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Advent: Das leise „Bitte eintreten“! des Himmels

Leben im medius adventus: Der Advent ist nicht nostalgisches Warten auf die Krippenidylle, sondern eine Einladung, die Unruhe des Herzens als jene Tür zu erkennen, an die Gott selbst anklopft.
Advent
| Lichter, Lieder und Düfte gewinnen an Tiefe, wenn im Innern ein Ort bewahrt bleibt, an dem das „Wort, das im Anfang war“, gehört werden kann.

Es gibt Bräuche, die auch Christen mit einer fast anrührenden Mischung aus Hingabe und Ahnungslosigkeit praktizieren. Der Advent gehört definitiv dazu. Wenn es nach der konsumverliebten Gegenwart ginge, wäre der Advent vermutlich eine Art verlängerte Rabattphase zwischen Black Friday und „Last-Minute-Christmas-Shopping“.

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Der Advent ist zu einer Zeit des Konsums, der Lichter und des Genusses verkommen. Dabei hat er eine viel tiefere Bedeutung: Die Kirche — das erstaunlich widerstandsfähige Bollwerk gegen den Zeitgeist — erinnert Jahr für Jahr daran, dass der Advent die Erwartung des Unfassbaren ist: Gott kommt auf die Erde. Und er besitzt die Angewohnheit, an Orten aufzutauchen, an denen man Ihn am wenigsten vermutet. Zum Beispiel in einem Stall.

Statement gegen menschliche Effizienzwut

Der allmächtige Gott, ein König, wählte ausgerechnet eine Unterkunft, die bei TripAdvisor vermutlich nicht einmal einen halben Stern bekommen hätte. Er wählte den Stall jedoch nicht aus Missachtung von Hygienestandards, sondern als Zeichen gegen menschliche Effizienzbesessenheit und um menschliche Denkkategorien aufzubrechen. Der Himmel holt seine Wirklichkeit auf die Erde, damit der Mensch eine Ahnung davon bekommt, was ihn am Ende der Zeiten erwartet: das Hinaufsteigen des Einfachen, Armen, Kleinen in den Glanz der Herrlichkeit.

Hier klingt das Christkönigsfest an, das die Spannung zwischen Herrlichkeit und Hingabe zeichnet. Joseph Ratzinger sprach von der „zarten Ungeheuerlichkeit“ dieses Weihnachtsmysteriums. Gott wollte nicht überwältigen, sondern einladen. Romano Guardini nannte Gottes Kommen eine Schwelle, an der der Himmel zum ersten Mal wieder „Bitte eintreten“ sagt.

Die Ankunft Christi in drei Dimensionen

Der heilige Bernhard von Clairvaux beschrieb in seiner „Sermo 5 de Adventu Domini“ (Adventspredigt 5) die Ankunft Christi in drei Dimensionen: „In der ersten kommt er im Fleisch und in der Schwachheit, in der zweiten im Geist und in der Kraft, in der dritten in der Herrlichkeit und der Majestät.“
Der Mensch von heute lebt im mittleren Advent: Zwischen der Inkarnation und der Wiederkunft Christi vollzieht sich im Innern des Menschen das geistige, lautlose Kommen Jesu. Die Crux: Dieses Kommen vernimmt die Seele nur in Stille und Sammlung.

Das mag heute gnadenlos unmodern wirken, ist aber nicht aus der Zeit gefallen: Die Vielzahl moderner Angebote zu Achtsamkeit, Meditation und Rückzug zeigt die tiefe menschliche Sehnsucht nach Entschleunigung und Spiritualität. Das Christentum ergänzt diese Angebote um das Gebet und lädt zur Ent-täuschung ein: zu der Einsicht, dass der Mensch sich nicht selbst erlösen kann. Und so sehr er es im Dauerrausch aus Süßem, Lichtern und Weihnachtsmusik auch versucht, gesteht er sich damit nur seine innere Unruhe ein.

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“

Der heilige Augustinus sagt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Diese Unruhe kann als Ort erkannt werden, an dem Gott längst auf den Menschen wartet. Ephräm der Syrer sieht Christus als den, der den Menschen sucht, der Ihn vergessen hat. Für den Advent bedeutet dies: geduldig warten auf den Moment, in dem der Mensch still wird und Gott in der Krippe begegnet.

Der mittlere Advent ist also das Wirken der Gnade inmitten dieser Unruhe: Christus kommt sakramental, innerlich, verwandelnd. In der Erwartung dieses Kommens lebt der Mensch den Advent als eine Zeit zwischen dem „schon da“ und „noch nicht“. Kinder, die in dieser Zeit ständig „noch nicht“ hören, erfahren unbewusst die Logik des Advents: Warten, Aushalten, Raum schaffen. Dabei macht sich Gott abhängig vom Maß unserer Erwartung; er ist so charmant, dass er nicht mit der Tür ins Haus fällt, sondern dem Menschen nur so weit entgegenkommt, wie er ihm innerlich Platz schafft.

Die liturgische Tiefe des Advents

Die Kirche zelebriert das Warten regelrecht. Liturgisch ist der Advent eine Zeit des geistlichen Leerwerdens – eine Art Fastenzeit. Die Texte der Adventssonntage sprechen von Sehnsucht nach Heil und Erlösung sowie von Reinigung und Vorbereitung des Herzens. Meister Eckhart nennt es „Gelassenheit“: Loslassen, was den Menschen bindet. Johannes vom Kreuz greift diesen Gedanken auf, wenn er sagt, dass die Seele nur dann für Gott empfänglich wird, wenn sie nicht schon mit sich selbst besetzt ist.

Maria ist das vollkommenste Bild dieser Verfügbarkeit. Ihr „Fiat“ öffnete den Raum für das Unverfügbare und machte so die Menschwerdung Gottes möglich. Sie trug das Wort Gottes in ihrem Leib, und was sie nicht verstand, bewahrte sie im Herzen.

Vom Einstimmen zum Verstummen

Sie zeigt, wie der Advent zu einer Zeit des Verstummens, des Innehaltens, der Selbstprüfung und des Loslassens werden kann. Lichter, Lieder und Düfte gewinnen an Tiefe, wenn im Innern ein Ort bewahrt bleibt, an dem das „Wort, das im Anfang war“, gehört werden kann. Ohne Stille kein Hören, ohne Hören keine Begegnung, und ohne Begegnung verflacht das Fest. Johannes Paul II. schrieb: „Der Mensch kann nicht ohne Transzendenz leben.“

Der Mensch wird nur dann wirklich adventlich, wenn er sich der eigenen Unruhe stellt und sie nicht betäubt, sondern als Ort des göttlichen Anklopfens annimmt. Weniger tun, mehr empfangen; nicht leisten, sondern bereit sein. Das Evangelium der ersten Adventswoche fasst dies zusammen im eschatologischen Weckruf: „Vigilate!“ – Wachet! Hier schließt sich der Kreis zum heiligen Bernhard: Nur der Wachende erkennt den medius adventus. Nur wer innerlich schweigt, hört die Schritte des Kommenden.

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