Freddy Derwahls „Blüten im Advent – Aufzeichnungen aus einem Kloster in den Ardennen“ ist ein stilles, von feiner poetischer Wahrnehmung durchzogenes Werk, das den Leser in eine adventliche Welt des inneren Hörens, der Achtsamkeit und der leisen Verwandlung führt. In einer Zeit, in der selbst die Wochen vor Weihnachten vom Lärm der Welt übertönt werden, gelingt es Derwahl, Räume der Stille zu öffnen, in denen das Wort wieder Gewicht bekommt und die Sprache sich ihrer ursprünglichen Kraft erinnert.
Seine Notizen aus dem Kloster Wavreumont sind keine Reportagen, keine Tagebuchseiten im herkömmlichen Sinn, sondern zarte, leuchtende Miniaturen – Blüten, die aus der Erfahrung des Rückzugs, der Heilung und der kontemplativen Gegenwart gewachsen sind. In jedem dieser kurzen Texte, die sich wie Mosaiksteine zu einem inneren Adventskalender fügen, ist die Atmosphäre spürbar: das helle Klingen der Glocken, das knisternde Holz im Ofen, der Duft von Wachs und Weihrauch, das rhythmische Auf und Ab der Gebete.
Pulsieren einer Welt jenseits der Alltagshektik
Derwahl schreibt mit einer Sprache, die niemals laut wird, sondern von innen heraus leuchtet. Es ist, als würde man beim Lesen den Herzschlag der Zeit hören, das feine Pulsieren einer Welt, die jenseits der Alltagshektik weiterbesteht. Jede Beobachtung, jeder Gedanke, jede Erinnerung wird in eine lyrische Schwingung gebracht – so, dass sie weniger erzählt, als vielmehr ahnen lässt, wie eng das Sichtbare und das Unsichtbare ineinander verwoben sind.
Der Autor, der nach gesundheitlichen Rückschlägen ins Kloster kam, verwandelt persönliche Erfahrung in heilsame Texte. Letztere tragen Spuren von Müdigkeit, aber auch von Hoffnung, von einem zärtlichen Glauben an die Erneuerbarkeit des Lebens.
Derwahl beschreibt die Adventszeit nicht als lineare Vorbereitung auf ein Fest, sondern als eine Zeit der Wandlung – als ein Wachsen im Dunkel, als ein stilles Erwachen des Herzens. Dabei verwebt er Naturbilder, klösterliche Rituale und persönliche Reflexionen zu einer poetischen Liturgie, die uns daran erinnert, dass das Heil oft im Unscheinbaren liegt.
Dem Sinn des Daseins begegnen
Besonders eindrucksvoll ist, wie Derwahl das Unspektakuläre zur Offenbarung werden lässt. Ein Blick auf den winterlichen Himmel, das Rascheln der Schritte im Kreuzgang, der stille Austausch mit einem Mönch – all dies wird zu einem Gleichnis für die innere Bewegung des Menschen, der sich aufmacht, um dem Sinn des Daseins zu begegnen.
Seine Sprache ist dabei niemals ornamental, sondern klar und durchscheinend. Sie lebt von Pausen, von Zwischentönen, von jenem feinen Atem, der sich zwischen Denken und Fühlen spannt. Es ist ein Buch, das sich dem Leser nicht aufdrängt, sondern ihn begleitet – sanft, aufmerksam, gegenwärtig. Die poetische Tiefe, die in diesen Aufzeichnungen liegt, entspringt einem existenziellen Wissen um die Zerbrechlichkeit des Lebens und der gleichzeitigen Schönheit, die in jeder Form des Daseins wohnt.
Texte in der Spannung zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit
Derwahl gelingt es, in seinen Texten die Spannung zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit zu halten, ohne sie aufzulösen. Man spürt, dass er sich in einer langen Tradition spiritueller Literatur bewegt, in der das Wort nicht nur Mitteilung, sondern Gebet ist – und dass er zugleich einen ganz eigenen, modernen Ton findet, der das Geheimnis des Glaubens ins Heute trägt. „Blüten im Advent“ ist damit weit mehr als eine Sammlung von Tagebuchaufzeichnungen.
Es ist ein poetischer Zyklus, in dem sich der Sinn der Adventszeit in reiner Sprache offenbart: als Einladung, den eigenen Rhythmus zu verlangsamen, die Augen für das Unsichtbare zu öffnen und die Stille als Ort der Begegnung zu begreifen. Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird nicht nur eine Adventszeit lesen, sondern eine Erfahrung machen – die Erfahrung, dass das Wort, wenn es aus der Tiefe kommt, heilen kann.
Freddy Derwahl: Blüten im Advent. Aufzeichnungen aus einem Kloster in den Ardennen. Aachen: Eifeler Literaturverlag, 2024, 139 Seiten, EUR 15,–
Die Rezensentin ist promovierte Theologin und Kirchenmusikerin.
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