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Erziehen, doch wohin?

Wenn Teenager beginnen, die moralischen Grundsätze ihrer Eltern infrage zu stellen, wird es anstrengend. Doch genau das braucht der Nachwuchs.
Teenager erziehen
Foto: IMAGO/Zoonar.com/Oksana Shufrych (www.imago-images.de) | Erziehen, doch wohin Regeln kritisch zu hinterfragen gehört im Jugendalter dazu.

Wie sieht das Ergebnis einer gelungenen Erziehung aus? Und was versteht man überhaupt darunter? Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder Regeln befolgen, die die eigenen Werte und Prinzipien widerspiegeln. Sie sollen ein – wie auch immer definiertes – erfolgreiches Erwachsenenleben anstreben und vor inneren und äußeren Verletzungen verschont bleiben.

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In diesem Bemühen merken Eltern in der Regel, wie wichtig mit zunehmendem Alter des Kindes für die Akzeptanz der elterlichen Werte die Kommunikation zwischen Eltern und Kind wird. Verhaltensregeln für kleine Kinder erscheinen immerhin recht übersichtlich und sinnvoll.

Erziehung wird mit zunehmendem Alter der Kinder komplexer

Mit zunehmendem Alter der Kinder wird es komplexer. Moralische Prinzipien zu vermitteln oder gar Jugendliche von der Wertigkeit derselben zu überzeugen ist eine Herausforderung. Das Wort „Moral“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt „Sitten“ und „Gebräuche“.

Im Alten Testament lässt sich anschaulich verfolgen, wie Gott, ausgehend von Abraham, mit Liebe und Geduld dem Volk Israel diese Sitten und Gebräuche erklärt, verständlich gemacht und zuletzt auch deren Befolgen eingefordert hat – zum Wohle der Menschheit. Moralisches Handeln assoziieren wir nicht nur in der jüdisch-christlichen Tradition mit göttlicher Gerechtigkeit. Es ist nicht angeboren, sondern wird von seinem Ursprung her erlernt.

Theorie des moralischen Urteils

In welchem Ausmaß ein Mensch zu moralischem Handeln fähig ist, hängt von verschiedenen Faktoren wie beispielsweise der Willenskraft, dem sozialen Umfeld und der eigenen Motivation ab. Es entwickelt sich im Laufe des Lebens und reift im Idealfall heran.

Lawrence Kohlberg (1927-1987) hat eine Theorie des moralischen Urteils entwickelt, welche ein Sechs-Stufenmodell beinhaltet. Die Theorie geht davon aus, dass jeder Mensch eine Entwicklung von der niedrigsten bis zur höchsten Stufe durchläuft, wobei nicht jeder Mensch die höchsten Stufen des Moralbewusstseins erreicht.

Die ersten zwei Entwicklungsstufen

Auf der ersten Stufe befolgen Menschen eine Regel, um eine Strafe zu vermeiden. Bei kleinen Kindern ist dies der erste beobachtbare Schritt. Fragt man ein Kleinkind, warum es die begehrte Schokolade nicht einfach stibitzt, wird es antworten: „Weil Mama/Papa dann schimpft.“

Auf der zweiten Stufe hat das Kind ein Verständnis dafür entwickelt, dass andere Personen auch Bedürfnisse haben und diese möglicherweise unvereinbar mit den eigenen Bedürfnissen sind. Möchten zwei Kinder beispielsweise ein Spielzeug zur gleichen Zeit benutzen, so verstehen sie allmählich, dass es sinnvoll ist, Regeln des Gebrauchs aufzustellen, damit beide Interessen befriedigt werden können. Es entwickelt sich ein egoistisch-instrumentalistisches Gerechtigkeitsempfinden („eine Hand wäscht die andere“).

Goldene Regel bis zur Weiterentwicklung moralischen Urteilens 

Die dritte Stufe kann in einem Satz mit der Verinnerlichung der Regel „Was Du nicht willst, dass man Dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu“ beschrieben werden. Personen auf dieser Stufe wollen die Erwartungen anderer an sie erfüllen. Sie wollen „gut“ sein und so wahrgenommen werden. Personen, welche sich auf der vierten Stufe befinden, haben verstanden, dass das eigene Handeln Folgen für das jeweilige soziale System hat und somit einem höheren Zweck dienen kann. Sie können nun Verpflichtungen übernehmen, weil sie dem Allgemeinwohl dienen.

Die beiden nächsten Stufen beinhalten eine wesentliche Weiterentwicklung des moralischen Urteilens und werden als prinzipiengeleitet beschrieben. Auf Stufe fünf werden universell gültige Rechte von Personen als Maßstab für die Gültigkeit der bestehenden Gesetze zugrunde gelegt. Diese können jedoch zugunsten moralischer Prinzipien relativiert werden. Personen auf Stufe sechs befolgen Regeln oder gesellschaftliche Übereinkünfte, weil diese auf selbst gewählten ethischen Prinzipien beruhen, in Hinblick auf ein moralisch höheres Ziel.

Höchste Stufe: Liebe, Mitgefühl und Heiligkeit

Kohlberg teilt die Stufen in drei Niveaus ein, die zum Teil mit menschlichen Lebensphasen korrespondieren. Die beiden ersten Stufen beziehen sich primär auf die Kindheit. Die Orientierung erfolgt hier an der Autoritätsperson. Die Stufen drei und vier betreffen das Jugend- und Erwachsenenalter.

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Die Stufen fünf und sechs werden seltener erreicht. Kohlberg hat später noch eine siebte Stufe hinzugefügt, von der er annahm, dass sie kaum ein Mensch erreicht. Auf dieser Stufe sah er Personen von universeller Liebe, Mitgefühl und Heiligkeit.

Zweifel und Rebellion sind wichtig zur Reifung

Christliche Eltern wünschen sich für ihre Kinder, dass sie den Glauben aus freiem Willen annehmen und ihr Leben und ihr Handeln nach dem Evangelium ausrichten. In dieser Hinsicht bietet der Glaube für die moralische Entwicklung des Menschen einen reichen Schatz: Er weist den Weg zu einem tugendhaften Leben und ist zugleich Grundlage für das Erreichen der höchsten Stufen der moralischen Entwicklung.

Eltern dürfen sich bei der Erziehung ihrer Kinder darüber freuen, wenn diese über das bloße Befolgen von Regeln hinauswachsen und beginnen, die Motive für deren Befolgen kritisch zu hinterfragen. Ein reflektierter und erwachsener Charakter kann nur heranreifen, wenn ein junger Mensch durch Täler des Zweifels und der Rebellion hindurchgegangen ist, auch wenn das für Eltern anstrengend und herausfordernd ist.

Gelebtes Christentum im Gegensatz zum herrschenden Zeitgeist 

Herausfordernd ist ein Weiteres: Von außen wird gelebtes Christentum mehr und mehr als im Gegensatz zum herrschenden Zeitgeist stehend wahrgenommen und seine Ansichten kritisch hinterfragt. Viele christliche Eltern fühlen sich zunehmend von vielen Seiten bedrängt und in eine Rechtfertigungsposition gezwungen. Schule und Umfeld haben das Potenzial, zu verwässern oder zu zerschlagen, was Eltern in der Familie mühsam errungen und aufgebaut haben. Das gilt gerade für gesellschaftliche und moralische Fragen.

Dies macht Erziehung für christliche Eltern herausfordernder, aber nicht unmöglich. Der Kontrast kann sogar eine Chance bieten: Unsere Gesellschaft ist ihres moralischen Konsenses verlustig gegangen. Ohne in eine „Früher war alles besser“-Rhetorik zu verfallen – denn die greift zu kurz –, so wird doch immer offensichtlicher, dass die Ansichten darüber, aus welchen Quellen die moralische Gewissensbildung zu schöpfen hat, auseinanderdriften.

Kinder und Jugendliche und brauchen Hilfe und Richtschnur

Im Ergebnis entstehen neue ethische Grundsätze, die nicht selten in direktem Gegensatz zu denen stehen, die aus christlichem Glauben und Philosophie erwachsen.  Diesen Widerspruch spüren auch Kinder und Jugendliche und brauchen Hilfe und Richtschnur. 

Herausforderung besteht darin, unter den vielen verschiedenen Angeboten zur Gewissensbildung die Schönheit des christlichen Glaubens und seiner Lehre zu vermitteln. Gelingt dies, kann die Abgrenzung von weltlichen Positionen attraktiv erscheinen und dem Bedürfnis nach Individualität Raum geben.

Gelebtes Beispiels zieht am meisten

Neben einer zugewandten, selbstreflektierten und entspannten Kommunikation erreichen Eltern dies am allerbesten durch gelebtes Beispiel. Moral äußert sich im Tun. Demnach sind Eltern vor allem Vorbilder mit einem großen Respekt vor der Freiheit und Eigenverantwortung der Kinder.

Letztendlich dürfen Eltern die Gewissheit haben, dass ihre Kinder und deren Leben von Gott getragen sind. Er geht mit jedem Menschen einen eigenen Weg. Diese Gewissheit darf Eltern ein Stück Gelassenheit geben.


Rita Winkler ist Psychologin und Mutter von sieben Kindern.

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