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Charles III. oder die Sehnsucht nach Transzendenz

Form statt Formlosigkeit, Ritual statt Beliebigkeit: Die Krönung Charles III. offenbart schlaglichtartig alles, was den Deutschen heute fehlt.
König Charles III. trifft zur Krönungszeremonie in der Westminster Abbey ein.
Foto: Kirsty Wigglesworth (Pool AP/AP) | König Charles III. trifft zur Krönungszeremonie in der Westminster Abbey ein.

Über die Krönung Charles III. ist bereits so viel geschrieben worden, dass wenig Neues hinzuzufügen ist: Einmal mehr war der Einbruch der Form in die Formlosigkeit, des Rituals in die Beliebigkeit, der Geschichte in die Cancel Culture für viele Zeitgenossen ein veritabler Schock; eine Erinnerung daran, dass unser Abendland einst nach völlig anderen Prinzipien organisiert war, die nur wenig mit dem bösartigen Zerrbild zu tun haben, auf das man sie mittlerweile reduziert hat. Was sonst nur für die verschwindend kleine Minderheit jener zutrifft, welche die Alte Messe besuchen und somit am Beispiel der Liturgie regelmäßig das ganze Ausmaß des Paradigmenwechsels der Moderne begreifen, hat am Krönungstag mit voller Wucht Milliarden Zuschauer ergriffen; und die allgemeine Faszination, ja Sehnsucht nach einer transzendenten und ritualisierten Weltordnung war mit Händen zu greifen.

Großbritanniens erstaunliche Faszination

Nirgendwo ist dies deutlicher geworden als in den deutschen Medien. Großbritannien hat immer schon eine erstaunliche Faszination auf die Deutschen ausgeübt, welche bis heute eine heimliche Bewunderung für das hegen, was lange als Überlegenheit britischer „Zivilisiertheit“ wahrgenommen wurde und auch den Fall des Empires überlebt hat: Keine andere europäische Nation käme alleine auf den Gedanken, eine veritable Filmindustrie auf pseudo-englischen, allein für das deutsche Publikum bestimmten und mit deutschen Schauspielern bestückten Romantik-Serien aufzubauen oder ihre Auslandskorrespondenten bei britischen Staatsakten den Union Jack tragen zu lassen (bis heute ist mir nicht bekannt, jemals einen deutschen Journalisten mit der Tricolore oder der Flaga Polski gesehen zu haben). England ist ein deutscher Sehnsuchtsort, und dies wurde auch bei der Berichtserstattung zur Krönung deutlich, bei der ich mich an die Tendenz antiker Historiker erinnert fühlte, die eigenen kulturellen und politischen Empfindlichkeiten auf die Ethnographie fremder Völker wie Germanen oder Perser zu projizieren.

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Denn die Krönung offenbart schlaglichtartig alles, was den heutigen Deutschen völlig fehlt: Liebe zur Geschichte, souveräne Gelassenheit, Ritualisierung der Gesellschaft und die Fähigkeit, in Jahrhunderten zu denken. Während allerdings die Selbstkritik der antiken Ethnographie kaum zu übersehen ist, bleibt die Sehnsucht nach dem ganz Anderen im Falle der deutschen Berichterstattung rein unterbewusst, da im ständigen Kampf mit dem Zwangskorsett politisch korrekten Denkens.

Was den Deutschen fehlt, wird mokant zum liebenswürdigen, aber exzentrischen Spleen der Briten umgedeutet, an ihren kuriosen Bräuchen festzuhalten und die Welt alle paar Jahrzehnte mit dem gelebten Gedächtnis an eine letztlich überholte Vergangenheit zu amüsieren – ein klarer Unterschied etwa zur französischen Berichterstattung, welche weniger von ambivalenter Faszination als von einer gewissen Neutralität geprägt war, die dem Gefühl entspringt, trotz republikanisch-laizistischer Verfassung immerhin noch Residuen einer analog ritualisierten Formensprache aufweisen zu können.

Rückzug des Sakralen

Freilich, ob Republik oder Monarchie: Mit dem Rückzug des Sakralen muss jede aus bloßer Erinnerung gespeiste Form erstarren, und auch die Bilder aus London sind wenig mehr als staatsrechtliche Fossilien, die wenig mit der alltäglich gelebten Realität zu tun haben. Aber selbst als solche lassen sie doch noch jenes Glimmen der Sehnsucht nach Transzendenz deutlich werden, die in jedem Menschen angelegt ist und nur darauf harrt, endlich wieder wirkmächtig zu werden.

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