Kommentar um "5 vor 12"

Postprotestantischer Inselkatholizismus

Die Ergebnisse der irischen Umfrage zum Synodalen Prozess deuten nicht auf einen vitalen Katholizismus hin. Vielmehr ist die irische Kirche von jahrelangen Erschütterungen aufgezehrt.
Osterprozession in Irland
Foto: Brian Lawless (PA Wire) | Irland, Dublin: Gläubige nehmen 2018 an der jährlichen Karfreitagsprozession vom Welligton Monument zum Papal Cross im Phoenix Park teil.

Die Umfrageergebnisse zum Synodalen Prozess der irischen Katholiken entsprechen weitgehend denen in Deutschland. Auf der vom Missbrauchsskandal gezeichneten Insel plädiert die überwältigende Mehrheit der praktizierenden Gläubigen für die Frauenweihe und  zeigt sich offen für die Forderungen der LGBTIQ-Lobby.

Auffallende Schnittmengen zum deutschen Katholizismus

Auffallend sind die Schnittmengen zum deutschen Katholizismus: In beiden Ländern äußerte sich die Krise des Katholizismus in der schwankenden Haltung der Gläubigen zum Lebensrecht Ungeborener. Irlands Katholiken sind seit Jahren gespalten in der Abtreibungsfrage. Die Parallele zur Schwangerenkonfliktdebatte in Deutschland bildete in Irland das Referendum zur Abtreibung im Jahr 2018: Damals votierten nicht nur Taufscheinkatholiken, sondern Priester und Ordensleute, auch tägliche Kirchgänger für die Legalisierung der Abtreibung.

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Der damals aufgerissene Graben zwischen den Gläubigen ist bis heute nicht überwunden und spaltet Pfarreien, Klerus und Orden. Der dramatische Einbruch der Glaubenspraxis in Irland, dessen Katholizismus immer eine nationale Färbung hat, paart sich – wie in Deutschland – mit einem jahrzehntelangen Katecheseausfall.

Zudem bringt der politische Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Irland weiterhin faule Früchte hervor: Nicht wenige irische Katholiken sympathisieren mit einer Angleichung an Luthers Erben und liebäugeln mit einem nationalen Sonderweg. Die Ergebnisse der Umfrage sind nicht als Zeichen eines vitalen Katholizismus zu werten, sondern als postprotestantisches Krisensymptom einer Ortskirche, deren Kräfte von jahrelangen Erschütterungen aufgezehrt sind.

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