wenn Elternschaft eine wirtschaftlich und sozial realistische Möglichkeit ist und wenn Maßnahmen wie bezahlte Elternzeit und staatlich finanzierte Kinderbetreuung nicht zusätzlich zum Recht auf Abtreibungen erkämpft werden müssen.“

Anders formuliert: Staat und Gesellschaft haben dafür zu sorgen, dass frau – falls frau will – von ihrer Natur profitieren und sich fortpflanzen kann, ohne finanzielle oder soziale Einbußen hinnehmen oder gar persönlich Opfer bringen zu müssen. Falls frau all das aber nicht will, dann haben Staat und Gesellschaft Abtreibung als eine legitime Form der Korrektur nicht erfolgter oder nicht geglückter Geburtenregelung zu betrachten und kommentarlos zu akzeptieren.

Man fühlt sich stark an Nietzsches Übermenschen erinnert. Jenes Wesen, das sich selbst das Gesetz des Handelns gibt und das deshalb auch ein höchst individuelles ist. Eines, das – wie Rüdiger Safranski in „Nietzsche – Biographie seines Denkens“ schreibt, „jenseits der herkömmlichen Moral“ liege. Einer Moral, „die den gewöhnlichen Menschen im Zaum hält, aber den Übermenschen nur behindern kann“.

Wie für Nietzsche, so scheint auch für Millar das Lebendige keinen „transzendenten Sinn“, sondern nur einen „immanenten Richtungssinn“ zu besitzen. Eines, das, wie Safranski es formuliert, „auf Identitätssteigerung“ aus sei. Eines, „das waltet, indem es überwältigt“ und versucht, „das Fremde in die eigene Machtsphäre zu integrieren“.

Was ein solches Denken so radikal und so gefährlich macht, ist, das ihm – lässt man sich erst einmal auf es ein – gar nicht mehr beizukommen ist. Es ist notorisch asozial – im wortwörtlichen Sinne. In ihm sind die Sphäre des Eigenen und die des Anderen keine prinzipiell gleichberechtigten Größen mehr, die im Falle eines Konflikts zum Ausgleich gebracht werden könnten. Noch gibt es übergeordnete Werte und Prinzipien, denen sich im Zweifel alle – Männer wie Frauen – unterzuordnen hätten. Erst recht gibt es keine Natur, jedenfalls keine, die dem Denkenden etwas zu sagen hätte. Das Einzig, das es gibt, ist der Status quo, und der zeichnet sich vornehmlich dadurch aus, dass er überwunden gehört.

In einem solchen Denken ist letztlich für nichts anderes Platz als für das sich um ständige Ausdehnung sorgende Ich. Dieses ist gewissermaßen notwendig parasitär. Staat und Gesellschaft kann man mit ihm nicht machen. Beide haben – wie Wirtsorganismen –nur dem eigenen Wachstum zu dienen.

In Millars Version akzeptiert der „Wille zur Macht“ auch keine gegenläufigen Meinungen. Jedenfalls nicht, wo diese ins Gewicht fielen. Die „kulturelle Deutungshegemonie“ von Schwangerschaft als fötaler Mutterschaft müsse durch den Gegendiskurs eines „rechtfertigungslosen Abtreibungsnarrativs“ beendet werden. Nur wenn Mutterschaft nicht mehr als „Inbegriff weiblichen Glücks“ gelte, könne Abtreibung „ganz unzweideutig die Entscheidung der Frau werden“.

Liberale Abtreibungsgesetzgebungen, die abtreibungswilligen Frauen heute den Zugang zu für sie selbst „sicheren und legalen“ Abtreibungen garantieren, stellen Millar folglich nicht zufrieden. Ihr „Wille zu Macht“ wähnt sich erst dann am Ziel, wenn Frauen auch kontrollieren, wie in Gesellschaften über Abtreibungen gedacht und gesprochen wird.

Erica Millar: Happy Abortion. Mein Bauch gehört mir – noch lange nicht. Aus dem australischen Englisch von Stephanie Singh. Gekürzte und überarbeitete Ausgabe. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018, 224 Seiten, EUR 22,-

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