GRAZ

Kardinal Kurt Koch kritisiert Patriarch Kyrill

Verhältnis von Kirche und Staat müsse im ökumenischen Dialog mehr Aufmerksamkeit finden, so der Ökumene-Minister des Papstes.
Kardinal Kurt Koch hielt einen Vortrag in Graz
Foto: Gerd Neuhold | Kardinal Kurt Koch hielt einen Vortrag in Graz aus Anlass des 25. Jahrestages der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung

Es sei schrecklich, dass der Moskauer Patriarch Kyrill den Krieg in der Ukraine sogar religiös legitimiert, meint der Ökumene-Verantwortliche des Papstes, Kardinal Kurt Koch. Bei einem Vortrag in Graz aus Anlass des 25. Jahrestages der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung sagte der Kurienkardinal, die Fragen der Autokephalie (der kirchenrechtlichen Selbstständigkeit) und des „kanonischen Territoriums“ sei in der Orthodoxie oft mit Nationalismus verbunden. Das zeige sich an der problematischen Argumentation Kyrills im aktuellen Krieg. Das Verhältnis von Kirche und Staat bedürfe einer neuen Aufmerksamkeit im ökumenischen Dialog.

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Europa sei der am weitesten säkularisierte Kontinent, doch stelle eine „gesunde Laizität“ keinen Gegensatz zum Glauben dar, sondern sei vielmehr eine Frucht der Christianisierung. Es brauche aber ein neues Bewusstsein für die Bedeutung der Religion. So sei für viele Muslime in Europa nicht das Christentum ein Problem, sondern die Säkularität der Gesellschaft, so Kardinal Koch, der Präsident des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen. Europa könne nur dann „die Wiege des Humanismus“ bleiben, wenn es sich dem Gottesglauben bleibend verpflichtet fühlt.

Kirchen haben keinen Konsens in ethischen Fragen

Kardinal Koch kritisierte, dass die christliche Stimme in den säkularen Gesellschaften Europas immer schwächer wird. Dies sei auch deshalb der Fall, „weil die Kirchen keinen Konsens in den ethischen Fragen“ haben. Früher habe man im ökumenischen Dialog Differenzen im Glauben, aber Einigkeit in ethischen Fragen festgestellt. Heute seien umgekehrt Annäherungen in Glaubensfragen erfolgt, aber große Differenzen bei Fragen von Ehe, Familie, Sexualität sowie bei den bioethischen Fragen am Beginn und am Ende des menschlichen Lebens festzustellen.

„An der Wahrheit vorbei kann es keine Einheit geben“, meinte der Ökumene-Beauftragte des Papstes in Graz. Bisher gebe es keine tragfähige Übereinstimmung über das Ziel der ökumenischen Bemühungen. Der pluralistische und relativistische Zeitgeist halte jede Suche nach Einheit für vormodern. In der Ökumene bedürfe es einer Besinnung auf das Ziel: „Ohne die Suche nach Einheit würde sich der christliche Glaube selbst aufgeben“, so Kardinal Kurt Koch in Graz. Die Christen bräuchten den Mut und die Demut, „in liebenswürdiger Hartnäckigkeit und hartnäckiger Liebenswürdigkeit“ die Frage nach der Einheit wachzuhalten. DT/sba

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