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Anbetung im Gegenwind 

An Fronleichnam offenbart sich der Zwiespalt zwischen schwindender gesellschaftlicher Relevanz der Kirche und neuen geistlichen Aufbrüchen.  
Die Fahrrad-Sternfahrt des ADFC Berlin schränkte dieses Jahr die dortige Fronleichnamsprozession ein. Trotzdem ist der eucharistische Glaube lebendig - auch in der Diaspora.
Foto: MaurizioxGambarini (www.imago-images.de) | Die Fahrrad-Sternfahrt des ADFC Berlin schränkte dieses Jahr die dortige Fronleichnamsprozession ein. Trotzdem ist der eucharistische Glaube lebendig - auch in der Diaspora.

In Berlin stand das Hochfest Fronleichnam in diesem Jahr unter keinem guten Stern: Zuerst wurde am Donnerstag die zentrale Fronleichnamsprozession des Erzbistums mitsamt Open-Air-Pontifikalamt wegen einer Unwetterwarnung kurzfristig abgesagt; am darauffolgenden Sonntag, an dem die Feier des Hochfests auf Pfarreiebene nachgeholt werden sollte, fand die ADFC-Fahrradsternfahrt „Die Zukunft fährt Rad“ statt, weshalb mehrere Pfarreien ihre Prozessionen verkürzen oder in Nebenstraßen verlegen mussten. Böse Absicht ist hier nicht zu unterstellen: 30.000 Teilnehmer meldete die Fahrradsternfahrt; so viele hätten die katholischen Pfarreien Berlins wohl schwerlich auf die Straße gebracht. Gleichwohl erscheint es illustrativ für die schwindende gesellschaftliche Relevanz der Kirche, wenn die öffentliche Verehrung des eucharistischen Leibes Christi einer verkehrspolitischen Demonstration weichen muss.  

Eucharistischer Glaube ist auch heute lebendig

In der „Evangelischen Zeitung“ erschien derweil ein Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „Darf ich als Protestant über Fronleichnam lachen?“, der zwar vordergründig darauf ausgerichtet schien, bei seinem Publikum Verständnis oder wenigstens Toleranz für die katholische Frömmigkeitspraxis zu wecken, diese Absicht jedoch permanent durch Schlagworte wie „fromme Folklore“, „Anachronismus“, „Mummenschanz“ oder gar „Gott im Teigmantel“ unterlief. Dabei hält die Annahme, die Verehrung des eucharistischen Leibes Christi sei „aus der Zeit gefallen“, einer sachlichen Überprüfung nicht stand: Vielmehr scheint es, dass praktisch überall, wo die katholische Kirche in unseren Breiten neue geistliche Aufbrüche erlebt, die Eucharistische Anbetung eine wichtige Rolle spielt. Gerade auf Jugendliche und junge Erwachsene übt die Einladung zur leibhaftigen Begegnung mit Christus im Altarsakrament offenbar größere Anziehungskraft aus als innerkirchliche Reformdebatten oder sozialpolitischer Aktivismus.  

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Dieser Aufschwung der Anbetung bleibt nicht überall ohne Widerstand. In der Mainzer St.-Achatius-Kirche etwa organisiert eine Initiative von Gläubigen eine bereits seit über sechs Jahren ununterbrochene „Eucharistische Anbetung rund um die Uhr“; in jüngster Zeit berichtete die lokale Presse jedoch von Anwohnerbeschwerden wegen nächtlicher Ruhestörung. Dabei erwecken Debatten in den Sozialen Medien den Eindruck, dass es weniger um einzelne Fälle von rücksichtslosem Verhalten nächtlicher Anbeter geht als darum, dass diese Gebetsinitiative insgesamt als Provokation und Ärgernis wahrgenommen wird. Mehrfach wird in diesem Zusammenhang sogar die Frage aufgeworfen, warum das Bistum solchem Treiben nicht Einhalt gebiete. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier davon ausgegangen wird, es sei Aufgabe der institutionellen Kirche, geistliche Aufbrüche einzudämmen und auf ein sozialverträgliches Maß zurückzustutzen, gibt zu denken – und wirft auch die Frage auf, inwieweit die Amtskirche in Deutschland womöglich selbst zu dieser Erwartungshaltung beigetragen hat.  


Der Autor lebt als Geisteswissenschaftler und Familienvater in Berlin.

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