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Eucharistische Anbetung: "Gefährlich fromm"

Eucharistische Anbetung sorgt für Unruhe im kirchensteuerlich alimentierten Funktionärsmilieu.
Frömmigkeit unter Jugendlichen
Foto: dpa | Immer mehr Jugendliche finden zu Formen traditioneller Frömmigkeit.

Der Ton wird rauer, hat man den Eindruck. Gab es bislang nur Kontroversen im Hinblick auf dogmatische, moraltheologische, pastorale oder kirchenpolitische Fragen, so ist seit einiger Zeit auch das Feld der Frömmigkeit eröffnet. Schauplatz war kürzlich schon zum wiederholten Male das Portal katholisch.de, das sich selbst als das Nachrichten- und Erklärportal der katholischen Kirche in Deutschland bezeichnet. Ein bemerkenswerter Vorgang. Gabriele Höfling, die sich schon länger an dieser Stelle mit dem Phänomen eines neu erwachten Interesses junger Katholiken an der Eucharistischen Anbetung beschäftigt, stellt die Frage, ob es sich dabei tatsächlich um einen Frömmigkeitstrend handelt.

Junge Priester, "die diese Form der Frömmigkeit vorantreiben"

Hintergrund ist die überwältigend positive Resonanz auf den Mitte November in Altötting veranstalteten Kongress „Adoratio“. Nach über 1.200 Anmeldungen hat man schon lange eine Warteliste eröffnet. Die scheinbar positive Schilderung des Zulaufs und der Zufriedenheit des Veranstalters, des Passauer Bischofs Stefan Oster, bekommt allerdings alsbald eine relativierende Note an die Seite gestellt. Mit Alexander Zerfaß, Patrik Höring und Thomas Andonie sind sich Liturgiewissenschaftler, Didaktiker und Verbandsfunktionär des BDKJ einig: Es gibt möglicherweise einen Trend, aber der ist zu vernachlässigen. Denn was sind 1.200 Jugendliche, die in Altötting das Allerheiligste anbeten gegenüber 660.000 verbandlich organisierten deutschen Jungkatholiken, bei denen sich Thomas Andonie nicht erinnern kann, „von ihnen laut den Wunsch nach eucharistischer Anbetung gehört zu haben“? Und die Wissenschaft kann auch weder Massenphänomen noch Graswurzelbewegung verorten. Ganz im Gegenteil. Das, was da wie ein Trend aussieht, ist in Wahrheit das Werk junger Priester, „die diese Form der Frömmigkeit vorantreiben“ (Höring).

Missionarischer Eifer im charismatischen Sektor

Es sind auch nur „bestimmte Kreise von Jugendlichen, besonders aus dem charismatischen Sektor, die diese Form sehr stark betonen und auch missionarischen Eifer entfalten“ (Zerfaß). Möglicherweise liegt hier der Grund, weshalb alle drei Kommentatoren der Renaissance der eucharistischen Anbetung insgesamt reserviert gegenüberstehen. Ihnen ist das Ganze zu wenig plural, heißt es da, und von den eucharistischen Anbetern zu exklusiv behandelt, so als sei die eucharistische Anbetung besser als andere Frömmigkeitsformen. Und zum krönenden Abschluß gibt der Didaktiker zu bedenken, „dass die aus der mittelalterlichen Schaufrömmigkeit entstandene Glaubenstradition der eucharistischen Anbetung nicht unumstritten ist“ und deswegen als „Zweckentfremdung der Eucharistie“ bei Großevents eigentlich nichts zu suchen hat.

Man ist schon erstaunt über die Energie, die hier wie auch schon an anderer Stelle durch das Erklärportal der katholischen Kirche aufgewandt wird, um sich an einem Phänomen abzuarbeiten, das keineswegs nur in Deutschland zu verorten ist. Bischof Oster konterte auch prompt empört auf Facebook. Er erkennt in seinem Internetbeitrag eine Zurückstufung der eucharistischen Anbetung als einer „erneuerten Frömmigkeitsform zugunsten herkömmlicher, und zwar durch wenig geeignete Zahlenvergleiche“.

Merkwürdig mäkelige Beschwichtigung

Und in der Tat: Es ist eine merkwürdig mäkelige Beschwichtigung, die aus den Argumenten des Trios spricht, das auf katholisch.de ein umfängliches Forum erhält, um die ganz offenbar feststellbare neue Sehnsucht nach eucharistischer Anbetung zu relativieren. Warum der ganze Aufwand? Liegt etwa eine Gefahr in allzu großer eucharistischer Spiritualität? Ist sie gar von der Art versunken geglaubter Frömmigkeitsformen, von denen man froh war, sie erfolgreich entsorgt zu haben? Ist die Hinwendung einer großen Zahl engagierter katholischer Jugendlicher zur Vergewisserung des real anwesenden Herrn in der Eucharistie ein Problem für eine deutungshoheitlich bislang alternativlos ausgestattete Jugendpastoral? Angesichts der Wortmeldungen auf katholisch.de muss man diesen Eindruck gewinnen. Und das schmerzt beinahe mehr, als wenn in einem Schlagabtausch zu dogmatischen Themen die Gesprächspartner verschiedener Meinung sind. Denn hier geht es um eine Form der persönlichen Begegnung mit Jesus Christus, wie sie – spätestens seit dem Weltjugendtag 2005 in Köln – große Teile der katholischen Jugend der Welt erfasst hat. Ihr damit einen Rückzug ins Unpolitische, Unengagierte oder Exklusive zu unterstellen, geht an der Wirklichkeit vorbei. Möglicherweise ist dies bei den Vertretern der Wissenschaft oder des jungendpflegerischen Funktionärsmilieus noch nicht angekommen.

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, stellt fest, dass unter denen, die eine persönliche Christusbeziehung im katholischen Sinn pflegen – also Sakramente empfangen, beten und sich mit den Inhalten des Glaubens in Katechese und missionarischem Engagement beschäftigen – die Suche nach der leiblichen Nähe zu Christus selbstverständlich ist. Niemand, der eine echte katholische Frömmigkeit pflegt, wird das für sich ausschließen. Möglicherweise ist es ja auch die logische Konsequenz aus einer Bekehrung zu Christus, dass die Eucharistie – auch und gerade in der Form der Anbetung – als unerlässlich betrachtet wird.

Anbetung des Allerheiligsten keine spirituelle Variante unter anderen

Die Anbetung des Allerheiligsten ist eben keine spirituelle Variante unter anderen, sondern eine substanzielle Weise der Gott-Begegnung und damit der Lackmustest für eine umfassende Frömmigkeit. Die Zahlenspiele des Thomas Andonie werden also bei Licht betrachtet zum Alarmsignal für den Zustand der katholischen Jugendpastoral a la BDKJ. Denn zum einen werden dort auch die vielen Jugendlichen mitgezählt, die in ihren Verbänden seit Jahrzehnten nicht mit genuin katholischer Seelsorge in Berührung gekommen sind, und zum anderen muss sich Herr Andonie fragen lassen, ob nicht vielleicht eine defizitäre Jugendpastoral dafür verantwortlich ist, dass so etwas wie eucharistische Anbetung bei seinen Mitgliedern unbekannt ist. Denn dass Jugendliche sehr wohl dafür ansprechbar sind, wird ja durch den Hinweis auf junge Priester bestätigt, die hier erfolgreich sind. In jedem Fall erschreckt und erfreut die große Unruhe im Lager der kirchensteuerlich alimentierten Pastoralprofis in einem. Sie erschreckt, weil sich in der offensichtlichen Sorge um eine zu fromme Jugend der Zustand einer vom Sakramentalen lange entkernten Jugendpastoral abbildet. Und sie erfreut zugleich, weil sich in der Mühe, einen Trend zur eucharistischen Anbetung mit spitzen Fingern öffentlich zu bewerten, die große Hoffnung spiegelt, dass hier tatsächlich ein Trend liegt, der der Kirche zur Heilung helfen wird.

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